Kleiner Mann aus Geburtspool

Geburtsbericht: Hausgeburt mit Geburtspool

„Besser als jeder Orgasmus, berauschender als jede Droge, erfüllender als der Ritt auf einer Welle.“ So beschreibt Ava* Ihre Geburt und möchte mit ihrem Geburtsbericht anderen Frauen Mut machen, sich ebenfalls für eine Hausgeburt zu entscheiden. Darüber hinaus liegt es ihr „sehr am Herzen, dass so viele Menschen wie möglich verstehen, wie unglaublich wichtig gute Hebammen sind!“
Hier kommt Avas ergreifender, intimer aber auch witziger Geburtsbericht – wie immer mit kleinen Anmerkungen von mir in lila:

Geburtsplanung in Woche 7

„Möchten Sie eine Hausgeburt machen?“ – die Frauenärztin schaut mich fragend an. Hausgeburt?! Ich weiß erst seit ungefähr acht Minuten, dass ich tatsächlich schwanger bin. Schwanger! Ich! In meinem Bauch bummert ein kleines Herz. Mir ist schlecht. „Hausgeburt“ sage ich, „ach, warum eigentlich nicht“. Mir ist gerade alles egal. „Machen sie sich keine Sorgen“ sagt die Frauenärztin. „Das kommt alles noch. Lassen Sie es erst mal sacken. Nicht umsonst dauert eine Schwangerschaft neun Monate“. Sie gibt mir die Visitenkarte einer Hausgeburtshebamme und ich ziehe meine Jacke an. Es ist Anfang Juni und ich bin in der siebten Woche.

Wow, tolle Ärztin! Wo gibt’s denn sowas?

Ich selbst bin auch eine Hausgeburt. Ihre ersten drei Kinder hat meine Mutter in der Klinik bekommen, ich war das vierte Kind. Von den Krankenhausgeburten hat sie immer nur kurz gesprochen. „Anstrengend“, „hektisch“, „viele fremde Menschen“, Brustentzündung, Dammschnitt, Schmerzen. Von meiner Geburt hat sie mit glänzenden Augen erzählt: Die Lampe sei mit einem roten Tuch verhüllt gewesen und direkt nach der Geburt hätte ich sie angelächelt. Alles klang wohlig warm und weich.

Hebammenvorsorge

Die Hausgeburtshebamme ruft mich an, bevor ich sie anrufen kann. Das ist auch gut so. Ich hätte mir wahrscheinlich zu lange Zeit gelassen. Es ist einfach alles zu unwirklich. Schwanger, das sind immer irgendwie nur die Anderen.

Ich mache einen Termin mit ihr. Merle. „Ist das Dein erstes Kind?“ fragt sie. „Oh ja“ sage ich. „Wo soll ich denn hinkommen?“ frage ich in einer SMS. „Ich komm zu Dir!“ schreibt sie.

Das ist ja eine gute Zusammenarbeit von Hebamme und Ärztin. Hört sich nach einem wirklich engagierten Team an!

Von jetzt an kommt Merle alle vier Wochen zur Vorsorge zu uns in die Wohnung. Die Ärztin sehe ich bis zur Geburt nur noch drei mal zum Ultraschall. Merle nimmt Blut ab, tastet und horcht meinen Bauch ab, untersucht mein Urin und notiert Gewicht und Blutdruck. Sie ist unser Engel. Immer ruhig, immer entspannt. Sie bildet sich nie ein Urteil über unsere anfängliche Unsicherheit und lächelt, wenn ich mein Baby „Alien“ nenne. Bis jetzt hatte ich mir Hausgeburtshebammen als vollbusige, ältere Damen mit schweren langen Röcken vorgestellt – aber Merle ist jünger als wir, schlank, groß und wunderschön.

Was heißt schon ET?

Einen Sommer, einen Herbst und einen halben Winter später, am 12. Januar, ist Geburtstermin.
Merle kommt inzwischen jeden zweiten Tag und schreibt ein CTG. Ich habe 20 Kilo zugenommen und ziehe mich an den meisten Tagen nicht mal mehr an, so schwer und unbeweglich fühle ich mich. Und der kleine Mann (ja, es wird ein Junge!) macht keine Anstalten zu kommen. Wir verbringen die Tage auf dem Sofa oder im Bett. Inzwischen ist mir mein Alien so ans Herz gewachsen, dass ich der Geburt ein bisschen wehmütig entgegen sehe. Ich spüre ihn gerne in mir und habe Sorge, dass ihm bei der Geburt was passieren könnte. Wir sind inzwischen sieben Tage über den Termin und es tut sich gar nichts.

