Schwangerschafts­mythen & Aberglaube bei der Geburt

Früher erklärte man sich viele Prozesse rund um Schwangerschaft und Geburt auf mystische Weise, sodass mit der Zeit entsprechende Schwangerschaftsmythen entstanden: Wenn das Baby ein Muttermal hatte, dann lag das wahrscheinlich an einem „bösen Blick“, der auf die Schwangere gefallen war. Ein Geburtsstillstand lag an den geflochtenen Haaren der Gebärenden, und wenn beim Baby die Brust anschwoll und sogar Milch austrat, war die Hebamme wohl eine Hexe. „Hexenmilch“ wird diese, durch mütterliche Stillhormone ausgelöste Flüssigkeit bis heute genannt.

 

Heute, wo alles mehr oder weniger gründlich erforscht ist, dürfte daher der Aberglaube eigentlich keine Rolle mehr spielen. Umso erstaunlicher ist es, dass sich einige Schwangerschaftsmythen immer noch hartnäckig halten.
„Haarige Babys machen Sodbrennen“ ist mein Lieblingsbeispiel. Aber ist alles Blödsinn oder ist da vielleicht auch mal was dran? Tatsächlich gibt es Mythen, die einen wahren Kern haben.

Die gängigsten Schwangerschaftsmythen habe ich mir für euch mal vorgeknöpft. Vielleicht habt ihr ja das eine oder andere schon mal gehört …

„Wenn die werdende Mutter Sodbrennen hat, bekommt das Kind viele Haare.“

In der Schwangerschaft drückt die wachsende Gebärmutter zunehmend auf den Magen. Die Schwangerschaftshormone verringern außerdem den Muskeltonus. Beides führt dazu, dass der Magenpförtner nicht mehr so optimal schließt. Dadurch fließen kleine Mengen von Magensäure in die Speiseröhre zurück. Es entsteht Sodbrennen. Das ist unangenehm, fördert aber nicht das Haarwachstum des Kindes.
Da viele Schwangere Sodbrennen haben, und einige Kinder schon eine ordentliche Haarpracht zur Geburt mitbringen, fühlen sich immer mal wieder Menschen in dem Glauben bestätigt.

Junge oder Mädchen?

„Sieht die Frau blendend aus, hat einen spitzen Bauch und oft Lust auf Süßes, wird das Kind ein Junge. Ist der Bauch aber rund, die Gelüste gehen eher in die saure Richtung und die Mutter sieht eher müde und schlecht aus, wird es ein Mädchen“, heißt es oft. Aber stimmt das?

„Spitzer Bauch = Junge, runder Bauch = Mädchen“

Diese Interpretation ist ein typisches Beispiel von selektiver Wahrnehmung. Da es eine 50/50 Chance für das jeweilige Geschlecht gibt, fühlt sich eben circa jede zweite Frau in ihrem Glauben bestätigt. Diese Zuschreibungen halten sich daher hartnäckig.
Was beeinflusst die Bauchform? Die Kindslage spielt eine Rolle, die Haltung der Frau während der Schwangerschaft kann Auswirkungen haben, ebenso wie die jeweilige Anatomie.

„Gelüste auf Saures = Mädchen, süßes = Junge“

Gelüste in der Schwangerschaft sind individuell. Manchmal sind sie auf einen Nährstoffmangel zurückzuführen, manchmal liegt es einfach an den leicht veränderten Blutzuckerspiegeln in der Schwangerschaft. Und interessanterweise unterliegen Schwangerschaftsgelüste auch einer kulturellen Prägung.

„Mädchen rauben der Mutter die Schönheit, Jungs geben den GLOW“

Diese (echt gemeine) Aussage ist natürlich auch Quatsch. Einige Frauen fühlen sich in der Schwangerschaft hervorragend. Die Schwangerschaftshormone sorgen oft für eine straffere, strahlende Haut. Andere Schwangere sind müde und angestrengt von der körperlichen Belastung. Auch hier gibt es wieder eine 50/50 Chance, dass das Vorurteil bestätigt wird.

