Erkenntnisse zum Thema Mindset & Geburt

Mindset & Geburt: Neues aus Wissenschaft und Forschung

Wie ihr wisst, studiere ich seit einem Jahr Hebammenkunde an der Evangelischen Fachhochschule in Berlin. Durch mein Studium begegnen mir immer wieder spannende Forschungsergebnisse, die mich beeindrucken, freuen, oder einfach nur darin bestätigen, was ich durch meine Arbeit bereits empirisch erfahren habe. Manchmal stellt so eine Studie allerdings auch einige Glaubenssätze auf den Kopf…
Natürlich möchte ich euch gerne an diesem Wissen teilhaben lassen, daher gibt es hier ab heute die Rubrik Hebammenwissenschaft.

Den Anfang in Sachen Forschungsergebnisse macht Gastautorin Dipl.-Psych. Lisa Hoffmann vom psychologischen Institut der Uni Bonn, mit einem Forschungsprojekt zu „Mindset & Geburt“. Lisa erklärt ihr Projekt so: „Ziel des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Forschungsprojektes war es zu erforschen, welche Rolle psychologische Faktoren wie z.B. das geburtsbezogene Mindset (geburtsbezogene Annahmen, die beeinflussen, wie geburtsrelevante Informationen aus der Umwelt wahrgenommen werden), Persönlichkeitseigenschaften oder die Paarbeziehung für Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett spielen.“

Lisa ist Diplom-Psychologin und Wissenschaftlerin. Seit 2012 forscht und lehrt sie am psychologischen Institut der Universität Bonn in der Abteilung Sozial- und Rechtspsychologie. Mitte 2019 hat sie das Institut für Geburts- und Familienpsychologie einAnfang. gegründet, das zu den Themengebieten Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett, sowie familienbezogenen Themen (u.a. Übergang zur Elternschaft, Paarbeziehung, bedürfnisorientierte Erziehung) forscht, bildet und berät. Für uns hat sie ihre Forschungsergebnisse einfach und kompakt zusammengefasst:

Mindset und Geburt

In Deutschland wurden 2017 30.5 Prozent der Kinder per Kaiserschnitt geboren [1]. Diese Zahl ist leicht rückläufig und eine Geburt ist natürlich facettenreicher als der Geburtsmodus, trotzdem symbolisiert diese Zahl am eindrücklichsten die Medikalisierung der Geburtshilfe in den vergangenen Jahrzehnten. Ich begann vor ungefähr sechs Jahren zum Thema Geburt zu forschen – kurz nach der Geburt meiner ersten Tochter. Denn ich hatte den Eindruck, dass die Geburtsverläufe der Frauen um mich herum, irgendwie in ein Gesamtbild zu passen schienen, als wären sie nicht vollkommen zufällig. Ich fragte mich, ob mein Eindruck sich auch empirisch zeigen würde. Dabei stellte ich recht schnell fest, welche gesellschaftliche Relevanz das Thema Geburt hat. Aber ich merkte auch noch etwas anderes, das mich sehr erstaunte: Es gibt kaum psychologische Forschung zum Thema Geburt. Es gibt Wissenschaftler*innen andere Disziplinen, die die Relevanz psychologischer Faktoren untersuchen, aber in der psychologischen Wissenschaft spielt das Thema fast keine Rolle – obwohl Emotionen, Einstellungen, Mindsets und Persönlichkeitseigenschaften im Kern psychologische Aspekte sind.