Ja, besonders in den Tagen nach dem ET (Errechneter Termin) kommen viele Frauen ins Grübeln. Bis dahin sind die meisten beschäftigt, aber ab dann ist der Kalender leer und die Nabelschau beginnt. Eigentlich noch mal eine schöne Zeit – mal abgesehen vom Kopfkino…

Ich telefoniere sicherheitshalber noch mal mit der Ärztin. „Soll ich zum Gebären vielleicht doch ins Krankenhaus gehen?” „Was ist, wenn er die Nabelschnur um den Hals gewickelt hat, was ist, wenn er bei der Geburt zu wenig Sauerstoff bekommt?“ „Entscheiden Sie dann, wo sie sein möchten, wenn die ersten Wehen einsetzen,“ sagt die Ärztin. „Vertrau Deinem Körper,“ sagt Merle.

Zwei super Ansagen! Genau so!

Tatort: Bett

Acht Tage nach dem errechneten Termin zieht es zum ersten mal im Bauch. Ich habe gerade unsere Steuererklärung fertig gemacht. Es ist Sonntag Abend, wir schauen im Bett den Tatort und jede halbe Stunde spüre ich einen Krampf in der Kugel. Nick, mein Mann, fühlt wie mein Bauch hart wird und atmet tief durch.
Nach dem Tatort ist es wieder vorbei und wir machen das Licht aus.

Viele Frauen haben diese kleinen Geburtsankündigungen in Form von Vorwehen, die sich aber letztendlich nicht wirklich steigern und dann auch irgendwann wieder nachlassen. Das kann ganz harmlos sein und den Tatort nur noch etwas spannender machen, oder aber ganz schön nervenzerreibend und doll. Und obendrein können sich diese kleinen Episoden auch noch mehrfach wiederholen.
Ich hatte mal ein Paar über mehrere Nächte in der Klinik „zu Besuch“, das morgens immer wieder unverrichteter Dinge zum Schlafen nach Hause fuhr. Und erst Tage später kam dann irgendwann das Baby.

Montag bleibe ich im Bett. Der kleine Mann hat seine Hände dem Ausgang entgegen gestreckt und wühlt herum. So fühlt es sich jedenfalls an. Ich will alleine sein. Am liebsten würde ich mich wie eine schwangere Katze in eine dunkle Ecke verkriechen. Wenn ich nicht so dick wäre, würde ich mich wahrscheinlich unters Bett legen. Montag Nacht zieht es wieder. So heftig, dass ich nicht mehr im Bett liegen kann. Ich stehe auf und laufe in der dunklen Wohnung herum. Während der Wehen lege ich meine Arme auf die Arbeitsplatte in der Küche, meinen Kopf darauf, kreise mit den Hüften und atme tief durch. Irgendwie hilft’s.

Viel Bewegung und eine vorn-übergeneigte Haltung hilft fast immer bei beginnenden Wehen. Siehe auch: Geburtspositionen

ET+10

Dienstag morgen kommt Merle. Die Wehen sind wieder weg. Wir sind zehn Tage über den Termin. „Bis jetzt ist noch keins drin geblieben“, sagt Merle. Wenn er in vier Tagen nicht da ist, soll ich ins Krankenhaus und einen Arzt um eine Verlängerung der Wartefrist bitten, sagt sie.

Hier muss sich die Hebamme absichern. Wenn das Baby 14 Tage nach dem ET noch nicht geboren ist, muss nach den geburtshilflichen Richtlinien eingeleitet oder aber eine Außnahme gemacht werden.

Ich habe den Eindruck, mein Baby bleibt da drin. Es ist sehr ruhig geworden um uns: Freunde und Familie haben aufgehört anzurufen. Nick macht wieder Überstunden im Büro, draußen liegt Schnee und ich bin seit Tagen im Bademantel. Ich fühle mich als hätte die Welt angehalten und würde nicht mehr auf mein Baby warten, als könnte ich ihn für immer in seiner warmen Höhle behalten.

Da habt ihr aber einen sehr rücksichtsvollen Familien- und Freundeskreis! Das kenne ich oft ganz anders! Glück gehabt!

