Stillen ist Liebe

Ist Stillen unfeministisch?

Vom 1. bis zum 7. Oktober 2018 war Weltstillwoche. In dieser Woche machen Organisationen und Einzelpersonen weltweit auf das Stillen aufmerksam. Hintergrund der „Werbekampagne“ ist, dass nach UN-Angaben ca. 78 Millionen Babys weltweit lebensbedrohlichen Gesundheitsrisiken ausgesetzt sind, die durch das Stillen vermieden werden könnten. Die World Health Organisation (WHO) schrieb 2017 in ihrem Positionspapier 10 Facts on breastfeeding: “Breastfeeding is one of the most effective ways to ensure child health and survival.”

Stillen ist das Ideal

Auch wenn natürlich bekannt ist, dass Muttermilch erst einmal das beste Nahrungsmittel für alle Babys ist, gilt dieses Stillgebot ganz besonders für die Länder, in denen es deutlich weniger Alternativen gibt als hierzulande. Denn hier gehen wir normalerweise weder unterernährt in die Schwangerschaft und Geburt, noch haben wir Probleme damit, Babys mit guter Ersatznahrung zu füttern. Flaschenkinder müssen bei uns nicht um ihr Leben bangen.

Aber Stillen ist ein Ideal. Und zwar sowohl aus gesundheitlicher Sicht, als auch aus einer kulturgeschichtlicher. Viele Mütter freuen sich besonders auf die Stillzeit oder idealisieren diese. Wenn ich im Geburtsvorbereitungskurs frage: „Worauf freut ihr euch nach der Geburt am meisten?“ dann berichten Frauen oft von diesem Bild, das sie von sich mit dem Baby an der Brust haben.

Als Hebamme freut mich das. Denn aus dem Wissen heraus, dass Stillen nun mal das Beste für Mutter (ja, auch die profitieren davon, z.B. durch ein gesenktes Brustkrebsrisiko) und Kind ist, ist es mir ein Anliegen, möglichst viele Menschen für das Stillen zu begeistern. Natürlich ist es mir auch wichtig, dabei niemanden zu diskriminieren! Denn klar: nicht jede Mutter kann oder möchte stillen. Das ist eine individuelle Entscheidung. Und auch für diese Eltern gibt es gute Möglichkeiten, ihr Kind zu ernähren. Glücklicherweise gibt es genug Alternativen.

Was ist Stillen?

Anfang Oktober war also Weltstillwoche und die sozialen Medien waren voll von Stillbildern, Geschichten und dem Slogan: „Stillen ist Liebe“.

In der Woche darauf erschien dann in der „Zett“ ein Artikel von Mareice Kaiser mit dem Titel: „Stillen ist Liebe? Stillen ist Stillen!“. Ich schätze die Journalistin und Bloggerin Mareice für ihre klugen, feministischen Texte sehr. Doch hier war ich irritiert. Sie beschreibt in dem Text, wie sie sich erst über die Bilder zur Stillwoche auf Instagram freute, wie es für sie dann aber auch ein „patriarchal geprägtes und konservatives Rollenbild der Mutter“ zeigte. Mhm, hier habe ich schon etwas gezuckt.

Kurz skizzierte sie ihre eigenen Stillgeschichten. Dann platzte für mich die erste echte Textbombe mit dem Satz: „Eine gute Mutter stillt“, hieß es zu Zeiten des Nationalsozialismus – diese Parole gilt auch heute.“
Also „Mutter-sein“ wurde im Nationalsozialismus schon als primäre Aufgabe der Frauen verstanden, aber gestillt wurde lange vorher. Gestillt wurde, seit es Menschen gibt und sehr wahrscheinlich auch schon vorher, von anderen Säugetieren. Stillen ist ganz bestimmt keine Erfindung der NS-Zeit.
Und was ist eigentlich „eine gute Mutter“? Ich denke eine gute Mutter macht sehr viel mehr aus als nur die Art, wie eine Frau ihr Kind ernährt. Und anders herum ist man durchs Stillen nicht automatisch immer gut im Mutter-Job. Und wer hat eigentlich die Berechtigung darüber zu urteilen wer oder was eine gute Mutter ist?

Stillen verhindert Gleichberechtigung?

