Nachts im Kreißsaal

Nachts im Kreißsaal

Ankunft

Abends um zehn betrete ich den Kreißsaal, wie immer in der Ungewissheit wie die Nacht wohl werden wird. Ein kurzer Blick auf die Infotafel verrät mir mit wem ich Dienst habe – welche Kollegin und Ärzte es diesmal sind. Wir werden die nächsten acht Stunden zusammen arbeiten, reden, lachen und Entscheidungen treffen.
Der kurze Flur macht einen Knick nach links und gibt den Blick auf die Türen der einzelnen Kreißsäle frei. Sind sie geschlossen? Brennen die kleinen Anwesenheitslichter? Dann die nächste Infotafel: Wie viele Frauen sind noch in der Warteschleife, auf der Wochenbettstation oder in den Aufnahmezimmern? Oops – alles leer?
Entspannung! Heute geht es erst mal ganz ruhig los. Aus dem Aufenthaltsraum höre ich bereits die Kolleginnen vom Spätdienst lachen. Bei uns ist eigentlich fast immer gute Stimmung. Ich gehe nach hinten und setze mich zu ihnen. Wir unterhalten uns etwas, trinken Tee und machen die Schichtübergabe.
Dann gehen die Spätdienstlerinnen nach Hause und auch die beiden Ärzte verlassen den Kreißsaal. Sie haben noch etwas auf der Wochenbettstation zu tun und dürfen dann schlafen, bis sie entweder von mir zur Geburt oder von der Rettungsstelle zu einer ersten Hilfe gerufen werden. Meine Kollegin, die heute mit mir zusammen die Nachtschicht hat, geht wie immer auf die Wochenbettstation. Sie arbeitet dort, bis sich der Kreißsaal füllt und ich ihre Unterstützung brauche. Aber jetzt schließe ich erst mal hinter allen die Tür. Dann Stille – und der Kreißsaal gehört mir!

Gute Nacht

Von Freunden und Bekannten werde ich für die Nächte oft bemitleidet: “Oh je, Du Arme – Du hast Nachtschicht!?” Die Wahrheit aber ist: meistens mag ich die Nächte im Kreißsaal sehr gerne. Denn nachts ist alles viel ruhiger, gedämpfter, entspannter und gleichzeitig konzentrierter. Nachts gibt es kaum Routinen. Und nachts passieren nur die Dinge, die keinen Aufschub erdulden: Es werden Kinder geboren.
Ich checke noch schnell die Geräte, zähle die Opiate im Schrank, schreibe eine kleine Apothekenanforderung für den nächsten Tag, und dann harre ich der Dinge, die da kommen… Leise surrt die Klimaanlage. Ab und zu klappert das Blutgasanalysegerät, während es den stündlichen Selbstcheck durchführt.
Irgendwann, so gegen 1 Uhr in der Früh, klingelt es dann doch noch an der Tür. Eine Frau bekommt ihr zweites Kind. Es geht schnell und ich kann mich ihr voll und ganz widmen. Bei der Auswahl des Raumes hat sie die freie Wahl und entscheidet sich für den großen, roten Kreißsaal. Dabei ist ihr die Farbe eigentlich egal. Sie sagt, sie braucht viel Platz, um sich zu bewegen.
Zielsicher steuert sie auf das an der Decke hängende Tuch zu. Es hat genau die richtige Höhe, um sich vornüber hineinzuhängen. Das braucht sie während der Wehen, sagt sie. In den Wehenpausen läuft sie viel umher. Einen halben Marathon. Ihr Mann muss sich fern halten und auch ich soll sie in Ruhe lassen.
Sie weiß genau, was sie will und braucht. Als sie sich in den Wehen später ein wenig das Kreuz reibt, darf ich ihr immerhin ein warmes Kirschkernkissen unter den CTG-Gurt schieben. Ein kurzes dankbares Lächeln blitzt auf, dann arbeitet sie weiter. Auch ein gesüßter, warmer Tee wird huldvoll von ihr entgegengenommen. Wer Wehen hat darf Königin sein.