Theorie und erste Studien [2]

Basierend auf Interviews mit Expert*innen, von anderen Wissenschaftler*innen durchgeführte Studien und einer ausgiebigen Internetrecherche in Foren für Schwangere und Mütter entwickelten wir das Konstrukt des geburtsbezogenen Mindsets. Mindsets sind so etwas wie bestimmte Denkweisen oder Annahmen über die Welt. Sie lassen uns die Welt wie durch eine mentale Brille sehen, die unsere Wahrnehmung und die Verarbeitung der wahrgenommenen Informationen lenkt. In etwa so wie das Sprichwort: „Verliebte sehen alles rosa-rot“ – also alles positiv.
Für den Geburtskontext nehmen wir an, dass Frauen eine entweder eher natürliche Ausprägung (natürliches Mindset) oder eher medizinische Ausprägung (medizinisches Mindset) des Mindsets haben können. Frauen mit natürlichem Mindset sehen Schwangerschaft und Geburt als natürliche Vorgänge an, die in der Regel von der Frau eigenständig oder mit etwas Hilfe bewältigt werden kann. Frauen mit einem medizinischen Mindset nehmen Geburt hingegen als einen medizinischen Vorgang wahr, der durch medizinische Interventionen gelöst werden muss, um erfolgreich bewältigt werden zu können. Im Rahmen einer selbsterfüllenden Prophezeiung könnte dann das Mindset den Geburtsverlauf beeinflussen.

Um unsere Theorie des geburtsbezogenen Mindsets zu überprüfen, mussten wir zunächst geeignete Messinstrumente entwickeln. Dies geschah in drei Vorstudien. An allen drei Studien nahmen zwischen 117 und 206 Frauen teil. Bereits hier zeigten sich Zusammenhänge zu geburtsrelevanten Kriterien wie z.B. Geburtsort und dem Geburtsmodus: Frauen, die außerklinisch gebaren, hatten ein eher natürliches Mindset und Frauen, die einen Kaiserschnitt hatten, hatten eher ein medizinisches Mindset. Da eine Korrelation jedoch keine Aussagen über Kausalitäten (Beziehung zwischen Ursachen und Wirkung) macht, überprüften wir die Ergebnisse in einer Längsschnittstudie. Denn auf Basis der Vorstudien konnten wir nicht sagen, ob die Geburtserfahrung zu der entsprechenden Mindset-Ausprägung geführt hatte oder ob das Mindset den Geburtsverlauf beeinflusst hatte (oder ob beides zutrifft).

Längsschnittstudie [3]

Methode: Um zu überprüfen, ob das Mindset den Geburtsverlauf ursächlich vorhersagen kann, entwickelten wir eine groß angelegte Längsschnittstudie, an der insgesamt 285 Frauen (und deren Partner) teilnahmen. Die Längsschnittstudie wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert, wodurch es möglich war, die Teilnehmer*innen für ihren Aufwand zu vergüten.
Wir stellten den Frauen zu verschiedenen Zeitpunkten in der Schwangerschaft (am Anfang sowie am Ende), einige Tage nach der Geburt sowie acht Wochen nach der Geburt Fragen zum Mindset, aber auch zur Persönlichkeit, zur Paarbeziehung und zur Geburtsbewertung. Zusätzlich füllten die Frauen in den ersten zwei Wochen nach der Geburt und für weitere vier Wochen ein Mal pro Woche einen kurzen Fragebogen zu ihrem Wohlbefinden, zur Wundheilung, zum Stillen und zum Verhalten des Säuglings aus. Der entsprechende Fragebogen wurde den Frauen zu einem zufälligen Zeitpunkt per SMS als Link gesendet. Diese Art der Messung ermöglicht es, die potentiell emotionalen Schwankungen im Wochenbett genauer abzubilden. Zusätzlich nahmen 130 der Teilnehmerinnen sechs Monate nach der Geburt an einer Nacherhebung teil.