„Die meisten Kinder kommen bei Vollmond.“

Ich bin mir sicher, dass viele Kolleginnen diese These bestätigen würden. Die Statistik spricht jedoch dagegen.
Auch in meinem Kreißsaal waren viele von uns davon überzeugt, an Vollmond immer besonders viel zu tun zu haben. Daher überprüften wir es. Ein Mondkalender wurde angeschafft und jedes geborene Kind eingetragen. Tatsächlich gab es immer mal wieder eine Geburtenschwemme an Vollmondnächten. Genauso, wie es manchmal viele Kinder an Neumond oder bei zu- oder abnehmendem Mond gab. Unsere kleine, interne Statistik stimmt mit der großen überein („Lunar Cycle and the Number of Births“, 2008). Auch hier ist selektive Wahrnehmung im Spiel.

„Erschreckt sich die Mutter in der Schwangerschaft, bekommt das Kind ein Muttermal.“

Muttermal ist ein übergeordneter Begriff für alle Arten von gutartigen Hautwucherungen der pigmentierenden Zellen, die bereits zum Zeitpunkt der Geburt vorhanden waren. Wenn sie später entstehen, nennt man sie Leberflecken.
Früher erklärte man sich diese Male mit bösem Zauber oder eben einem Schrecken in der Schwangerschaft. Erstaunlicherweise halten sich solche alten Geschichten tatsächlich immer noch.

„Wenn die Mutter die Arme über den Kopf nimmt, verknotet sich die Nabelschnur.“

Nabelschnurknoten entstehen durch die Turnübungen der Kinder. Sie lassen sich von außen weder verstärken noch verhindern. Aber natürlich sind mal wieder die Mütter schuld. Ist ja klar…

„Jede Schwangerschaft kostet einen Zahn.“

Das war früher sicher recht häufig der Fall, denn durch die veränderte Hormonlage wird das Zahnfleisch weicher und zusätzlich besser durchblutet. Die Voraussetzungen für Zahnfleischentzündungen und Taschenbildungen verbessern sich. Heute muss eigentlich niemand mehr durch die Schwangerschaft Zähne lassen. Jedoch sind eine gute Zahnpflege und 1-2 Zahnarztbesuche während der Schwangerschaft ratsam. (Güntsch et al., 2012)

„Frauen bekommen eine Schwangerschaftsdemenz / Stilldemenz.“

Dafür gibt es den Erklärungsversuch, dass eben die ganze Aufmerksamkeit auf das Kind fokussiert ist. Aber das ist nicht die ganze Wahrheit.
In der Schwangerschaft nehmen, in bestimmten Bereichen, die grauen Zellen ab. (Davies et al., 2018). Dadurch steigt die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen. Also das, was Mütter ständig tun: die Bedürfnisse des Babys interpretieren. Das Gehirn fokussiert also eher auf Bindung & Beziehung.
Die Veränderung im Gehirn korreliert daher mit der Stärke der Mutter-Kind-Bindung. Diese Veränderung hält mindestens zwei Jahre an. Im Gehirnscan erkennt man tatsächlich mindestens zwei Jahre lang, ob jemand schwanger war (Hoekzema et al., 2017). Zusätzlich begünstigt das Stresshormon Cortisol eine Schwangerschaftsdemenz, beziehungsweise eine Stilldemenz.
Das Wort „Stilldemenz“ ist dabei irreführend, denn Stillen senkt den Cortisolspiegel. Außerdem hat das Stillhormon Prolaktin eine schützende Wirkung auf den Schlaf. Es wirkt besonders auf den REM-Schlaf und je länger die Tiefschlafphasen sind, desto besser ist die Gedächtnisleistung.

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Und was glaubt ihr?

