Geburtsbericht: geboren im Auto

Geburtsbericht – geboren im Auto

Eine der Horrorvorstellung eines jeden Paares ist es ja, nicht rechzeitig los zu kommen und das Baby alleine und ganz ohne Hilfe bekommen zu müssen – womöglich eine Geburt im Auto. Auch wenn ich gar kein Fan von geplanten Alleingeburten bin, muss ich sagen: Bei diesen schnellen Verläufen geht in der Regel alles gut und daher muss man sich meiner Meinung nach nicht allzu sehr davor fürchten. Das Wichtigste bei so einer Überraschungsgeburt ist es, das Baby warm zu halten und zu schauen, ob es zügig rosig wird und gut atmet. Denn auch für Babys ist so eine schnelle Geburt eine ganz schöne Überrumpelung und sie brauchen dann manchmal etwas länger, um gut in dieser Welt anzukommen. Am besten legt die Mama das Kind gleich auf die warme Brust und deckt es gut zu. Zusätzlich können die Füße oder der Rücken ein wenig gerubbelt werden. So gelingt die Anpassung am besten.

Marlene, die den heutigen Geburtsbericht geschrieben hat, erlebte so eine schnelle Geburt und hat das ganz großartig gemanaged. Sie hatte aber auch mit ihrem Mann eine richtig kompetente Hilfe. Aber lest selbst. Hier kommt Marlenes Geburtsbericht über eine echt rasante Geburt – wie immer mit kleinen Anmerkungen von mir in lila.

Die Geburt unseres Sohnes

„Für meinen Mann, meinen Helden. Ich liebe Dich <3“

Es ist Anfang Oktober. Ich sitze auf der Couch und freue mich auf die Kürbissuppe, die ich kochen will. Mein Bauch ist rund, riesig und prall. Der kleine Prinz darin zappelt wie wild. Von wegen, das wird weniger zum Schluss…
Ich hab seit zwei, drei Wochen immer mal wieder Wehen, die regelmäßig kommen aber wieder aufhören, sobald ich ernsthafter drüber nachdenke oder in die Wanne gehe.

Heute morgen war ich noch beim Arzt. Es ist alles in Ordnung. Der Kleine liegt schon so tief im Becken, dass die Größe nicht mehr gut geschätzt werden kann. Der Muttermund ist schon 2 cm geöffnet. „Ah, sehr gut, das Rumgewehe hat schon etwas gebracht“. Der Arzt sagt, ich solle nicht mehr allzu lange warten zuhause wenn es jetzt losgeht. „haha“

Es gibt Frauen, deren Muttermund schon lange vor dem Geburtstermin ein wenig geöffnet ist. Und auch wenn dann natürlich schon ein kleines Stückchen geschafft ist, heißt das noch lange nicht unbedingt, dass dadurch die Geburt enorm schnell gehen wird. Das ist von Fall zu Fall unterschiedlich und hängt eher damit zusammen, wie effektiv die Wehen von Anfang an sind, wie weich der Muttermund ist und wie schnell das Baby im Becken tiefer rutscht. Es gibt noch weitere Faktoren, die eine Rolle spielen…

Aber der Arzt hatte Recht. ;-)

Der Tag ist schön und zusammen mit unserer Tochter schneide ich verblühte Rosen ab und genieße unseren Garten.
Mein Mann ist arbeiten. Im Anschluss geht er noch Fußball spielen. Das gefällt mir nicht so gut, weil ich in den letzten Wochen grade abends immer mal wieder Wehen habe.
Egal! Ich habe die Nummern von allen Trainern und Mitspielern und kann im Ernstfall anrufen.

Ich esse mit meiner Tochter die leckere Kürbissuppe und bringe die Kleine dann ins Bett. Dann mache ich es mir auf dem Sofa bequem. Dort kann ich nicht lange entspannen, weil ich auf die Toilette muss.
Kurz darauf bekomme ich meine übliche Abenddosis Wehen. Da hätte ich mir schonmal das Telefon schnappen können, aber der Zusammenhang zwischen Toilettengang und Wehen kam mir nicht in den Sinn.

