Beikost

Beikost – Mit Essen spielt man noch!

Wie entstehen eigentlich Essgewohnheiten und wie können Eltern, durch die richtige Form der Beikost, von Beginn an positiv darauf Einfluss nehmen? Dieser Artikel stellt das Beikostkonzept „Baby-led weaning“ vor, bei dem das Baby selbstbestimmt auswählt was es isst. Das fördert nachweislich gesundes Essverhalten und macht dem Baby obendrein auch noch Spaß.

Ab wann Beikost?

Ungefähr mit einem halben Jahr beginnen Säuglinge Interesse an alternativen Nahrungsmitteln zu entwickeln. Sie schauen ihren Eltern gebannt beim Essen zu. Oftmals imitieren sie dabei sogar deren Mundbewegungen. Sie verfolgen die Bissen regelrecht bis in den Mund hinein. Jeder, in die kleine Hand genommene, Gegenstand landet mit relativer Zielsicherheit immer wieder im eigenen Mund. Und wenn das der Fall ist, ist auch der richtige Zeitpunkt gekommen, mit der Beikost zu beginnen.

Beikost heißt es deshalb, weil die Milchmahlzeit noch das nächste halbe Jahr hindurch eine Hauptrolle in der Ernährung spielen wird. So empfiehlt es auch die WHO.
Nun steht auf vielen Babygläschen aber schon „ab dem 4. Monat“. Kann man nicht schon früher loslegen? Ja, man kann, sollte man aber nicht. Die ersten sechs Monate lang ist die ideale Ernährung für Babys einfach die Muttermilch, bzw. Pre- oder HA-Milch. Außerdem haben die Babys einen Schutzreflex, der bewirkt, dass die Zunge feste Bestandteile gleich wieder aus dem Mund schiebt. Wenn man also zu früh mit der Beikost anfängt, muss dieser Reflex erst mühsam überwunden werden. Warum die Gläschen trotzdem verkauft werden? Weil sie gekauft werden.
Ernährungsphysiologisch macht es jedenfalls keinen Sinn, bereits vor dem 6. Monat mit der Beikost zu beginnen.

Baby-led weaning – altes Konzept, neuer Name

Schon immer drückten experimentierfreudige Eltern ihren neugierigen Kindern „Fingerfood“ in die Hand. Eine Schrippe beim Bäcker, ein Stück Fleischwurst beim Metzger, ein Stück Gurke als Überbrückung bis das Essen fertig ist.
Die britische Kinderkrankenschwester Gill Rapley hat 2008 ein Buch* über diese Art der Zufütterung geschrieben und dem „Kind“ einen neuen Namen gegeben: „Baby-led weaning“, oder kurz BLW. Das bedeutet übersetzt etwa „babygesteuerte Beikosteinführung“.
Die Methode ist im Prinzip eine Fortführung von „Stillen nach Bedarf“ aus den ersten sechs Monaten. Auch hier kann das Baby selbst bestimmen, wann und wie lange es trinken möchte. Beim BLW bleibt das Baby ebenfalls selbstbestimmt. Es bekommt dabei Nahrungsmittel angeboten, die es selbst entdecken, schmecken, zermatschen und eben auch essen darf. Hierbei macht man sich die natürliche Neugierde und Experimentierfreude der Kinder zunutze. Es geht am Anfang nicht primär um die Nahrungsaufnahme, denn die passiert erst mal auch weiterhin über das Stillen oder das Milchfläschchen. Daher können die Eltern ganz entspannt sein, wenn erst mal nur winzige Anteile des Essens im Mund landen, geschweige denn diese überhaupt verzehrt werden.

BLW – so geht’s

Eigentlich ist alles ganz einfach, aber ein paar Regeln gibt es dennoch:

  • Wenn du eine allergiegeplagte Familie hast, halte erst mal mit deiner Hebamme, oder mit dem Kinderarzt Rücksprache, bevor du loslegst.
  • Dein Baby sollte eigenständig aufrecht sitzen können.
  • Du solltest nach Möglichkeit versuchen immer gemeinsame Mahlzeiten mit deinem Kind einzunehmen. Dann ist der Nachahmungseffekt am größten und das Essen wird am ehesten gelingen. Außerdem sind gemeinsame Mahlzeiten einfach schön.
  • Trimme die Nahrungsmittel auf eine handliche Größe. Dabei ist es wichtig, die Nahrungsmittel nicht zu klein zu schneiden. Die Babys greifen am Anfang mit der ganzen Hand zu, so dass eine zu kurz geschnittene Mohrrübe gerne mal in der Faust verschwindet. Später können die Kinder mit kleineren Häppchen den Pinzettengriff üben.
  • Dein Kind sollte einige Nahrungsmittel zur Auswahl haben. Aber bitte nicht zu viele, sonst kann es leicht überfordert sein und wird erst mal nur „abräumen“. Ist auch lustig! Ein Stück Brokkoli, eine Mohrrübe und ein Stück Kartoffel bilden z.B. eine gute erste geschmackliche Bandbreite.
  • Natürlich sollte das Essen weich genug sein, aber auch nicht sofort komplett zermatschen. Das Gemüse kann dampfgegart, oder blanchiert werden. Bei relativ weichem Obst reicht es meistens, dieses einfach zu schälen. Keine Angst, auch ein zahnloser Gaumen kann schon einiges zerkleinern. Und was nicht geht, fliegt ganz schnell wieder raus. Das lernst du also sehr flott von deinem Baby…
  • Das Essen ist ausdrücklich auch zum Spielen gedacht. Die Sache macht also richtig Spaß!
  • Wenn dein Baby ein Nahrungsmittel nicht mag, biete es ihm trotzdem immer wieder an. Die Kinder müssen einen neuen Geschmack manchmal erst kennen lernen, bevor sie ihn schätzen können. Da Muttermilch süß ist, kennen sie den süßen Geschmack schon. Muttermilch variiert im Geschmack, je nach Ernährung der Mutter. Daher ist das Stillen die beste Voraussetzung für eine große Experimentierfreude der Kinder. Aber auch Eltern von Flaschenkindern berichten nach einigen Wiederholungen ebenfalls über gute Erfolge.
  • Lass dein Kind niemals mit dem Essen alleine! Es könnte sich verschlucken und Hilfe brauchen.
  • Zucker und Salz gehören nicht ins Kinderessen. Daher solltest du auch von Fertigprodukten absehen, da diese in der Regel nicht ohne auskommen.
  • Im ersten Jahr sollte dein Kind folgende Dinge nicht bekommen:
    – Honig
    – Nüsse
    – fetten Fisch
    – nicht homogenisierte und pasteurisierte Milchprodukte
    – rohes Ei.
  • Wer isst, muss auch trinken. Je besser dein Kind die Nahrung auch wirklich verspeist, umso häufiger solltest du ihm Wasser anbieten. Im Zweifelsfall sagt dir der (dann zu feste) Inhalt der Windel, ob es zu wenig Flüssigkeit war.

Nach dem experimentellen Teil des Essens, kommt der reelle: Bis dein Baby wirklich allein durch Fingerfood eine ganze Mahlzeit ersetzt, folgt im Anschluss jeweils noch eine komplette Stillmahlzeit.

Zusätzliche Tips

  • Am Anfang wird ein Großteil des Essens überall landen – außer natürlich im Mund des Kindes. Wenn ihr also einen Hund habt, wird auch er diese Methode lieben! ;-)
  • Wenn es warm ist, dann könnt ihr die Mahlzeit optimaler Weise einfach draußen einnehmen – sofern ihr die Möglichkeit dazu habt.
  • Bei entsprechenden Temperaturen empfiehlt es sich, die Mahlzeiten halb nackt einzunehmen.
  • Wenn ihr im Winter mit dem BLW anfangt, hoffe ich, dass eure Küche einen pflegeleichten Boden hat. Wenn nicht, solltet ihr auf jeden Fall ein großes Öltuch, einen Duschvorhang, oder zumindest eine Tischdecke unter den Hochstuhl legen. (Fotoapparat nicht vergessen!)

Vor- und Nachteile

In einer britischen Studie der Universität von Nottingham fanden Dr. Ellen Townsend und ihr Team heraus, dass Kinder, welchen mit der BLW-Methode zugefüttert wurde, später gesündere Essgewohnheiten hatten und seltener an Übergewicht litten, als mit Brei gefütterte Kinder.
Aus der Universität von Glasgow berichtet Charlotte M. Wright von einer neuen Studie, nach der es bei BLW zu Mangelerscheinung bei Kindern kommen kann. Daher ist ihre Empfehlung, zusätzlich zum Fingerfood auch noch pürierte Breie zu füttern. Oder eben die Milchmahlzeit dranhängen, was ich viel besser finde.
Ich denke, dass es nicht allein eine Frage der Methode ist, denn es kommt natürlich auch auf die Auswahl der Nahrungsmittel an. Obst, Gemüse, mageres Fleisch und ein Stück Vollkorntoast bilden sicherlich ein gesundes Fingerfood, wohingegen Pommes und Kuchenstückchen eher nicht dafür geeignet sind, den Hauptbestandteil der Säuglingsernährung zu liefern. Aber das ist ja klar. Oder?
Auch ist es so, dass die fettlöslichen Vitamine A,D,E und K (Eselsbrücke:Edeka) wie der Name schon sagt, Fett, also beispielsweise Öl benötigen, um gut im Körper aufgenommen zu werden. Solange das Baby nach dem Genuß des Gemüses gestillt wird, ist das also kein Problem. Wenn das Stillen aber langsam weniger wird, müssen Öle zugesetzt werden. Ziel der ganzen Übung ist es ja aber sowieso, dass das Kind am Ende des ersten Jahres, bis auf einige Ausnahmen, alles mit isst, was auch die Eltern essen. Und beim Kochen verwendet man ja sowieso meistens Öl.