Welche heute noch gebräuchlichen „Weisheiten“ kennt ihr noch? Gibt es etwas, was hier fehlt?
Es gibt sicher auch regionale Unterschiede. Ich bin gespannt …

Davies, S. J., Lum, J. A., Skouteris, H., Byrne, L. K., & Hayden, M. J. (2018). Cognitive impairment during pregnancy: A meta-analysis. Medical Journal of Australia, 208(1), 35–40. doi.org/10.5694/mja17.00131

Güntsch, A., Schüler, I., Kneist, S., Heinrich-Weltzien, R., & Sigusch, B. (2012). Die Mundgesundheit von Schwangeren und deren Mundgesundheitsbewusstsein. Das Gesundheitswesen, 75(06), e69–e73. doi.org/10.1055/s-0032-1321765

Hoekzema, E., Barba-Müller, E., Pozzobon, C., Picado, M., Lucco, F., García-García, D., Soliva, J. C., Tobeña, A., Desco, M., Crone, E. A., Ballesteros, A., Carmona, S., & Vilarroya, O. (2017). Pregnancy leads to long-lasting changes in human brain structure. Nature Neuroscience, 20(2), 287–296.  doi.org/10.1038/nn.4458

Lunar cycle and the number of births: A spectral analysis of 4,071,669 births from South-Western Germany. (2008). Acta Obstetricia et Gynecologica Scandinavica, 87(12), 1378–1379. doi.org/10.1080/00016340802478174

 

Neuauflage-Hinweis: Diesen Blogbeitrag hat die Autorin im September 2012 erstveröffentlicht und im Oktober 2022 leicht überarbeitet wiederveröffentlicht. Daher sind einige LeserInnen-Kommentare älter datiert, als das aktuelle Veröffentlichungsdatum der „Neuauflage“. 

Jede Frau hat das Recht auf eine positive, selbstbestimmte Geburtserfahrung. Seit ich Hebamme geworden bin verhelfe ich Frauen dazu.
Ich bin Jana Friedrich, Mutter von zwei Kindern, Hebamme seit 1998 (und seit September 2020 mit B. Sc. of Midwifery), Bloggerin seit 2012, Autorin zweier Bücher, Speakerin und Expertin im Themenbereich Familie. Mit meiner Expertise unterstütze ich darüber hinaus auch Kulturschaffende, Firmen und Politiker*innen.
In diesem Blog teile ich mit dir mein Wissen und meine Erfahrung rund um Schwangerschaft, Geburt, Wochenbett und das erste Jahr mit Baby.
Du bekommst bei mir Informationen, Beratung und „Zutaten“ zur Meinungsbildung für eines der spannendsten Abenteuer des Lebens.

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6 Kommentare
  1. Avatar
    kunterbunt sagte:

    Super, eine Seite nach meinem Geschmack! Hier meine Ergänzungen:

    Fehlgeburtsmythen:
    Wenn eine Schwangere stürzt (egal ob sie die Treppe runterpurzelt oder über eine Türschwelle stolpert) erleidet sie mit großer Wahrscheinlichkeit eine Fehlgeburt.

    Wenn eine Schwangere zu ruckartige Bewegungen macht, erleidet sie evtl. eine Fehlgeburt.

    Wenn eine Schwangere mal zu schwere Einkaufstüten nach Hause trägt, erleidet sie ggf. eine Fehlgeburt.

    Wenn sich eine Schwangere streckt und dehnt oder überhaupt irgendwie körperlich betätigt, schadet das dem Kind – Gefahr: Fehlgeburt!

    (Bei der langen Liste an angeblichen Faktoren für Fehlgeburten, die ich während meiner Schwangerschaft von allen Seiten genannt bekommen habe, ist es nicht verwunderlich, dass sich Frauen nach einer tatsächlichen Fehlgeburt oft schuldig fühlen!)

    Außerdem sehr beliebt bei Kollegen und Arbeitgebern:
    Schwangerschaft ist keine Krankheit – eine Schwangere ist in jeder Hinsicht genauso leistungsfähig im Job wie vor der Schwangerschaft, ungeachtet der gewaltigen psychischen und phyischen Veränderungen, die in ihr vorgehen.

