Hebammenkunde studieren: Gastbeitrag von Jenny

Ich studiere Hebamme! – Gastbeitrag

Seit ich Hebammenkunde an der Evangelischen Hochschule studiere, lerne ich logischerweise täglich viel Neues. Es ist, wie jeden Tag in eine Fortbildung zu gehen. Das ist wirklich schön und inspirierend (zumindest meistens). Ich habe aber auch lauter neue, tolle Frauen kennengelernt. Eine davon ist Jenny. Für Jenny ist „Hebamme“ nicht das erste Studium. Sie hat vorher etwas ganz anderes gemacht, fühlt sich bisher aber sehr wohl mit der Entscheidung zum Neustart. Sie hatte Lust hier mal darüber zu berichten, wie es so ist, das Studium von Anfang an zu machen. Von ihren Erfahrungen in den ersten fünf Monaten erzählt sie im heutigen Gastartikel:

„Sehen Sie sich um“, forderte uns eine Professorin in der Einführungswoche auf, „hier sitzen ganz unterschiedliche Frauen, die Hebamme werden wollen. Und das ist gut so, denn auch die Frauen, die Sie betreuen werden, sind unterschiedlich.“

Ich blicke in die Runde: 45 Frauen zwischen 18 und Anfang 50 haben mit mir das Studium der Hebammenkunde an der Evangelischen Hochschule Berlin begonnen. Männer sind natürlich nicht vom Studium ausgeschlossen, aber bisher hat sich noch keiner beworben. Einige kommen direkt von der Oberschule, aber viele andere von uns haben bereits andere Berufe gelernt und darin gearbeitet. Natürlich sind da die Quereinsteigerinnen, erfahrene Hebammen wie Jana. Aber es gibt auch eine Juristin, eine Modedesignerin, eine Verhaltensbiologin, eine Heilprakterin, zwei Krankenpflegerinnen und viele, die schon einiges ausprobiert haben oder erst einmal um die Welt gereist sind. Ich selbst habe vorher als Journalistin gearbeitet.

Eins haben alle gemeinsam: Sie interessieren sich für Frauen und deren Gesundheit und für das Thema Familie. Einige haben das auch schon in die Tat um- beziehungsweise Kinder in die Welt gesetzt.

Im Mittelpunkt steht immer die Frau

Der Spruch über die Verschiedenheit der Frauen ist mir im Gedächtnis geblieben, weil er so gut zum Grundprinzip der Hebammenarbeit passt: Unsere Perspektive geht immer von der Schwangeren oder Gebärenden aus – wir arbeiten „frauenzentriert“ und individuell. Und oft gibt es nicht eine klare Antwort, sondern man findet zusammen mit der Frau eine Lösung, die zu ihr passt. Ein gutes Beispiel dafür ist Schmerzmedikation unter der Geburt. Die eine wünscht sich eine Periduralanästhesie (PDA), während einer anderen vielleicht mit Lachgas besser geholfen ist und eine dritte ganz auf Schmerzmittel verzichten will. „Frauenzentriert“ bedeutet, dass wir eine Beziehung zur Schwangeren aufbauen möchten und das lernen wir gleich vom ersten Semester an in einem Seminar namens „Kommunikation und Beziehungsgestaltung“.

Wem das zu weich oder larifari erscheint, die sollte wissen, dass ein anderes Prinzip gerade im Studium hochgehalten wird: Wir arbeiten evidenzbasiert. Das bedeutet: Wir sollen begründen können, warum wir etwas tun (und die Begründung sollte bitte nicht lauten „Weil es immer so gemacht wird“) und dafür lernen wir, wissenschaftliche Studien zu verstehen und zu bewerten. Wir starten ganz am Anfang, also mit den biowissenschaftlichen Grundlagen. Das heißt: Anatomie und Mikrobiologie pauken. Mitose, Meiose, Aufbau einer Zelle, das alles erinnert mich sehr an meinen länger zurückliegenden Biologieunterricht in der Schule. Im Gegensatz zum Schulunterricht habe ich jetzt jedoch ein klares Ziel und weiß, wie ich das Wissen einsetzen kann. Aus meiner Sicht durchzieht dieser Gedanke das ganze Studium: Wir lernen einerseits sehr praxisorientiert, zum Beispiel wie man ein Neugeborenes untersucht, und andererseits gehen wir auf den Grund der Dinge, besprechen zum Beispiel wie sich bestimmte Krankheitserreger fortpflanzen, ob wohl wir mit bakteriellen Erkrankungen nur indirekt zu haben, wenn wir beispielsweie eine Frau über Ernährung in der Schwangerschaft aufklären.

Unser Stundenplan ist voll: Stillberatung, Krankenhaushygiene, Neugeborenenphysiologie, wissenschaftliches Arbeiten, Englisch und einiges mehr.

Das ist die Theorie. Wie aber sieht die Praxis aus?

Ab ins kalte Wasser… also ins Krankenhaus

Die Hebammenausbildung hat von allen Ausbildungen im Gesundheitsbereich den höchsten Praxisanteil. Das hat sich auch im dualen Studium nicht geändert. Zwei Drittel unserer Lernzeit verbringen wir im Krankenhaus, auf einer Vollzeitstelle mit Arbeit in der Nacht und am Wochenende.

