Elternprotest goes Europe

Elternprotest goes Europe – oder: warum ich Besuch von einer schwedischen Puppe bekam

Status Quo der Geburtshilflichen Versorgung in Deutschland im Februar 2017:
2016 schlossen deutschlandweit 18 Kreißsäle. Weitere Schließungen sind für 2017 angekündigt. Mehrheitlich waren das kleine Kliniken mit relativ wenig Geburten. Die Klinikleitungen sprechen dann immer von Unwirtschaftlichkeit. Denn auch wenn in einem Krankenhaus nur wenig Geburten stattfinden, muss ja immer ein bestimmtes Kontingent an Personal vorgehalten werden. Geburtshilfe – mit allem, was eben in einer Klinik dazu gehört – ist teuer. Es kommt also immer mehr zur Zentralisierung der Geburtshilfe in große Geburtskliniken mit einer hochtechnisierten Ausstattung und oft einer angebundenen Kinderklinik, die für alle Notfälle und Eventualitäten ausgestattet ist.

Wohnortnahe Versorgung? – wohl nicht!

Das führt teilweise zu langen Anfahrtswegen für die Gebärenden. Nicht überall in Deutschland ist es so dramatisch wie auf der Insel Föhr, wo seit der Schließung der Geburtsstation die Schwangeren zwei Wochen vor dem ET nach Flensburg oder Husum ziehen sollen, um dort, in der Nähe eines Kreißsaales, auf den Geburtsbeginn zu warten. Aber auch in anderen Gegenden werden die Wege immer weiter. Daher fordert die Elternorganisation Mother Hood e.V. die wohnortnahe Versorgung mit Geburtsstationen.
Bei Mother Hood „setzen sich Eltern bundesweit für eine gute und sichere Versorgung von Mutter und Kind vor, während und nach der Geburt ein. Durch Kreißsaalschließungen, Personalmangel in Kliniken und Lücken in der Hebammenversorgung ist eine sichere Geburtshilfe heute nicht mehr überall gegeben. Zu den Hauptforderungen gehören: das Recht auf eine selbstbestimmte Geburt und die Eins-zu-eins-Betreuung durch eine Hebamme.“

Selbst bei uns in Berlin, wo wir ja doch immer noch verhältnismäßig gut mit Kreißsälen ausgestattet sind, wird es langsam brenzlig. Zwar beschwichtigen Politiker wie die Gesundheitssenatorin Dilek Kolat (SPD), dass wir in Berlin gerade einen Babyboom erleben – es einen echten Engpass aber nicht gebe. Babys könnten nur nicht mehr immer im Wunschkrankenhaus geboren werden. Tatsächlich häufen sich die Berichte von Abweisungen wegen Überbelegung. Aber das abzutun als „ist doch auch egal wo“ finde ich schon sehr un-empathisch und aus der Zeit gefallen. Eltern empfinden es als sehr belastend, wenn sie sich in einer Klinik angemeldet haben, um dann unter Wehen zu erfahren, dass sie dort aus Platzmangel nicht aufgenommen werden können. Es erinnert ein wenig an die Weihnachtsgeschichte…

1 zu 1 Betreuung? – nicht annähernd!

Und selbst wenn die Tür sich für einen öffnet, heißt das noch lange nicht, dass die Betreuung dann so stattfindet wie gewünscht. Denn es herrscht wie gesagt ein Geburtenboom – bei eher gleichbleibender Besetzung mit Hebammen. Ein Resultat sind mehr Interventionen und steigende Kaiserschnittraten:
„2016 wurde eine CochraneUntersuchung veröffentlicht, die besagt, dass Frauen, die kontinuierlich von einer Hebamme betreut werden, deutlich seltener eine PDA benötigen und weniger oft einen Dammschnitt erhalten. Auch Geburtszange oder Saugglocke kommen seltener zum Einsatz. Zudem steigen die Chancen auf eine spontane Vaginalgeburt für Frauen, die während der Wehentätigkeit von vertrauten Hebammen betreut werden. In die Cochrane-Untersuchung sind Studienergebnisse von insgesamt 17,674 Frauen mit niedrigen und mittleren Komplikationsrisiken eingeflossen.“ – Quelle: Deutscher Hebammenverband Diese kontinuierliche Betreuung ist aber nicht zu gewährleisten, wenn Hebammen mehrere Frauen gleichzeitig betreuen müssen.

Auf die außerklinische Geburtshilfe möchte ich hier ausnahmsweise mal gar nicht weiter eingehen. Ich denke es ist hinreichend bekannt, dass auch hier ein Mangel herrscht, der Wahlmöglichkeiten begrenzt bis unmöglich macht.

Wochenbettbetreuung? – nur mit viel Glück

Ähnlich schlecht ist es um die häusliche Wochenbettbetreuung bestellt. Wer das Glück hat, noch eine Hebamme für die Nachsorge zu Hause zu finden, kann sich freuen. Inzwischen gehen aber auch viele Familien leer aus. Für die Wöchnerinnen ist es ein herber Verlust. Wir verlieren hier gerade einen wunderbaren Bereich der Prävention, fast möchte ich auch sagen: ein Kulturgut.
Aber auch hier schließt sich ein (Teufels)Kreis. Denn die Frauen, die im Wochenbett Probleme haben, gehen in die Notaufnahme, also wieder in den Kreißsaal, wo eine Kreißsaalhebamme sich um die Brustentzündung, die blutigen Brustwarzen, den Lochialstau o.ä. kümmert. Diese Hebamme hat wiederum weniger Zeit für die Gebärenden. Die Arbeit mit den „Ersten Hilfen“ findet im Betreuungsschlüssel der Hebammen so gut wie keine Berücksichtigung.