Locker bleiben

Ich finde es wichtig, die ganze Beikosteinführung nicht zu dogmatisch zu sehen. Wenn grad Zeit ist, gibt es Fingerfood, wenn es mal schnell gehen muss, tut es auch ein Brei. Das ganze soll ja Spaß und nicht Stress machen. Außerdem hat jedes Kind seinen eigenen Kopf und sein eigenes Tempo. Selbst in ein und der selben Familie verhalten sich Kinder essenstechnisch völlig unterschiedlich. Meine Tochter verweigerte ein Jahr lang jegliche feste Nahrung, um dann von einem Tag auf den Anderen einfach alles zu essen: Oliven, Ei mit Tabasco, saure Gurken… Mein Sohn aß schon mit sechs Monaten komplette Äpfel, ist aber bis heute ein eher wählerischer Esser. Essen ist eben Geschmacksache.

Ich wünsche dir und deinem Baby viel Spaß beim Experimentieren und einen guten Appetit!
Wenn du Breifrei mal ausprobieren möchtest, empfehle ich dir das Breifrei Kochbuch.

*Nachtrag:
Inzwischen ist die deutsche Übersetzung des oben erwähnten Buches erschienen:  Baby-led Weaning – Das Grundlagenbuch: Der stressfreie Beikostweg

Quellen:
Nottinghamer Studie: http://bmjopen.bmj.com/content/2/1/e000298.full
Glasgower Studie: (“Baby-Led Weaning Is Feasible but Could Cause Nutritional Problems for Minority of Infants” Science Daily. January 14, 2011.)
Die offizielle Website von Gill Rapeley: http://www.rapleyweaning.com/
Gill Rapeleys Buch: “Baby-led Weaning: Helping Your Baby to Love Good Food

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7 Antworten
  1. Kathrin
    Kathrin sagt:

    Hallo Jana,
    ich habe grade deinen Blogeintrag über BLW gefunden! Felix (5 1/2 Monate) übt seit ein paar Tagen ganz fleißig zu essen und zwar mit Fingerfood, für mich war das ein schlüssiges Konzept vielleicht auch weil es, bis auf die Grundregeln, eben keine richtigen Regeln gibt.
    Felix nimmt das ganze ganz gut an und hat sichtlich Spaß daran. Nur an unserer Variationsvielfalt müssen wir noch arbeiten. Im Moment gibts meist Zucchini.
    Toll, dass du diesen Artikel geschrieben hast, vielleicht motiviert das ja noch mehr Mütter mal einen anderen Weg zu gehen!
    Ganz liebe Grüße
    Kathrin mit Felix

    Antworten
    • Jana Friedrich
      Jana Friedrich sagt:

      Hallo Katrin, die Variationsvielfalt kommt schon noch. Wenn Babys immer sofort alles essen würden, was ihnen unter die Finger kommt, hätte die Menschheit nicht überlebt ;-). Kinder sind von Natur aus skeptisch mit neuen Geschmäckern und müssen diese erst mehrfach angeboten bekommen, bevor sie sich darauf einlassen. Es sei denn es handelt sich um Geschmäcker, die der Muttermilch-Süße ähneln.
      Euch noch viel Spaß beim Experimentieren!

      Antworten
  2. resa
    resa sagt:

    Hallo JAna,
    ich kann Dir wirklich nur zustimmen.. jedes Kind hat seinen eigenen Kopf und auch ein eigenes Geschmacksempfinden. Man sollte sich hier als Mutter einfach nicht stressen lassen ;-)
    Viele Grüße,
    Resa

    Antworten
  3. Jessica
    Jessica sagt:

    Hallo Jana, tausend Dank für deine eine Zeile, dass deine Tochter ein Jahr lang feste Nahrung verweigerte. Meine Kleine ist 8 Monate und will auch nix. Ich habe eine Odyssee an Ratschlägen und möglichen “krankhaften” Ursachen-Vermutungen hinter mir. Dein Satz macht mir Mut und Hoffnung. Ich probiere einfach weiterhin ihr immer wieder fingerfood anzubieten und hoffe auf den Tag an dem sie anfängt und isst.
    Danke

    Antworten
  4. Donix
    Donix sagt:

    Ein sehr schöner Beitrag und wie jeder weiss ist die Beikosteinführung eine sehr interessante Zeit für die jungen Eltern. Was verträgt mein Baby und was nicht. Auf der sicheren Seite ist man immer, wenn man den Brei wirklich komplett selber macht. Auf http://beikost-selbstgemacht.de/ gibt es dazu viele wichtige Infos. Nehmt euch die 5. min und bereitet für euer kleines Baby einen schmackhften und hochwertigen Brei zu.

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Trackbacks & Pingbacks

  1. […] ja nicht so prickelnd. Hoch im Kurs war nur Fingerfood. Guter Bericht dazu und zum Thema Beikost: Beikost Aber vielleicht klappt es ja dieses Mal besser. Die Hoffnung stirbt bekannterweise ja […]

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