Na gut. Da es ja an den letzten Abenden immer wieder leichte Wehen gab, wäre ich da auch nicht unbedingt gleich vom Geburtsbeginn ausgegangen…

Nach einer Stunde und etwa fünf oder sechs Wehen später, war der Spuk vorbei und ich ging ins Bett. Kurz darauf kam mein Mann nach Hause. Wir unterhielten uns kurz und versuchten dann zu schlafen.

Es geht los – aber wie…

Versuchten.
Denn wie, als wäre ein Schalter umgelegt worden, bekam ich Wehen. Aber was für welche. Das waren Wehen, aber richtige. Ganz anders als alle zuvor.

Es ist relativ häufig so, dass der Körper erst noch auf die optimalen Bedingungen, wie die Heimkehr des Partners „wartet“, bevor er richtig loslegt. Die Psyche spielt eben bei einer Geburt eine viel größere Rolle, als man gemeinhin denkt. Einiges kann man sogar bewusst lenken. (Wie das geht, erkläre ich genauer in meinem eBook “Das Geheimnis einer schönen Geburt“.)

Auch wenn da vorher schonmal ein paar schmerzhafte Wehen zum Veratmen dabei gewesen waren: das hier war ganz klar was Anderes. Zum warm-werden kommen gleich mal vier Stück in 10 Minuten.
Mein erster Gedanke ist: „Och nöö…ich bin so müde, ich will nicht aufstehen und mir die Nacht im Krankenhaus um die Ohren schlagen…“ (hahaha).
Dann ruckelte ich meinen Mann wieder wach, sagte ihm wir müssten los. „Ich hatte seit dem Gute-Nacht-sagen eben vier Wehen…“
So schnell war er noch nie aus dem Bett gesprungen!
Ich rief meine Eltern an. Sie sollten auf unsere Große aufpassen.
Innerhalb von 20 Minuten waren sie da und legten sich zur bald „großen“ Schwester in unser Bett. Die schlief zum Glück seelenruhig und bekam nichts von meinem Gewusel mit. Ich musste andere Sachen anziehen, alles war auf einmal unbequem. Ich stöhnte und fluchte. Die Wehen waren schon so stark wie bei der ersten Geburt in der letzten Phase (!).

Das war wohl schon die Übergangsphase. Wenn aber die erste Geburt normal lang war, dann kommt man eher nicht auf die Idee, dass es diesmal so viel schneller gehen könnte.

Auf dem Weg in die Klinik

In einem klaren Moment sagte ich meinem Mann er solle zwei große Handtücher auf meinen Sitz legen.
Wir fuhren also los. Die Fahrt ins Krankenhaus würde etwa 25 Minuten dauern. Bei uns auf dem Land ist das eine Super-Zeit. Mein Mann war höllennervös beim Fahren. Das merkte ich sofort. Trotzdem habe ich mich auf der Fahrt dem Schmerz hingegeben. Ich tönte und schnaufte. „BOAH! Diese Wehen! Warum sind diese sch…-kackwehen schon so dohoholl!?“ Wie bei der ersten Geburt, fast am Schluss. „Baby, hoffentlich gehts dir gut!“ Ich hyperventilierte bis mein Hals trocken war.
Ich erinnerte mich, dass ich beim letzten mal eine Sauerstoffmaske verpasst bekam, die mich genervt hat, wie nichts anderes bei der Geburt. Komisch dieses Gedächtnis, kramt Erinnerungen raus, die sonst nie da sind.

Geburt im Auto

Nach einem Drittel des Weges merkte ich, wie der Kopf unseres Babys während einer Wehe mit einem *RRRUMMS* durch mein Becken rutschte. Und da bekam ich zum ersten Mal für einen kurzen Augenblick Panik!

Ich schrie meinen Mann an: “Der kommt jetzt!” Der KOMMT!!”
Für eine Sekunde sah ich in das Gesicht meines Mannes. So hab ich ihn noch nie gesehen. Der pure Schrecken, Angst und mindestens genauso viel Panik wie ich.