Stichprobenbeschreibung: Das mittlere Alter der Teilnehmerinnen lag bei 30.32 Jahren. Etwas mehr als die Hälfte war erstgebärend (53.7 %) und die Mehrzahl hat im Krankenhaus geboren (83.5 %), 4.2 % im Geburtshaus und 11.9 % zu Hause. Die Rate der Spontangeburten lag bei 73.7 %, 7.7 % haben vaginal operativ geboren und 18.6 % per Kaiserschnitt. Eine 1 zu 1 Betreuung unter der Geburt hatten 30.9 % der Frauen, 23.9 % erhielten eine PDA und 44.4 % hatten ein pränatales Risiko (eingestuft nach Kriterien der Mutterschaftsrichtlinien [4]). Nach einer Definition von Werkmeister [5] haben 40.4 % normal geboren, das heißt nicht vaginal operativ oder per Kaiserschnitt, ohne PDA, Dammschnitt und/ oder Wehen verstärkende Mittel (zur Geburtseinleitung oder unter der Geburt).

Ergebnisse: Die Ergebnisse bestätigten im Prinzip die Ergebnisse der vorherigen Studien beziehungsweise deuten darauf hin, dass psychologische Faktoren Auswirkungen auf den Geburtsverlauf haben können. Es zeigte sich, dass Frauen mit einem eher natürlichen Mindset eher eine natürliche Geburt (wie oben definiert) hatten.
Frauen mit medizinischem Risiko sowie Frauen, die zum ersten Mal geboren haben, hatten eher keine natürliche Geburt – insbesondere Erstgebärende zu sein, war ein starker Risikofaktor für Interventionen.
Darüber hinaus zeigte sich, dass nicht nur psychologische Faktoren den Geburtsverlauf beeinflussen können, sondern auch, dass die Geburt Einfluss auf das psychische Wohlbefinden nach der Geburt hat. Frauen mit natürlichen Geburten waren mit der Geburt zufriedener als Frauen mit interventionsreichen Geburten. Diese Zufriedenheit wirkte sich dann wiederrum positiv auf das psychische und körperliche Wohlbefinden im Wochenbett aus – ein positives Geburtserleben diente also als wichtige Ressource für den Übergang zur Elternschaft.
Darüber hinaus zeigte sich, dass Frauen, die im Wochenbett ein höheres Wohlbefinden aufzeigten, eine geringe Wahrscheinlichkeit hatten, Symptome einer Postpartalen Depression oder Symptome einer posttraumatische Belastungsreaktion acht Wochen und sechs Monate nach der Geburt zu entwickeln. Frauen mit positiveren Wohlbefinden im Wochenbett hatten auch eine höhere Wahrscheinlichkeit sehr positive Gefühle gegenüber dem Säugling sechs Monate nach der Geburt zu empfinden.

Die Ergebnisse lassen sich graphisch so darstellen (ein umfassenderes Modell – inklusive der statistischen Parameter – wird in der Veröffentlichung von Hoffmann und Kollegen [3] erscheinen):

Modell "Geburt & Mindset"

Fazit: Die Längsschnittstudie hat gezeigt, dass Geburt kein rein medizinischer Vorgang ist, sondern dass auch psychologische Faktoren wie z.B. das geburtsbezogene Mindset eine wichtige Rolle spielen.
Die Studie verdeutlicht außerdem, wie wichtig das Geburtserlebnis für das psychische Wohlbefinden der Frau ist und Geburt damit  mehr beinhaltet als die rein körperliche Unversehrtheit von Mutter und Kind. Durch das Geburtserlebnis werden psychologische Prozesse in Gang gesetzt, die auch sechs Monate nach der Geburt noch relevant sind.
Der häufig verwendete Satz „Es ist nicht egal, wie wir gebären“ kann durch die Studie empirisch bestätigt werden und ich sehe es als gesellschaftliche Aufgabe, verbesserte Rahmenbedingungen für die Geburt zu schaffen, damit Frauen zufriedenstellend gebären und gestärkt in eine neue Lebensphase übergehen können.

