Lebenlang Gastarikel: "Die belauschte Geburt"

Die belauschte Geburt – Von wilden und wunderbaren Schreien

Wer Geburten nur aus Filmen kennt, denkt alle Frauen schreien und kreischen beim Kinderkriegen wie die Scream-Queen aus dem Horrorfilm. Dem ist nicht so. Trotzdem geht es im Kreißsaal alles andere als leise zu. Schreie können befreiend sein und der Geburt gut tun. Manchmal sind sie aber auch ein Zeichen von Verzweiflung. Für eine Hebamme sind sie einfach ein normaler Teil ihres Arbeitsalltags.

Wenn ich meinen Beruf in Geräuschen beschreiben sollte, was würde ich sagen?

Ich würde über das schmatzende Geräusch von Schuhen berichten, die diese auf den mit Linoleum belegten Krankenhausfluren hinterlassen. Von der Kreißsaalklingel, dem Telefon und dem Piepsen verschiedener Notfalleinheiten zu jeder Tages- und Nachtzeit. Vom rhythmischen Puckern der CTG-Geräte – jedes wie ein Pferdchen im Galopp – das mir so in Fleisch und Blut übergegangen ist, dass ich nicht mehr hinsehen muss, um zu wissen, ob die Frequenz stimmt. Vom sanften, leisen Murmeln der Geburtsbegleiter, die die Gebärende loben und ihr damit Kraft spenden. Vom Anschwellen und Abebben langgezogener „Ahhhhh’s“ und „Ohhhhh’s“ beim Tönen, wenn eine Frau ihren Rhythmus gefunden hat. Und natürlich vom Schreien: Da gibt es lange, schrille und existentielle Schreie, die nach dem Dienst noch einen flirrenden Piepston in meinem Ohr hinterlassen. Schreie, die wütend klingen; wütend auf diesen elenden Schmerz. Schreie, die in einem hilflosen Wimmern enden. Und Schreie, die eine Ur-Kraft bezeugen, von der die Quelle selbst schon lange nicht mehr glauben mag, diese zu besitzen.
Manchmal lebe ich in einer sehr lauten Welt.

Lass es raus!

Wenn ich in meinen Geburtsvorbereitungskursen die Atmung und das Tönen mit den Paaren „übe“, sind sie davon meist peinlich berührt. Allein schon das stille, lange Ausatmen in Gegenwart anderer Menschen fühlt sich zunächst sehr fremd an. Wenn es dann ans Tönen geht, kichert immer jemand. Und manche Teilnehmer verweigern die Aufgabe komplett, so unangenehm erscheint sie ihnen.
Am Ende raffen sich die meisten aber dann doch auf und es entsteht etwas Wunderbares: Der ganze Raum vibriert und schwingt plötzlich. Der Ton durchdringt alles. Mich erinnert das an die gregorianischen und buddhistischen Mönchsgesänge. Na gut, vielleicht ist es nicht ganz so schön, aber doch ähnlich stark und verbindend. Und trotz des anfänglichen Sträubens kommt dann zum Ende des Kurses häufig das Feedback: „Die Atemeinheit mit dem Tönen hätte sogar gerne noch etwas länger sein können – das war irgendwie schön.“
Unter der Geburt brechen dann alle Dämme der Zurückhaltung. Die Töne bahnen sich ihren Weg und erleichtern manche Geburt. Wir Hebammen wissen um die Verbindung von Mund, Stimmritze, Zwerchfell, Beckenboden und Muttermund. Wir wissen, dass ein „Ahh“ besser wirkt als ein „Ihh“, ein „Jaaah!“ besser als ein „Neiiiin!“. Und viele Frauen merken unter der Geburt dann auch, wie gut es tut, die Töne einfach raus zu lassen. Manche Babys werden regelrecht auf die Welt vibriert.
So ist es, wenn es gut läuft.

Kreischsaal

Manchmal reicht das Tönen aber nicht. Einige Frauen schreien, kreischen und brüllen. Das kann stärkend und befreiend sein. Aber nicht alle Schreie sind wirklich gute – im Sinne von geburtsunterstützende – Schreie. Es sind vielmehr Schreie der Angst: Existentielle Schreie, die an die Nieren gehen, einen erschüttern und direkt ins Mark treffen. Es sind Schreie von Frauen, die nicht gut vorbereitet in die Geburt gehen. Frauen, die sich gegen jede einzelne Wehe wehren und gegen sie kämpfen, sie anschreien – aber am Ende verlieren. Diese Frauen können nicht mehr zuhören, wenn Hebammen oder Partner ihnen Mut zusprechen oder versuchen mit ihnen zu atmen. Sie sind dann wie in einem Tunnel, in dem sich nur noch das Negativmantra: „Ich kann nicht mehr“ als Echo hundertfach verstärkt. Hier helfen keine motivierenden Töne mehr, sondern nur noch das regelmäßige, schlurfende Geräusch, das der Perfusor macht, wenn er das Schmerzmittel in den Körper der Gebärenden pumpt.

Angeboren oder anerzogen?

In verschiedenen Kulturen wird ganz unterschiedlich mit den Wehen umgegangen: Asiatinnen sind meist sehr still und kontrolliert. Türkische und arabische Frauen hingegen, sind eher laut und gebärden sich recht stark und energisch. Manchmal schlagen, beißen oder kratzen sie auch ihre Angehörigen – oder die Hebamme. Afrikanische Frauen machen oft viele Schnalz-, Klatsch- und Schnipslaute, wenn die Wehe auf dem Höhepunkt ist. Wie wir uns unter der Geburt gebärden scheint also nicht angeboren zu sein, sondern ist eher eine Frage der Sozialisation.