Er holte das Handy raus und wählte 112. „Wo sind wir hier?“ Ich stöhnte: “Ahnsen!” Und innerlich wunderte ich mich über mich selbst. Dass ich noch sprechen konnte und wusste in welchem Ort wir uns befanden.
Ich hechelte wie irre, denn mein Körper sagte: “Pressen!” Und ich saß in einem fahrenden Auto, war angeschnallt und hatte noch meine Hose an.
Die Hose bekam ich nicht alleine runter. Das machte mir gleich nochmal ein bisschen mehr Panik. „Wahh!“
Mein Mann bremste scharf und hielt auf der Bundesstraße mitten im Ort. Warnblinker an. Und er sprang wie der Blitz ums Auto.
Später sagte er mir, er wäre in dem Moment in den Jobmodus gegangen. Mein Mann ist OP-Pfleger mit viel Notfall-Erfahrung. Er kann bei großer Hektik immer noch klar denken und sinnvolle Dinge tun. „Gott sei dank!!!“
Ich flappte ihn trotzdem an, er solle mir die Hose und die Schuhe ausziehen. Ein Hosenbein und einen Schuh schaffte er. Da sahen wir vor uns den Krankenwagen aus der Rettungswache rausfahren – keine 300 Meter entfernt. Leider fuhr der Wagen in die falsche Richtung und verschwand.

Ich hielt mich schon die ganze Fahrt über oben an meinem Sicherheitsgurt fest. Dem vertraute ich mehr, als dem Griff an der Tür. Der wäre bestimmt abgerissen bei dem was jetzt kam.
Mein tapferer Mann konnte, kurz nachdem die blauen Lichter verschwunden waren, die Fruchtblase sehen. Die platzte kurz darauf.
Mein Mann war eine Super-Hebamme! Er sagte mir, dass er den Kopf sehen konnte. Er sagte mir, dass die erste Schulter geboren war. Er sagte, dass ich noch einmal pressen müsste, dann wäre es geschafft.

Und dann habe ich unseren Sohn in die Hände seines Vaters geboren.

Mein wunderbarer, heldenhafter Mann reichte mir unseren wunderschönen Sohn, nachdem er ihn mit kurzem „über-den-Rücken-Rubbeln“ zum Schreien gebracht hatte.

Das hat er richtig gut gemacht! Er hat genau beobachtet und gut kommuniziert. Das hat sicher dazu beigetragen, diese verrückte Geburt zu einer guten werden zu lassen. Aber hey! Du warst (auch) klasse!

Ganz Profi, schaute mein Mann auf die Uhr. Es war 00:25 Uhr.
Später erzählte er mir, er hätte unserem Sohn noch die Glückshaube vom Gesicht gewischt (*hach*).
Wir wickelten den Kleinen in die Handtücher aus meiner Kliniktasche und in meinen Schal.

Super! Wie gesagt, das Warmhalten ist eigentlich das Wichtigste bei einer Geburt im Auto, denn Kälte stört Neugeborene bei der Anpassung.

Und doch noch in die Klinik

Kurz darauf kam ein Anruf von der Rettungsleitstelle: Da der Rettungswagen uns nicht gefunden hatte, wollten sie wissen, wo wir denn nun wären. Na die mussten sich erstmal was anhören.
Mein Mann rief die völlig verdatterten Großeltern an, die uns erstmal kein Wort glaubten. Eine Geburt im Auto?
Dann kam der Krankenwagen und eine Notärztin. Unser Sohn kam kurz zu ihr auf den Arm und wurde im Wagen von ihr und meinem Mann angeschaut.
Einer der Anwesenden zog mir das zweite Hosenbein und den Schuh aus. Dann musste ich aus dem Auto aussteigen. „UH… wie unangenehm!“ Mit Hilfe der Sanitäter trippelte ich auf Socken, ohne Hose und mit zwischen den Beinen baumelnder Nabelschnur bis zur Liege.
Wenn ich heute, über ein Jahr später, darüber nachdenke, war das der skurrilste Moment überhaupt.

Ich wurde in den Wagen geschoben und bekam meinen Sohn zurück. Während der Fahrt konnten wir schon ein wenig kuscheln. Soweit es halt ging, im Rettungswagen – bei Vollbeleuchtung.

Plazentageburt und Untersuchungen

Am Krankenhaus angekommen, wurde ich gleich bis in den Kreissaal geschoben.
Die diensthabende Hebamme war nicht schlecht überrascht, auch wenn wir angekündigt waren. Sie konnte uns erst gar nicht sagen, wie der Geburtssort lauten würde. Tatsächlich ist es der Ort, an dem ich nach der Geburt im Auto, den Fuss auf den Boden gesetzt habe.