„Meinst Du ich kann heute Abend noch auf den Elternabend im Kindergarten gehen?“ fragt Merle. „Das weißt Du wahrscheinlich besser als ich.“ sage ich.
Kaum ist Nick ins Büro gefahren und Merle aus der Tür, zieht es wieder im Bauch. Ich nehme mir eine Kanne Himbeerblättertee, Schokolade, Lakritz und meinen Laptop und gehe wieder ins Bett. Für anspruchsvolle Unterhaltung oder E-Mails reicht die Konzentration nicht mehr. Ich muss jede halbe bis Dreiviertelstunde aufstehen und eine Wehe „verlaufen“. Wenn ich es nicht mehr bis zur Arbeitsplatte in der Küche schaffe, setze ich mich auf den Pezziball im Schlafzimmer und stütze meinen Kopf auf die Kommode. „Wie starke Regelbeschwerden“ fühlen sich Wehen an, hat meine Freundin Kerstin mal gesagt. Sie hat Recht.
Ich gucke die komplette erste Staffel von „Sex and the City“. Ich habe die Serie immer gehasst. Jetzt ist sie perfekte Ablenkung. Bunt, oberflächlich, hirnlos.

Wehen 2.0

Ab 21 Uhr kommen die Wehen alle zehn Minuten. Nick ist noch im Büro, Merles Elternabend vorbei und meine Konzentration reicht nicht mehr für Carrie Bradshaw und Co. Ich laufe und atme, wiege meine Hüften und schreibe auf, wann die Wehen kommen. Irgendwie fühlt es sich noch nicht nach Geburt an. In Filmen platzen die Fruchtblasen und die Frauen schreien vor Schmerzen.

Geburten in Filmen: „OmG!“

Mir geht es eigentlich ganz gut. Um 22 Uhr kommt Nick aus dem Büro. Er macht Linsensuppe.

Eröffnungsperiode

Und das ist meine letzte klare Erinnerung. Von da an ist alles wie ein Fiebertraum. Nick erzählt heute ich hätte um 23 Uhr gesagt, dass ich es nicht aushalten könnte, wenn die Schmerzen noch schlimmer werden würden. Ich kann nicht sitzen und nicht liegen, mir ist übel und schwindelig.

Um zwei Uhr schicke ich Merle eine SMS: „Alle fünf Minuten starke Schmerzen. Dazwischen auch. Mir ist schlecht, heiß und kalt, ich kann mich nicht hinlegen. Alles normal?“ Sie antwortet: „Ja! Das klingt alles normal! Du kannst auch den Geburtspool probieren! Soll ich kommen?“ Ach ja, der Pool! Merle hatte ihn mir so ans Herz gelegt und ich wollte ihn nicht haben. Ich fand das alles irgendwie zu wühlig. Eine Badewanne im Schlafzimmer aufbauen, in unserer Altbauwohnung mit Schläuchen hantieren – für mich unvorstellbar. Vorsichtshalber geholt und im Auto gelassen haben wir ihn trotzdem. Ich schreibe an Merle: „Für Geburtspool reicht Kreislauf nicht und ich muss die ganze Zeit laufen. Wann kommst Du normalerweise dazu?“. Merle antwortet: „Es gibt kein normalerweise… Das ist immer anders. Wie fühlst Du Dich denn besser? So, oder wenn ich gleich bei Dir bin?“

Ich bin ein bisschen verzweifelt. Ich hätte gerne, dass mir jetzt jemand sagt, wie es weitergeht. Ich bin mir ja nicht mal sicher, ob das überhaupt schon die Geburt ist. Nick ist hilflos und schaut mich fragend an. Ich kann nicht klar denken. Also atme ich und warte es ab. Merle, die keine Antwort bekommen hat, schreibt noch mal: „Vom Gefühl her würde ich mich auf den Weg zu euch machen! Meinst du nicht?“ Es ist 2.31 Uhr. Ich kann nicht antworten. Das Handydisplay ist mir zu grell und ich kann keine Entscheidung treffen. Nick macht alle Lichter aus und lässt nur ein Teelicht brennen.