    Geschlechtsmythos:
    Wenn das Baby über den errechneten Termin hinaus nicht geboren ist, wird es ein Mädchen – „es macht sich noch hübsch“.

    Und dann gibt es noch Mythen zu Baby-Tier-Beziehungen nach der Geburt, z. B.:
    Babys, die in Tierhaushalten aufwachsen, erkranken leichter an Allergien.

    Katzen wollen Babys wärmen und legen sich deshalb prinzipiell auf sie und ersticken sie! Also besser die Katze abschaffen, wenn ein Baby kommt…

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  2. Avatar
    Tina sagte:

    Ist es eigtl ein Mythos, dass man das Geschlecht mit Eisprung bestimmen kann?
    ICH halte es für eine 50/50 Chance 😉

    Mir wurde ab dem 8./9. Monat nahegelegt, dass ich NIE allein Auto fahren sollte. Denn dann ist die Gefahr wenn die Wehen beginnen (klar, die gehen auch von 0 auf 100 in 2 Sekunden ;-)), dass ich sooo erschrocken und schmerzgeplagt bin und einen Unfall baue.

    „Du musst nun für 2 Essen“ (gemeint war immer für quasi 2 erwachsene Menschen :-x)… die Kilos danach muss ich aber allein runterkriegen…

    Beim Sex kann man das Kind treffen. Fand ich sehr lustig… kommt bestimmt aus dem Mittelalter, wo Frauen Gründe brauchten um den Mann fern zu halten 😉

    Alle anderen wurden schon genannt, die ich so gehört hatte 😉

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  3. Avatar
    Ira sagte:

    Ich freue mich, dass ich diesen Artikel gelesen habe. Ich kann auch dazu beitragen. Als meine Tochter geboren wurde, wurde ich von meiner Mama und ihren Freundinnen vorsichtig darauf angewiesen, zu überprüfen, ob meine Kleine unter ihrer Haut dunkle harte schwarze Haare auf dem Rücken und Hüften hat. Dafür sollte ich ein Paar Tropfen Muttermilch in ihre Haut einreiben. Angeblich wären diese Haare sofort um 2-3 mm sichtbar geworden. Angeblich haben eben diese Haare dem Baby gestört. Daher war es so unruhig und hat in den ersten drei Monaten geschrien. Also, um die Haare wegzumachen und somit böse Geister aus dem Körper zu verjagen, sollte man das Baby in die heiße Sauna bringen und es mit Teig und Honig wie beim Peeling massieren. Angeblich haben alle Frauen aus dem Bekanntenkreis meiner Mutter das mit ihren Babys gemacht. Alle Babys sind dank dieser „Haarentfernung“ ruhig und ausgeglichen geworden.
    Ich muss sagen, dass ich ziemlich verunsichert war, da diese Aberglaube mir echt Angst gemacht hat. Ich hatte im Ernst Angst, Muttermilch in die Haut meiner Tochter einzureiben. Ich habe entschieden, mit meiner Hebamme das Ding zu besprechen. Zum Glück. Die Hebamme hat von sowas nie gehört und solche Haare nie gesehen. Meine Mama habe ich gebeten, mir keine solche Tipps mehr zu geben.

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  4. Avatar
    marion sagte:

    zu
    „Geschlechtsmythos:
    Wenn das Baby über den errechneten Termin hinaus nicht geboren ist, wird es ein Mädchen – „es macht sich noch hübsch“.“
    ich kenn auch die Variante: „über den Termin ist es ein Junge – der findet den Ausgang nicht.

    ist also auch völlig egal was es ist, es gibt immer einen Grund dafür 😀

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    • Avatar
      jana sagte:

      „Es macht sich hübsch“, kenne ich auch. Oh man, toll wenn das schon vor der Geburt anfängt, mit den Zuschreibungen…
      Danke für die Ergänzung.

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