Der Kinderarzt untersuchte unseren Sohn, der sich unterdessen lautstark beschwerte. Eine Ärztin untersuchte mich. Und dann kam auch schon mein Mann, der hinterhergefahren war.
Die Plazenta wurde geboren und ich wurde genäht. Das war das Schlimmste.
Die Ärztin war kühl, grob und unvorsichtig. Ich zitterte, weil ich fror und keine weiteren Schmerzen mehr haben wollte. Und ich wollte mein Baby wieder haben!
Zum Glück waren es nur zwei Stiche.
Nachdem die Ärztin gegangen war, entschuldigte sich die Hebamme für das Verhalten. Das entschädigte etwas.
Dann konnten wir endlich in Ruhe kuscheln, endlich stillen und uns in Ruhe kennenlernen.
Ich versuchte zu begreifen, was gerade passiert war: Wir haben ein Baby im Auto geboren. Wie verrückt ist das denn? Das glaubt einem doch keiner!

Mein Mann mein Held der Stunde

Und ich habe mich mit meinem Mann, dem besten, heldenhaftesten mutigsten Freund, Mann und Hebamme an meiner Seite in einem, die ganze Zeit gut aufgehoben gefühlt. Ich hatte keine Angst. Unsicher wurde ich erst, als ich in den Krankenwagen steigen musste und wir getrennt wurden.

Ich habe bei meiner Geburt im Auto nichts vermisst: Nicht das Wummern des CTG’s, nicht die Untersuchungen unter den Wehen, nicht die Krankenhausroutine, nicht den Schichtwechsel.
Ich bin mit dieser verrückten, superschnellen Geburt absolut im Reinen. Ich hatte ziemlich genau 50 Minuten Wehen, bis der Prinz geboren wurde. Doch wenn man den Plan “Losfahren, wenn Wehen regelmäßig kommen” im Kopf hat, plant man nicht mal eben schnell um.
Eine Hausgeburt wäre eine andere Möglichkeit gewesen, aber weiß man vorher was passiert? Nö! Und das ist auch gut so.

Kleiner Wink vom Universum: Unser Sohn heißt mit zweitem Namen Henry, geboren in einem FORD.
Den Namen hatten wir schon vorher festgelegt.

Liebe Marlene, ich danke dir für diese verrückte Geschichte!

Eine Geburt im Auto ist sicher nicht das, was Frauen sich wünschen, wenn sie an die Geburt denken. Aber es ist eben auch nicht immer alles planbar. Hätten Marlene und ihr Mann gewusst, dass es so schnell gehen würde, dann wären sie lieber gleich zu Hause geblieben und hätten sich gegebenenfalls Hilfe dorthin gerufen. Aber sie wussten es eben nicht. Auf jeden Fall haben sie Henry damit einen ziemlich ungewöhnlichen Geburtsort beschert.

Im Endeffekt ist aber alles gut gelaufen und wie Marlene ja sagt: sie ist mit der Geburt im Auto vollkommen im Reinen. Und das ist letztendlich das Allerwichtigste. Oder?



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2 Kommentare
  1. Fanny
    Fanny sagt:

    Wow!
    Ein ganz toller Geburtsbericht! Vor über einem Jahr bekamen wir unsere Tochter ungeplant Zuhause. Zum Glück fingen die Presswehen noch zu Hause an ;o)
    Genau den gleichen Blick hatte ich vermutlich auch im Gesicht meines Freundes gesehen, als ich ihm mitteilte, ich hätte Presswehen, meine Hose auszog und mich auf den Wohnzimmerboden begab.
    Die Geschichte unseres Lebens! Einfach wundervoll!
    Alles Gute euch, Fanny

    Antworten
  2. Nadine Vogel
    Nadine Vogel sagt:

    Als ich diesen Bericht gelesen habe hat er mich stark an die Geburt von meinem Sohn vor 11 Jahren erinnert.
    Er kam auch im Auto zur Welt nur 3 km von zu Hause.
    Man handelt einfach instinktiv.
    Im nachhinein muss ich sagen war diese Geburt trots das sie Auto war eine schöne Geburt

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