Wenn man alleine nicht mehr weiter weiß, oder sich ganz hilflos fühlt, ist spätestens der Zeitpunkt gekommen, die Hebamme dazu zu rufen. Dafür sind wir ja schließlich da. Wir schauen einfach, ob so weit alles gut läuft und haben meist noch eine passende Idee, was zu dem Zeitpunkt vielleicht noch gut tun könnte. Manchmal ist es auch einfach hilfreich, wenn jemand, der sich damit auskennt sagt, dass alles in Ordnung ist.

Plötzlich merke ich, dass er mit Merle telefoniert. Sie hat angerufen, weil sie nichts mehr von uns gehört hat. Er gibt mir das Telefon und als Merle meine Stimme hört sagt sie: „Ich komm jetzt zu euch. Falls es falscher Alarm ist kann ich ja wieder fahren.“

Übergangsphase

Mir ist schlecht. Ich bin müde. Ich habe das Gefühl, dass mir ein glühendes Schwert im Po steckt. Ich kann nicht sitzen und nicht liegen. Und es wird nicht besser. Dann ist plötzlich Merle da. „Soll ich Dich erst mal untersuchen?“ fragt sie und legt mir die Hand auf die Schulter. Ich habe Sorge, dass ich mich übergeben muss, wenn ich mich hinlege, aber es hilft ja nichts. Merle fühlt meinen Muttermund und fragt: „Willst du es wissen?“ – ich nicke und sage „Ok“. Merle sagt: „Acht Zentimeter“ und „leg Dich mal auf die Seite“. Mir war noch nie in meinem Leben so übel. Ich warne Merle, dass die Gefahr besteht, dass sie einen Schwall Erbrochenes abbekommt, aber sie möchte trotzdem, dass ich mich auf die Seite lege.

Schön! 8 cm, da hast Du ja schon das Meiste ganz alleine geschafft.

Sie sitzt auf der Bettkante und schüttelt bei jeder Wehe meine Hüfte. Mein Magen macht mir so zu schaffen, dass mir die Wehen egal sind. Nach ein paar Wehen befühlt Merle wieder den Muttermund und während ich in Richtung Badezimmer renne, höre ich, wie sie irgendwas mit „10 Zentimeter“ sagt.

Der Muttermund ist nun vollständig geöffnet und das Baby kann theoretisch kommen. Doch oft dauert das letzte Stück der Reise durch das Becken – vor allem beim ersten Kind – noch eine ganze Weile.

Wellness im Geburtspool

Wann Merle und Nick den Geburtspool aufgebaut und befüllt haben weiß ich nicht, aber er steht im Schlafzimmer bereit, als ich zurück komme. Ich lege mich ins warme Wasser und habe plötzlich keine Wehen mehr. Mir ist warm, ich fühle mich leicht – mehr nach Wellness als nach Geburt. Meine Fruchtblase ist noch ganz und Merle horcht nach dem Herzen vom Baby, das regelmäßig vor sich hin bummert. Der kleine Mann ist entspannt.

Baden ist doch immer wieder eins der besten „Schmerzmittel“!

Pressdrang!

Eine halbe Stunde später, gerade als ich vorschlagen will, dass wir uns ein paar Cocktails mixen und Nick und Merle mit in den Geburtspool kommen, fühle ich die erste Presswehe. Und einen Kopf, der sich nach unten bewegt.
Wie eine glatte, harte Kokosnuss steckt er in mir fest und plötzlich kann ich mir wieder gar nicht mehr vorstellen, wie das alles funktionieren soll. Bei jeder Wehe sagt mir Merle, dass ich pressen soll und ich presse wie ich nur pressen kann, aber das Köpfchen bewegt sich nur Millimeter für Millimeter. Ich erinnere mich an große Abstände zwischen den Wehen, an Merle, die mir stark duftendes Öl auf den Bauch streicht und auf Punkte an meinen Zehen drückt. Ich sage: „Ich kann nicht mehr! Er steckt fest.“ Und: „Das fühlt sich nicht schön an“.

Das hört sich für mich ein bisschen nach einer sekundären Wehenschwäche an. Das bedeutet, dass die Gebärmutter, nach einer anfänglich guten Geburtsphase, nun in der Pressperiode bereits etwas „müde“ wurde. Durch das Reiben von Außen und die Stimulation der Akkupunkturpunkte am Fuß, hat Merle versucht, ohne den Einsatz von Medikamenten, Abhilfe zu schaffen.