Liebe Lisa, vielen, lieben Dank dafür, dass du deine Ergebnisse hier mit uns geteilt hast.
Ich finde das echt spannend und ja auch wieder ein weiteres Argument für die eins-zu-eins Betreuung von Gebärenden, beziehungsweise für bessere Arbeitsbedingungen für Hebammen, um Schwangere wieder angemessen und umfassend betreuen zu können. Und ich höre ein Plädoyer für mehr Geburtsvorbereitung heraus, denn mein Gefühl ist, dass eine gute Geburtvorbereitung so viel für ein natürliches Mindset tun kann.

Mehr von Lisa Hoffmann findet ihr auf ihrem Blog: einanfang (wo ihr auch weitere Informationen und Analysen zur Längsschnittstudie findet), sowie auf Instagram (@einanfang) oder Facebook. Fragen dürft ihr Lisa hier in den Kommentaren, oder unter: mail@einanfang.com stellen.

Mehr davon?

Und jetzt sagt mal: wie findet ihr so ein Format hier im Blog? Wollt ihr mehr davon? Findet ihr das gut?
Und wenn ihr selbst in der Forschung tätig seid und Lust habt, eure Ergebnisse hier mal zu präsentieren, dann schreibt mir gerne eine Mail an: jana@hebammenblog.de mit eurem Themenvorschlag.

Habt ein schönes Wochenende mit natürlichem, positivem Mindset. ♥

_________________________

Referenzen:

[1 ] www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2018/09/PD18_349_231.html
[2] Hoffmann, L. & Banse, R. (2019). Psychological aspects of childbirth: Evidence for the existence of a birth-related mindset. Manuscript submitted for publication.
[3] Hoffmann, L., Hilger, N., & Banse, R. (2019). The psychology of childbirth: mindset predicts birth
outcomes, and the birth experience short- and longterm psychological well-being. Manuscript in
preparation.

4] Gemeinsamer Bundesausschuss (2015). Richtlinien des Gemeinsamen Bundesausschusses über die ärztliche Betreuung während der Schwangerschaft und nach der Entbindung („Mutterschafts-Richtlinien “). Hg. v. G-BA. Retrieved from www.g-ba.de/downloads/62-492-1080/Mu-RL_2015-08-20_iK-2015 11-10.pdf
[5] Werkmeister, G., Jokinen, M., Mahmood, T., & Newburn, M. (2008). Making normal labour and birth a reality – developing a multi disciplinary consensus. Midwifery, 24, 256-259.



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5 Kommentare
  1. Christine
    Christine sagte:

    Hallo Jana,
    Ich finde ein solches Format sehr gut! Als Biologin habe ich selbst eine Weile wissenschaftlich gearbeitet und freue mich immer, wenn Hebammenwissen wissenschaftlich untermauert wird.

    Aus Lisas Zusammenfassung der Ergebnisse kann ich leider nicht herauslesen, dass diese Studie ein Argument für 1:1 Betreuung unter der Geburt ist. Vielleicht fehlt mir da ja ein Teil von Informationen, ein Zwischenschritt? Es steht nur da, dass das Geburtserlebnis einen Einfluss auf die Frauen haben wird.
    Vom Gefühl her stimme ich der Aussage voll zu, aber um das Bauchgefühl geht es hier ja nicht ;-)
    Gibt es wissenschaftliche Untersuchungen über die Auswirkung der 1:1 Betreuung unter der Geburt?

    Antworten
  2. Heyhey
    Heyhey sagte:

    Hallo Jana,

    tatsächlich interessiert mich das kleinklein wissenschaftliche Hintergrundwissen nicht.

    In der heutige Zeit ist das Wissen nicht das Problem! Das ANWENDEN und UMSETZEN ist die Schwierigkeit.
    An deinem Blog schätze sehr ich die tatsächlichen realen Handlungsempfehlungen das „empatische How-to-do“ und nicht das „bei 100-von 50-Frauen-bla-bla-bla“.

    Es ist allerdings gut zu wissen, dass DU dich mit der neuesten Forschung auseinandersetzt und ich freue mich wieder auf mehr „How-to-do“ ;-)

    Antworten

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