Millimeterarbeit

Nach einer weiteren halben Stunde verändert sich während der Wehen ihre Atmung und ich registriere, wie sie unwillkürlich schiebt. Pressdrang! „Ich muss total nötig auf die Toilette“ verkündet sie und ist schon auf dem Weg dorthin. Ich rufe die Ärztin zur Geburt hinzu und erkläre der Frau, dass es sicherlich das Köpfchen ist, was da so schiebt. Der Mann schaut überrascht und nimmt in einer Zimmerecke Platz.
In der nächsten Wehe springt die Fruchtblase und ergießt sich in einer Welle auf den Toilettenboden. Ich staune jedes mal erneut, wie gigantisch ein Liter Wasser auf dem Fußboden wirkt. Jetzt glaubt auch die Frau, dass ihr Baby kommt.
Sie nimmt wieder ihren Platz am Tuch ein und ich lege für alle Fälle – zum Schutz des Kindes – eine Matte auf den Boden. Die Ärztin betritt leise den Kreißsaal und stellt sich kurz vor. Wir hocken uns beide vor die Frau. Ich schlüpfe in die Handschuhe. Während der nächsten paar Wehen tritt das Köpfchen tiefer und wir können bereits die ersten dunklen Locken erkennen. Nun kommt der Vater doch noch etwas näher. Aber Berührungen duldet seine Frau immer noch nicht: Sie will sich konzentrieren! Wie eine Dampflok atmend, schiebt sie das Baby vollkommen kontrolliert Millimeter für Millimeter heraus, bis es endlich und unter einem einzigen wilden Schmerzens- und Jubelschrei warm und nass in meine Hände gleitet.
Dreiuhrvierundzwanzig: Wunderschön!
Ab jetzt passiert alles wie in Zeitlupe. Die Mutter nimmt ihr Kind auf den Arm und lässt sich mit ihm rückwärts auf das Bett nieder. Wir reichen warme Tücher und checken kurz das Baby. Der frische Vater setzt sich auf die Bettkante und umarmt – endlich darf er – Mutter und Kind.
Sechzehn Minuten später folgt die Nachgeburt. Alles ist in Ordnung. Wir ziehen uns in den Hintergrund zurück und überlassen diese wertvollen Minuten der glücklichen Familie.

Morgendämmerung

Alles ist wie immer und doch ist es ein bisschen intimer als tags über. Die Nacht hüllt alles etwas ein, sperrt die Geräusche aus, dämpft. Ich muss an die Gemälde der alten Meister denken – düster und doch heimelig. Auch die berühmteste Geburt der Welt soll sich in der Nacht zugetragen haben. Ich kann es verstehen. Am Tage ist das Geschehen nur halb so heilig.
Als ich die Frau mit ihrem Kind gegen halb sechs auf die Wochenbettstation verlege, ist die Nacht bereits auf dem Rückzug. Die Reinigungsfrau kommt. Ich räume auf. Sie putzt. Wir machen uns Musik an und es wird langsam hell. Ich koche noch schnell Kaffee und stecke die Anwesenheitsschilder um.
Dann warte ich auf den Frühdienst.

 



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27 Kommentare
  1. Bianca
    Bianca sagt:

    Als ich noch schwanger war, habe ich mir gewünscht, dass mein Kind nachts geboren wird. Natürlich kann man es sich nicht aussuchen, aber ich stellte es mir entspannter vor (wenn man das so ausdrücken kann).
    So kam es zum Glück auch. Als wir noch ein bisschen draußen herumliefen, war ich froh, dass niemand da war, der mir beim “Wehen haben” zugucken konnte :-) Das Krankenhausgelände war völlig verlassen und dunkel.
    Obwohl zu der Zeit wohl auch alle Kreißsäle besetzt waren, merkte man davon nichts. Es war ruhig, verlassen, relativ leise. Ich empfand auch die Dunkelheit draußen als angenehm. Ich liebte es. Ich würde zum gebären immer die Nacht bevorzugen.
    Ich habe mal gelesen, nachts werden mehr Kinder geboren. Stimmt das? Der Grund dafür interessiert mich wirklich sehr.

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  2. Anika
    Anika sagt:

    Beim Lesen musste ich schmunzeln… ich selbst sitze gerade ganz allein in einem leeren Nachtdienst-Kreißsaal, habe alles geputzt und durchgecheckt, das pH-Gerät macht andauernd Geräusche… und: ich warte in totaler Ruhe bei einem Becher Tee auf die Gebärende, die vielleicht noch kommt. :-)
    Viele Grüße von einer Nachteule aus Überzeugung

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  3. Manuela
    Manuela sagt:

    Hi ihr lieben
    Da kann ich euch nur zustimmen. Meine Tochter wurde nachts um 04.07 Uhr geboren es war eine traumhafte Atmosphäre. Mein Sohn wollte allerdings nicht mehr warten und hat sich als Sternengucker um 17.20 Uhr auf den Weg gemacht. Auch schön,denn so konnte ich nachts in aller Stille mein neu geborenes Baby bewundern :)

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  4. Gianna
    Gianna sagt:

    Wow, ich bin sprachlos. Das ist ein wunderschöner Bericht und lässt tiefe Einblicke in die Abläufe erahnen. Vielen lieben Dank für diesen wundervollen Start in den Tag.

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  5. Maika
    Maika sagt:

    Gänsehautfeeling! Meine 2. Geburt ist nun 9 Wochen her und ich habe sie diesmal bewusster erlebt.
    Ich ziehe meinen Hut, vor allen Hebammen!

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  6. Sina
    Sina sagt:

    Wunderschön!! Seit ich Mama bin, sauge ich Geburtsgeschichten auf wie ein Schwamm und ab und an kullert mal eine Träne!! Du schreibst so schön!!