Nach drei Stunden Pressen sagt Merle: „Du machst das alles ganz toll, aber wenn Du willst, dass Dein Baby kommt, musst Du jetzt laut werden“. Und ob ich will, dass mein Baby kommt! Ich schreie – mehr vor Anstrengung, als vor Schmerzen.

„Uff uff uff“

Ein paar Wehen später ist der Kopf am „Ausgang“. Während Babys in Filmen irgendwie immer plötzlich rausrutschen und dann frisch gebadet da sind, bleibt mein Baby dort einen ganzen langen Wehenabstand stecken. Ich hocke im Geburtspool und verabschiede mich in Gedanken von meiner Vagina, meinem Schließmuskel und der Fähigkeit jemals wieder normal laufen zu können. Merle sagt: „Mit der nächsten Wehe schreist du nicht, sondern sagst: „Uff, uff, uff, uff’“. Aus dem Geburtsvorbereitungskurs weiß ich, dass jetzt das Baby kommt und weine vor Erleichterung, während Nick mit seinem Gesicht ganz nah an meins heran kommt. Er kniet vor dem Pool, ich hocke im Pool und Nase an Nase, Stirn an Stirn flüstern wir gemeinsam „uff uff uff uff uff“.

So schön! Toll, wie dein Mann dich unterstützt hat!
Dieses „Hecheln“ verlangsamt den Kopfdurchtritt. Und auch wenn man es in dem Moment eigentlich lieber schneller hinter sich bringen will, ist dieses gebremste Schieben deutlich verträglicher für den Damm.

Und tatsächlich: Mit der nächsten Wehe und einigen „uffs“ flutscht mein Baby ins Wasser. Es ist ein Gefühl, dass ich nie vergessen werde: Besser als jeder Orgasmus, berauschender als jede Droge, erfüllender als der Ritt auf einer Welle oder ein großes Eis oder der Sprung in den See am heißen Sommertag.

Geschafft!

Merle hält den kleinen Mann hoch. Sein Rücken ist glatt, sein Popo winzig und seine Finger schrumpelig. Er ist voller Käseschmiere und hat einen gequälten Gesichtsausdruck. Und er macht keinen Mucks.

Das macht nichts. Nicht alle Babys schreien nach der Geburt sofort los. Gerade Wannengeburtskinder brauchen manchmal eine ganze Weile, bis sie realisieren, dass sie geboren worden sind. Manchmal brauchen sie auch ein bisschen Starthilfe in Form von Rubbeln oder Anpusten (Kältereiz).

Im ganzen Chaos der Geburt und während der Schmerzen habe ich ihn irgendwie ganz vergessen und habe jetzt plötzlich ein sehr schlechtes Gewissen und wahnsinnige Angst, dass etwas mit ihm nicht stimmen könnte. Ich halte ihn in den Armen und Merle saugt Mund und Nase mit einem Sauger leer und streichelt ihn. Als er immer noch nichts sagt stören wir ihn weiter und stupsen an ihm herum, bis er leise zetert. Das reicht. Merle lässt die Nabelschnur auspulsieren und schneidet sie durch.
Und ich bin voller Energie! Am liebsten möchte ich aufstehen und aufräumen, Frühstück machen und zurück an den Schreibtisch.

Nachgeburt

Dann kommt die nächste Wehe. Ich kann es nicht fassen. Noch mehr? Ich habe genug von Wehen! Baby ist doch da! Zwillinge?! „Das ist die Plazenta,“ sagt Merle. „Press mal“. Die Plazenta flutscht ins Wasser und Merle und Nick inspizieren sie. Nick findet sie sieht auswie ein Gehirn und Merle fragt mich, ob ich ein Stück davon essen möchte.

Merle hat gerade meinen Sohn auf die Welt geholt. Wir sind beide gesund, mein Körper ist intakt – keine Risse, keine Schnitte, und mein Baby schläft glücklich in meinen Armen. Für mich ist sie so etwas wie eine Göttin. Wenn sie mich zu diesem Zeitpunkt gefragt hätte, ob ich all meinen weltlichen Besitz den Armen schenken und mit ihr in eine Höhle im Harz ziehen würde, hätte ich vermutlich auch „Ja!“ gesagt. Also esse ich ein Stück Plazenta, denn das soll gut für die Rückbildung sein.

Kann man machen – muss man aber nicht.