Das schönste Geräusch

Am Ende einer Geburt verändern sich die Töne. Entweder werden sie nochmal laut und schrill, oder eine konzentrierte Ruhe senkt sich über den Kreißsaal. Dann sind nur noch das rhythmische Auspusten – begleitet von kleinen Presslauten – und die leisen Anweisungen der Hebamme zu hören.

Irgendwann kommt dann ein Platschgeräusch – wenn das Baby mit dem restlichen Fruchtwasser auf die Welt gespült wird. Manche Babys sind ganz still und schauen einfach nur. Manche schreien ganz empört über die Ankunft in der kalten Welt. Wenn sie dann aber warm eingemummelt auf dem Bauch der Mutter kuscheln, legen sich kleine und zufriedene Gluckslaute zusammen mit den Cocooning-Geräuschen der Mutter wie eine Blase um die kleine Familie. Das metallend klirrende Geräusch der Nabelklemmen, wenn die Nachgeburt in die Schüssel gleitet, bekommt die frisch gebackene Mutter gar nicht mehr mit. Ihre ganze Aufmerksamkeit gilt jetzt dem Baby.
Wenn ich meinen Beruf in Geräuschen beschreiben sollte, würde ich erzählen, dass die Bondinglaute von Mutter und Kind zu den schönsten Geräuschen gehören, die dieser Beruf für mich zu bieten hat.

(Dieser Beitrag von mir ist als Gastartikel zuerst im Magazin LEBENLANG – in der Dezemberausgabe 2016 “Laut & leise” – erschienen.)

Weihnachten dreht sich ja auch um eine Geburt.
Ich stelle mir eine Geburt im Stall irgendwie beruhigend vor: Die Tiere stehen da, Wärme gebend, vielleicht etwas unruhiger in dieser Nacht? Vielleicht gab es leise kauende, wiehernde oder schmatzende Geräusche? Vielleicht hat Maria getönt? Vielleicht geschrien?
Auf jeden Fall war es wohl eine recht unkomplizierte Geburt. Und es war vermutlich friedlich.

Für mich und meine Familie hat Weihnachten auch immer etwas mit Cocooning zu tun. Es ist eine ruhige, wirklich besinnliche Zeit, in der wir uns gerne einigeln und die Welt da draußen eben Welt sein lassen – Rückzug, Frieden, Liebe und Familie. Grad jetzt ist das sicher ein Bedürfnis vieler Menschen.
Geburt ist der Ursprung an dem alles friedlich beginnt – oder zumindest beginnen sollte.

In diesem Sinne wünsche ich euch allen eine friedliche, ruhige und Liebe-volle Weihnachtszeit!



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3 Kommentare
  1. Christina
    Christina sagt:

    Wie wunderschön! Ich konnte eben nochmal die Geburt meines 3. Sohnes dieses Jahr im September nachempfinden. Mein Tönen auf Aaaaa. War die Wehe vorbei, ein langes, tiefes Uuuuuuuuuuhhhh. Meine wundervolle Hebamme die mitgetönt hat, mein Mann der auch mitgetönt hat…
    Gegen Ende kurz vor der Pressphase, meine Schreie, weil der Schmerz nicht mehr nachließ (mein vier Kilo Baby musste an der Symphyse vorbei) und dann die Presslaute, die mich im Nachhinein an ein Tier erinnerten und dann war er da, mein Sohn.
    Danach war alles etwas hektisch, da mein Kleiner Anpassungsschwierigkeiten hatte. Zum richtig entspannten Bonden war leider nicht viel Zeit. Auf der Intensivstation dann das nervenzerfetzende Piepen der Monitore. Der Alarm, der mich immer aufschrecken ließ. Aber dann, endlich daheim im Wochenbett, wenn meine zwei Großen in der Kita waren, dann war Ruhe. Nur ich und mein Baby. Und mein Mann der in der Küche werkelte und mir jeden Wunsch erfüllte. Das leise Schmatzen beim Stillen. Der zufriedene Seufzer, wenn mein Baby fertig war. Alles so friedlich und ruhig.
    Die Geräusche haben sich fest eingebrannt. Ich werde sie nie vergessen und immer in meinem Herzen tragen. Danke für diesen wundervollen Blogartikel.

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  2. Rosalie
    Rosalie sagt:

    Ich hatte keinen Geburtsvorbereitungskurs besucht und mir war bis zur Geburt unserer Tochter nicht bewusst, dass Tönen und Stöhnen das gleiche ist, bzw sich sehr ähnlich anhört.
    Die Geburt war sehr flott und wunderschön für mich, mein Mann meinte es hätte durchaus was erotisches, nackt, im Wasser, gedämpftes Licht und dann das Stöhnen. Wobei ich das Tönen nicht bewusst gesteuert habe und es auch nicht Ausdruck furchtbarer Schmerzen war, sondern eher eine vokale Reaktion auf die Intensität der Geburt und die Leistung die mein Körper erbracht hat.

    Der Kommentar meines Mannes hat mich auch an das Video denken lassen- Sex like birth: bei einer so ungestörten Geburt wie wir sie erleben durften (Dank Beleghebamme) kommt es bestimmt auch zu anderen Tönen als bei interventionsreichen Geburten.

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    • Jana Friedrich
      Jana Friedrich sagt:

      Danke für diesen tollen Kommentar! Ja, du hast Recht. Es gibt auf jeden Fall Parallelen. Es ist zwar selten, aber immerhin erleben ja auch einige Frauen unter der Geburt einen Orgasmus. Und die Ungestörtheit ist auf jeden Fall für den “Erfolg” von sowohl Sex, als auch einer Geburt notwendig.

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