Für uns Hebammen heißt das, dass wir uns um die Gebärenden einfach nicht kontinuierlich kümmern können. Wir jonglieren nämlich pro Schicht mit mehreren Gebärenden in verschiedenen Stadien der Geburt, versorgen dazwischen die Ersten Hilfen, assistieren bei Gynäkologischen Patientinnen, schreiben CTGs bei Frauen über dem Termin und überwachen Einleitungen. Das alles geht. Richtig gute Geburtshilfe sieht aber anders aus.
Es ist extrem unbefriedigend für uns Hebammen, aber vor allem auch schlecht für die Frauen. Denn Frauen erwarten mehr von einer Geburt, als das am Ende Mutter und Kind überleben.

Aber was hat das alles mit Schweden zu tun?

Im Januar berichtete die SüddeutscheZeitung über die schwedische Gemeinde Sollefteå, die zukünftig „Kurse für die Notfall-Entbindungen im Auto“ anbieten wollte. Die Geburtsstation der 9000-Einwohner-Gemeinde im wenig besiedelten Norden des Landes drohte zu schließen und Schwangere sahen sich mit langen Autofahrten bis Örnsköldsvik oder Sundsvall, also 120 und 200 Kilometer entfernt gelegenen Entbindungsstation, konfrontiert. Es handelt sich um Strecken, die im Winter oft schwer passierbar, dunkel und teilweise außerhalb des Handynetzes gelegen sind. Zwei Hebammen überlegten sich also kurzerhand, Eltern auf solch eine „Geburtsreise“ vorzubereiten. Die Idee stieß bei uns nicht unbedingt auf Begeisterung. Wer strebt schon eine Geburt im Auto an?
Aber: Schweden hat offensichtlich ähnliche Probleme wie wir. Auch dort schließen Kliniken. Auch dort wird zentralisiert. Auch dort fragen sich Eltern was sie tun sollen, um diese Verschlechterung der Geburtshilfe zu verhindern.

Gudrun Svea Ådalia – eine Puppe mit Mission

Die Belegschaft der Geburtsstation in Sollefteå war in dieser Hinsicht besonders kreativ. Bevor die Geburtshilfe dort am 1. Februar 2017 schloss, wurde noch ein letztes Baby geboren: „Gudrun Svea Ådalia“.
Gudrun ist ein fiktiver Charakter, der nun in Form einer Babypuppe herumreist, um auf die Situation aufmerksam zu machen.
Die Puppe Gudrun Svea Ådalia soll nicht zurückkehren, bis die Politiker in Västernorrland entscheiden, die Geburtshilfliche Abteilung wieder zu öffnen. Bis dahin soll Gudrun aber möglichst viel in der Welt herumkommen, Menschen treffen, sich Tipps abholen und vielleicht auch etwas über die Situation in anderen Ländern herausfinden. Die erste Station ihrer Reise war Stockholm, wo sich Gudrun mit verschiedenen solidarischen Gruppen getroffen hat. Auch im schwedischen Fernsehen war sie schon.

Hier in Deutschland wurde Mother Hood auf Gudrun Svea Ådalia aufmerksam und beschloss, die Aktion zu unterstützen. Es wurde ein Treffen in Deutschland organisiert. Gudrun besuchte auf ihrem Weg nach Berlin zuerst ein Geburtshaus in Rostock und kam am Dienstag früh mit der Bahn (begleitet von einer DB-Schaffnerin) am Berliner Hauptbahnhof an. Dort wurde sie von Claudia Watzel (von Motherhood) abgeholt. Gemeinsam kamen die beiden dann zu mir. Ich beantwortete Gudrun Svea Ådalia ihre Fragen, die sie in Form eines Briefes bei sich trägt. Die Antworten könnt ihr hier nachlesen (erst kommt der schwedische, dann der deutsche Text). Und wir machten Fotos. Dieser Brief ist an Gudrun Svea Ådalias Kindersitz befestigt:

Natürlich wünsche ich Gudrun Svea Ådalia ganz viel Glück bei ihrer Mission und hoffe, dass sie bald erfolgreich, nach Hause zurück kehren kann.

Außerdem wünsche ich Schweden und Deutschland eine Kehrtwende in der Gesundheitspolitik. Ja, Geburtsmedizin ist teuer. Aber physisch und psychisch gesunde Familien sind (auch volkswirtschaftlich) wertvoll. Viele denken, die Schwangerschaft, Geburt und die erste Zeit mit dem Baby ist ja nur ein kurzer Zeitraum in unserem Leben, aber es ist so vieles mehr. Wie wir geboren werden und wie es unseren Eltern in dieser Zeit geht, hat Auswirkungen auf unsere Entwicklung und unser gesamtes Leben.

Gudrun Svea Ådalias weiteren Weg könnt ihr auf ihrer Fb-Seite verfolgen.



Hebammenblog.de gefällt Dir? Für's Liken & Teilen sag ich Danke! ;-)

Hier geht's zum Newsletter, der Dich alle 2-3 Wochen über neue Artikel informiert...


3 Kommentare

Trackbacks & Pingbacks

Dein Kommentar

Du hast Anregungen oder Kommentare?
Schreib was!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.