Während mein Baby und ich im Bett liegen, stellen Merle und Nick eine Waschmaschine an, Nick pumpt das Wasser aus dem Geburtspool ins Klo und Merle zeigt mir, wie man stillt. Der kleine Mann sieht inzwischen nicht mehr gequält, sondern nur noch erschöpft aus und kuschelt sich an meine Brust. Ob da was raus kommt weiß ich nicht, aber er sieht zufrieden aus.

Da kommt was! Nicht viel, aber genug für den murmelkleinen Babymagen!

Merle packt ihre Sachen und sagt uns, dass sie heute Nachmittag wiederkommt, um nach uns zu sehen. Draußen zwitschern die Vögel. Nick ist so müde, dass er kaum noch sprechen kann und schläft sofort ein, als Merle die Tür hinter sich zu zieht.

Pures Glück!

Wir liegen zu dritt im Bett, meine beiden Männer atmen ruhig, draußen schneit es und ich bin hellwach – ich fühle mich, als wäre ich frisch verliebt, als wäre ich nach einer durchfeierten Nacht zum Sonnenaufgang am Strand, als hätte ich gerade die Welt gerettet.

Zu Hause ist es doch am Schönsten!

Tolle Geburt, oder? Aber hättet ihr gedacht, dass es vom Zeitpunkt des vollständigen Muttermunds bis zum Moment an dem das Baby da ist, noch so lange dauern kann? Das kommt, gerade beim ersten Kind, gar nicht mal so selten vor.
Übrigens wäre man sicher in der Klinik nicht ganz so abwartend gewesen. Hier besagen die Richtlinien, dass ein Baby zwei Stunden nachdem der Muttermund vollständig ist, da sein sollte. Man hätte also sehr wahrscheinlich entsprechende Maßnahmen eingeleitet. Zumindest ein Wehentropf wäre höchstwahrscheinlich zum Einsatz gekommen. Und womöglich hätte man die Wannengeburt sogar abbrechen müssen.

Aber über besser oder schlechter will ich gar nicht diskutieren. Ich möchte nur kurz darauf aufmerksam machen, dass Vieles was in der Klinik Medikamente oder Geräte braucht, außerklinisch auch sehr gut alternativ bewerkstelligt werden kann. Hier bedarf es natürlich der Erfahrung und des fundierten Fachwissens einer Hebamme, die bei einer langen „Austreibungsperiode“ wie hier auch immer im Auge behalten muss, dass eine ausgepowerte Gebärmutter nach der Geburt häufiger zu verstärkten Blutungen neigt. Aber auch hierauf sind Hausgeburtshebammen gefasst und haben natürlich ein entsprechendes Repertoire an Interventionsmöglichkeiten, sowie ein Notfallmedikament dabei.

Liebe Ava, vielen Dank für Deinen tollen Bericht aus dem Geburtspool!

*Alle Namen wurden auf Wunsch geändert.

 

PS: Hat noch jemand Erfahrungen mit einem Geburtspool gemacht? Wie war es bei euch?



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11 Kommentare
  1. Mareike
    Mareike sagte:

    Was für ein schöner Bericht! Auch wenn ich immer wieder in unsere Klinik gehen.würde, wo ich mich dank Baby- und Mamafreundlichen Richtlinien, Beleghebamme und ambulanter Geburt sehr wohlgefühlt habe. Aber Hausgeburtsberichte haben immer wieder ihren eigenen Zauber :)

    Antworten
  2. jukefrosch
    jukefrosch sagte:

    Ein wunderbarer Bericht!

    Ich bin fasziniert, dass die Ärztin direkt eine Hausgeburt angeraten hat. Ich hab fast nur Gegenwind bekommen.
    Da die Ärzte mein Kind zu dünn finden, bin ich unter engmaschiger Überwachung, aber Traum von der Hausgeburt ist trotz allem noch nicht ausgeträumt.

    Einen Geburtspool empfiehlt meine Hebamme auch, ich bin allerdings nicht ganz überzeugt. Ich liebe duschen, aber baden nicht besonders, ich weiß nicht, ob ich mich darin wohlfühlen würde. Vom Platzbedarf mal ganz abgesehen.

    Antworten
    • Minou
      Minou sagte:

      Ich bin auch kein Badewannen-Fan (maal im Winter) und hab mich superwohl gefühlt und konnte viel besser entspannen im Pool. Ich glaube, das muss man ausprobieren. Viele wollen anscheinend auch irgendwann wieder raus aus dem Wasser.