Des weiteren befand Mareice: „Stillen manifestiert nicht-gleichberechtigte Partner*innenschaften.“
Hä? Also Stillen ist doch erst einmal nur eine Ernährungsform. Eine Aufgabe, die hinzukommt, wenn ein Kind da ist. Aufgaben müssen neu verteilt, manchmal ausgehandelt werden.
Stillen ist eine der neuen Aufgaben. Wickeln, Waschen, an- und ausziehen, Trösten, Spielen, … Es gibt genug Dinge, die außer dem Stillen noch anfallen und die irgendwie verteilt werden müssen. Ich finde, das hat mehr etwas mit Paarkommunikation zu tun, mit Beziehungsgestaltung. Wenn ich eine Aufgabe übernehme, die nur ich ausfüllen kann, dann muss mein Partner mir eben eine andere Aufgabe abnehmen.

Ich finde da keinen Unterschied zu anderen Aufgaben. Was ist, wenn ein Partner entscheidet eine berufliche Herausforderung anzunehmen, z.B. eine Doktorarbeit zu schreiben? Ist das nicht genau so? Nur diese Person kann das tun. Also müssen andere Aufgaben, z.B. im Haushalt oder in der Familie, neu organisiert werden.
Vielleicht ist auch nicht immer alles total gleich verteilt. Dann kommt es auf die Zufriedenheit oder einen Ausgleich an. Nächtliches Stillen ist vielleicht nicht durch gemütliches Kochen am Tage auszugleichen. Aber vielleicht durch Kochen und gleichzeitiges Ermöglichen eines Mittagsschlafes oder längeres Ausschlafen am Morgen.

Jedes Paar oder jede Familie muss da einen Weg finden, der passt. Wir z.B. haben uns eher zeitweise abgewechselt. Mal ist einer beruflich mehr dran und der andere stemmt mehr Aufgaben im Haushalt und in der Familie, mal anders herum. Das Stillen selbst manifestiert aber keine nicht-gleichberechtigte Partner*innenschaften.

Das Private ist politisch (wie immer)

Problematisch finde ich ganz andere Mechanismen. Nämlich, dass Frauen immer noch viel weniger Geld verdienen als Männer. Dadurch bedingt sich in den allermeisten Fällen, dass Frauen nach der Geburt eines Kindes am längsten die Care-Arbeit übernehmen und ihre berufliche Laufbahn solange auf Eis legen. Abgesehen vom Karriereknick, der daraus oft genug hervorgeht, entsteht eine starke finanzielle Abhängigkeit von dem Partner, der einer Erwerbstätigkeit nachgeht. Trennen sie sich irgendwann, so sieht die Mutter sich nicht selten mit Altersarmut konfrontiert. Denn sie hatte ja viel weniger Gelegenheit in die Rentenkasse einzuzahlen. Hierfür muss auf politischer Ebene ein Ausgleich geschaffen werden. Aber das alles hängt nicht am Stillen, sondern am politischen Willen!

Stillen ist ein Reizthema

Stillen oder nicht stillen – das ist eines dieser Themen, das die Gemüter bewegt und sehr emotional besetzt ist. Zu stillen ist meist keine reine Kopfentscheidung. Manchmal möchte die Frau stillen, es klappt aber nicht und von da an ist Stillen ein Wehmutsthema. Manchmal führt Stillen wirklich in die Isolation, weil es nur abgeschottet klappt. Manchmal machen Stillende schlechte Erfahrungen mit ihrer Umwelt. Manchmal ist Stillen wirklich so großartig. Und manchmal ist Stillen eben nur Stillen.
Die Bandbreite ist groß. Menschen sind verschieden und Wünsche und Ideale auch.

Stillen ist Liebe!

Ich mag den Slogan: „Stillen ist Liebe“. Für mich bedeutet das nicht, dass Flasche füttern nicht Liebe ist. Vieles was wir für unsere Kinder tun, ist von Liebe geprägt. Das ist nur eine Aussage, eine Anerkennung der Leistung, der Arbeit. Einer Arbeit, die nur Frauen tun können. Frauenarbeit wird ja allgemeinhin nicht sehr anerkannt. Daher finde ich es schön dass mal zu wertschätzen: Toll, dass du das machst. Das nächtliche Stillen, das tägliche Stillen, das stündliche Stillen. Das Stillen. Toll, good job!

Diese Frauenarbeit wird doch meistens als selbstverständlich angesehen. Übrigens ganz anders als beim Flasche-fütternden Partner (ich wähle hier extra die rein männliche Form). Väter, die Füttern und andere Care-Arbeit übernehmen, werden immer über den grünen Klee gelobt. Warum denn nicht mal die stillenden Frauen wertschätzen?

Dass Nicht-Stillende sich davon diskriminiert fühlen, finde ich schade. Warum ist das so? Ist ein Lob einer Gruppe automatisch eine Kritik an einer anderen? So ist es jedenfalls nicht gemeint.