An meinem ersten Tag im Krankenhaus bin ich aufgeregt, aber das Wasser ist dann doch wärmer als erwartet, um in der ältesten aller Metaphern zu bleiben. Mein Einsatz beginnt auf der Wochenbett-Station. Haut-zu-Haut-Kontakt zwischen Mutter und Kind sowie Stillen werden hier groß geschrieben, das folgt den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen. Die meiste Zeit verbringe ich dementsprehend damit, mit gaaanz viel Geduld Frauen beim Stillen zu helfen. Zwei Zwillingsmütter halten die Station auf Trab. Kinder wiegen, Temperatur messen und vor allem Stillen, alles muss doppelt gemacht werden und die Krankenpflegerinnen sind dankbar über unsere Hilfe (auf dieser Mutter-Kind-Station arbeiten nur zwei Hebammen). In welcher Position eine Frau mit Kaiserschnittnarbe Zwillinge stillen kann, habe ich theoretisch gelernt, aber in der Praxis ist es doch komplizierter und ein Gewurschtel mit Stillkissen und Babyschlafsäcken.

Einiges läuft nach dem Prinzip „Haben wir immer so gemacht“ oder „Dafür habe ich keine Zeit, weil ich Kaffee trinken möchte“, aber zum Glück ist das eher selten. Insgesamt ist die Wochenbett-Station eine pflegerische mit viel Routine und festen Abläufen, sehr gut also für eine Krankenhausanfängerin wie mich.

„We can be heroes, just for one day“

Ganz anders im Kreißsaal, wo ich zur Zeit arbeite. Hier findet die eigentliche Hebammenarbeit statt, die Geburt. Die lässt sich kaum zeitlich planen. Die ersten zwei Tage meines Einsatzes passiert fast nichts und ich kann erst einmal die Station kennen lernen. In meinem dritten Dienst geht es plötzlich los: Innerhalb von zwei Stunden sind alle Kreißsäle belegt und draußen warten noch ein paar Frauen zur Untersuchung. Leider verpasse ich die zwei Geburten „meiner“ zugeteilten Hebamme, weil ich jeweils andere Frauen betreue. Aber dafür bleibe ich lange bei den Gebärenden, atme mit ihnen, rede oder bin einfach da. Dieses zurücknehmende Da-sein und Beobachten erfordert Fingerspitzengefühl, aber ist ein schöner Teil der Hebammenarbeit. Und einer, den man schon im ersten Semester gefahrlos ausführen kann.

Einen schönen Moment erlebe ich mit einer Frau, die schon seit 24 Stunden Wehen hat und sehr erschöpft ist. Ich schlage ihr vor, sich mit Musik abzulenken. Die Playlist auf ihrem Handy ist voll mit David Bowie. Sie kreist sie langsam mit dem Becken, während ich ihr Kreuzbein massiere und dazu läuft „Heroes“. Ich empfinde das als passend, weil die meisten Frauen hier tatsächlich eine absolute Ausnahmesituation erleben, die viel Durchhaltevermögen und Mut erfordert. Nicht immer ist das harmonisch, es gibt auch rauchende Mütter, abwesende Väter und natürlich Fälle, in denen es Mutter und Kind überhaupt nicht gut geht.

Das System Krankenhaus

Die Arbeit im Kreißsaal ist toll und gleichzeitig etwas desillusionierend. Obwohl ich jetzt schon einige Geburten gesehen habe, bin ich immer noch gerührt und habe öfter mal Tränen in den Augen (wenn es nicht zu aufregend ist). Hebammen und Ärztinnen arbeiten so zusammen, wie man es sich wünscht: Jede weiß um die Kompetenzen der anderen, es wird auf Augenhöhe diskutiert und meist gemeinsam entschieden. Mich erstaunt eher, wie viele Frauen Interventionen erhalten, also Schmerzmittel, Antibiotika oder andere Medikamente, die den Geburtsverlauf beeinflussen. Beurteilen kann ich das jedoch im ersten Semester noch nicht. Ziemlich klar ist aber: Oft sticht die praktische Krankenhauslogik die frauenzentrierte Theorie, wenn zum Beispiel das Wiegen und Messen des Kindes nicht warten kann bis es zuende getrunken hat oder eine Frau abwarten muss, weil eine andere die Hilfe dringender benötigt. Darüber sind auch die Hebammen nicht glücklich, aber da sind wir wieder beim Thema Personalmangel.

Wie geht es jetzt weiter? Eigentlich genau so: Wir lernen immer mehr dazu, arbeiten regelmäßig im Krankenhaus und später auch im Geburtshaus oder bei einer freiberuflichen Hebamme. Ab dem dritten Semester dürfen wir gemeinsam mit einer examinierten Hebamme Geburten „ausführen“. Das kann ich mir jetzt noch nicht vorstellen, aber ich warte einfach und vertraue darauf, dass ich mit meinen Aufgaben wachse.



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2 Kommentare
  1. Tabea
    Tabea sagte:

    Danke für den ehrlichen Einblick.

    Manchmal reizt es mich ja schon… der Gedanke das noch zu machen (2005 nach Ende meiner Ausbildung bekam ich keinen Hebammen-ausbildungsplatz. Damals kamen auf jeden Platz mehrere hundert Bewerberinnen).
    Und dann die grosse Frage, wie das gehen soll. Erst müsste ich das Abi nachholen…

    Mal schauen wohin mich das Leben nich treibt.

    Viel Freude und Differenzierungskraft allen Hebammen in der Ausbildung. Und viel Mut für den eigenen Weg danach <3

    Antworten

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