      Antworten
  3. Minou
    Minou sagte:

    Ich hatte auch eine Wassergeburt zuhause. Ich bin vollkommen glücklich damit. Das Wasser tat mir auch sehr gut, ich wollte nicht mehr raus, die Wehen fühlten sich viel gedämpfter an- auch wenn ich sie dennoch doch stark spüren konnte.
    Als meine Hebamme kam und den Muttermund untersuchte, war dieser nach ihrer Aussage „SCHON 1 cm offen“. Ich dachte mir nur „SCHON?? Willst du mich verarschen? ERST 1 cm! Oh nein!“ :-D
    Ich wollte jedenfalls nie wieder woanders gebären, als zuhause. Das erscheint mir doch der beste Ort für ein so intimes Ereignis, in dem man sich vollkommen fallen lassen müssen kann. Ich wollte keine fremden Menschen um mich herum, bei denen ich womöglich gar nicht sicher sein kann, dass MEIN Wohl in ihrem Handeln über ihrem eigenen oder den Interessen des Hauses stehen. Wobei das natürlich auch von KH zu KH sehr verschieden ist.

    Antworten
  4. September-Juni
    September-Juni sagte:

    @jukefrosch: so ging es mir vor meiner ersten Geburt auch (lieber duschen statt baden, etc) aber als ich dann mit Wehen in der heimischen Wanne saß, war das eine Wohltat. Der Zwerg kam zwar nicht in der Wanne aber die Std. im Wasser möchte ich nicht „missen“.

    Beim 2. Zwerg war ich mit leichten Wehen + Buscopan Zäpfchen 1 1/2 Std in der Wanne völlig tiefenentspannt… kurz danach platzte die Blase und der Zwerg „flutschte“ in einer halben Std. im heimischen Bad. Leider ein wenig zu schnell für unsere Hebammen ;-) Sie konnten nur noch die Schere zum Abnabeln reichen.

    Also schon allein zur Entspannung war für mich eine Wanne Gold wert.

    Antworten
  5. September-Juni
    September-Juni sagte:

    … ach mensch nun habe ich gar nichts zum Bericht geschrieben…

    Der ist wirklich traumhaft und verschaffte mir mehr als einmal eine Gänsehaut und erinnert mich an meine Hausgeburten. Sehr schön geschrieben!

    Antworten
  6. Maria
    Maria sagte:

    Ich find den Bericht echt Klasse. Es geht unter die Haut wie sie beschreibt was in ihr vor geht. Eine Hausgeurt wollte ich schon immer, jedoch machen mir die Ärzte einen Strich durch die Rechnung. Ich habe eine Risikoschwangerschaft durch Diabetes und soll nur in einer Klinik entbinden die eine Neugeborenenintensivstation hat. Aber ganz geb ich die Hoffnung noch nicht auf. Auf jeden Fall bin ich begeistert über den Bericht!

    Antworten
  7. Sascha
    Sascha sagte:

    Danke für den schönen Bericht, das klingt wirklich nach einer richtig schönen Geburt!

    Ich habe in diesem Mai mein zweites Kind daheim ins Wasser geboren, genau so wie das grosse Geschwisterkind bereits 2 Jahre zuvor. Ich kann den Pool nur empfehlen, besonders in den Wehenpausen hatte ich immer so ein wundervoll-entspannt-schwebendes Gefühl.
    Ich würde immer wieder darin gebären wollen :-)
    Die erste Geburt war besonders, weil es meine erste war und alles neu und aufregend (allerdings auch sehr anstrengend), die zweite Geburt war besonders schön, weil ich schon wusste, was kommt und mich super darauf einlassen konnte und mit den Wehen wunderbar zurecht gekommen bin.
    Und ich hab bereits schon wieder Lust auf eine weitere Geburt daheim! ;-)

    Antworten
  8. Sophie
    Sophie sagte:

    Ein sehr schöner Bericht :)

    Und endlich mal ein Geburtsbericht mit einer langen Austreibungsphase. Meine Geburt verlief super, doch auch meine Austreibungsphase ging sehr lange, 4-5 Stunden. Zum Glück hatte ich eine erfahrene Beleghebamme (im Spital), die uns Zeit liess. Nur hatte ich das so gar nicht erwartet… klar, kommt auch nicht mehr so oft vor, da meist schneller interveniert wird. Aber nicht abschrecken lassen!

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