Was sind die Stillauswirkungen?

Für Frauen, für Männer, für Kinder, für Menschen, für die Gesellschaft?

Was ich an dem Text in der Zett gut finde, ist, dass er diesen Diskurs gebracht hat. Das Thema hat in den sozialen Medien (besonders Instagram) ziemlich hohe Wellen geschlagen. Insofern: Vielen Dank, liebe Mareice, für diesen Anstoß.

Ich denke ja oft: Über das Stillen wurde jetzt alles gesagt:

…aber vielleicht stimmt das gar nicht. Vielleicht ist das Thema gesellschaftlich einfach noch einmal dran.
Mich würde wirklich interessieren, wie ihr zum Still-Feminismus steht. Na los. Haut raus!



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5 Kommentare
  1. Nurit Anders
    Nurit Anders sagte:

    Feminismus heißt auch sich nicht sagen zu lassen wie frau mit ihrem Körper umzugehen hat. Stillen ist feministisch, wenn frau sich selbst dazu entschieden hat. Ebenso bei der Flasche.

    Antworten
      • Inga
        Inga sagte:

        Ich habe bei einem Kommentar unter Mareices Artikel gezuckt: Ein Mann schrieb, stillen odet nicht stillen sei eine Entscheidung beider Partner.

        Ich fürchte, das kann ich nicht untrtschreiben. Klar haben wir darüber geredet, aber entschieden habe ich letztlich. Denn, ähm, MEIN Körper, MEINE Brüste :-)

        Ansonsten habe ich mir nicht viele Gedanken gemacht, wie das meine Rolle in der Partnerschaft/Gesellschaft beeinflusst. Diese Beeinflussung findet doch nur statt, wenn ich sie zulasse! Ist mir egal, was andere darüber denken.
        Meine Meinung war: Stillen ist gut fürs Kind, also mache ich es, wenn es klappt. Ich fand es weder toll noch furchtbar, funktioniert hat es tadellos. Für mich war stillen einfach nur stillen- nichts sonst :-)

        Antworten
  2. Fredi
    Fredi sagte:

    In meinem Umfeld bekommen gerade viele gut ausgebildete gut verdienende Frauen mit Buerojob ein Baby. Ausnahmslos bleiben sie das erste Jahr zu Hause. Grund, warum nicht der Partner die Babypflege zumindest zur Haelfte uebernimmt: das Stillen. Das Stillen scheint daher enorme Auswirkungen auf die Rolle in der Partnerschaft zu haben. Anders als andere Aufgaben laesst sich das eben nicht „buendeln“ oder teilen, sondern erfordert gerade bei kleinen Babies staendige Verfuegbarkeit der Mutter. Und ja, man kann abpumpen (so habe ich das gemacht, hat aber anstrengende Nebenwirkungen und wird von vielen als „Kruecke“ empfunden, weil Stillen ja nicht nur Muttermilch bedeutet), und ja, es gibt viele gute Gruende fuer das Stillen. Aber wenn es ueberall hiesse „Flaeschen ist genau so gut fuer ihr Baby“ und das auch stimmen wuerde, dann saehe die partnerschaftliche Rollenverteilung sicher vielfach anders aus. Von daher ist es fuer mich auch ein Feminismus-Thema (nicht im Sinnne von „es ist unfeministisch, sich fuer das Stillen zu entscheiden“; aber Stillen sollte nicht als etwas Selbstverstaendliches gesehen werden, sondern geht fuer Frauen, die Wert auf Beruf und Unabhaengigkeit legen, durchaus mit besonderen Einschraenkungen einher – das sollte anerkannt werden).

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    • Jana Friedrich
      Jana Friedrich sagte:

      Ja, das stimmt natürlich. Das ist beruflich erst mal einschränkend. Kann jedenfalls sein. Ich hab das so gemacht wie du und bis echt schnell wieder arbeiten gegangen. Aber das Pumpen ist schon auch anstrengend. Da hast du Recht.
      Bei mir hat das, durch die Arbeit im Schichtdienst, keinen großen Unterschied innerhalb der Arbeitsaufteilung, innerhalb der Beziehung gemacht. War ich über Nacht weg, musste mein Partner dem Kind die Flasche fertig machen… War ich da, hab ich gestillt. Daher hatte ich nicht das Gefühl, alles bleibt an mir hängen.
      Aber das ist sicher sehr individuell, wie man das regelt. Aber tatsächlich geht es auch sehr gleich, wenn man das will.

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