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  7. Katrin
    Katrin sagt:

    Hach, wie schön!
    Ich bin selbst Hebamme, aber schon lange nicht mehr im Kreißsaal tätig. Ich empfand die Nächte aber auch immer als etwas Besonderes: diese ruhige Stimmung und nur die Leute sind da, die wirklich dasein müssen. Bei Deinem Bericht kam richtig die Lust, wiedermal Geburten begleiten zu dürfen.
    Mal sehen, zunächst steht jeden Augenblick die Geburt unseres zweiten Kindes an und Dein Bericht hat auch darauf wieder noch mehr “Lust gemacht” ;-)
    LG, Katrin

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  8. Micha
    Micha sagt:

    Wunderschöner Bericht!
    Auch ich habe die halbe Nacht im Kreißsaal verbracht, unser Sonnenschein kam aber erst am Nachmittag zur Welt – musste wohl noch ein wenig abwarten, damit Mama die Zeit im Kreißsaal noch so richtig genießen kann :)
    Schon der Sternenhimmel auf dem Weg ins Krankenhaus war traumhaft, im Radio lief gute Musik, im Krankenhaus angekommen konnte ich noch ein warmes Bad nehmen und später durchflutete der Sonnenaufgang den Raum mit Licht…
    Der Rest war dann nicht mehr ganz so lässig, aber die ruhige Atmosphäre lies mich nochmal richtig Kraft tanken…
    Ein Hoch auf alle Hebammen, die sich zu allen möglichen Tages- und Nachtzeiten so viel Mühe geben, den kleinen Menschen auf die Welt zu helfen!

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  9. Marie
    Marie sagt:

    Das erinnert mich an die Geburt meines ersten Kindes in der Fera in Berlin. Ich ahnte bereits am Abend um 21h, dass es losgehen würde, denn da verlor ich den Schleimpfropf.
    Die Wehen kamen wohl regelmäßig, waren aber nicht schmerzhaft, also ging ich dem alltäglichen Abendgeschäft nach: Essen, Wäsche aufhängen, Bett fertig machen.
    Gegen 23h bin ich nochmal in die Badewanne gegangen und habe mich dann hingelegt. Schlafen ging ob der Wehen nicht mehr, ruhen aber schon.
    Irgendwann um halb zwei bin ich aufgestanden und in der Wohnung herum getigert, habe meinen Mann geweckt und in der Fera angerufen. Dort waren noch zwei Geburten im Gang und man bat mich später nochmal anzurufen, immerhin musste ich die Wehen noch nicht veratmen und konnte auch unter den Wehen noch gut sprechen. Um 4 Uhr wurden die Wehen dann so mächtig, dass wir uns auf den Weg machten. Für die 5min Fußweg über das Klinikgelände bis zum Gebäude brauchten wir schon 15min.
    Nach der Ankunft wurde ich zunächst ans CTG gelegt, die beiden Geburtsräume waren nach wie vor besetzt, zum Glück untersuchte die Hebamme mich bald. Es wurde kurz hektisch, der Muttermund war nämlich schon bei 8cm. Die eine kuschelnde Familie wurde gebeten zu vorzeitig zu gehen, mein Mann half den Geburtsraum zu säubern und um 4:50 durfte ich endlich hinein.
    Ich konnte weder sitzen noch liegen, also stand ich am Wickeltisch und kreiste mit dem Becken. Als dann die Presswehen einsetzten ging ich in den Vierfüßlerstand auf den Boden. Ein CTG wurde zum Glück während der ganzen Zeit nicht geschrieben, mich hätte die Bewegungseinschränkung massiv gestört.
    Um 5:30 war das Kind dann da, geboren in der intakten Fruchtblase. Noch heute bin ich den Hebammen dankbar, dass sie die Blase nicht eröffnet haben, denn das Kind ist wirklich ganz sanft in die Welt geglitten.

    Nach diesem schönen Geburtserlebnis habe ich mich auf die Geburt meines zweiten Kindes nahezu gefreut. Die Fera war mittlerweile geschlossen, wir nicht mehr in Berlin und ein Geburtshaus ohne Klinikanbindung kam für mich nicht in Frage. Gut so. Denn es kam alles anders und das zweite Kind wurde eine Woche vor Termin wegen Herzauffälligkeiten per Not-Sectio geholt und lag dann 2 Wochen auf der Intensivstation.
    Ich bin froh, dass ich mich nicht auf eine Geburtshaus- oder Hausgeburt eingeschossen hatte, denn so konnte ich auch mit dem unschönen Erlebnis gut abschließen.

    Nun ist das dritte Kind unterwegs, ich habe mich bewusst gegen die Klinik mit Neugeborenenintensivstation entschieden und hoffe das Kinderkriegen mit einer Spontangeburt abschließen zu können.
    Was ich aus der ersten Geburt auf jeden Fall “gelernt” habe, ist dass es gut ist zu Hause zu bleiben, so lange man sich gut fühlt und die Wehen noch gut aushaltbar sind

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  10. Keesha
    Keesha sagt:

    Ich bin so gar kein Nachtmensch. Nachts will ich schlafen und ansonsten ist mir alles egal. Bekomme ich meinen Schlaf nicht, ist die Laune umgehend unterirdisch. Als sich bei mir abends Wehen im 10 Minutentakt einstellten, stieg zwar die Vorfreude, aber auch der Wunsch noch einmal schlafen zu gehen. Das tat ich auch und wurde dann um 4 Uhr von Wehen im 5 Minutentakt geweckt. Die Zeit war akzeptabel und ich konnte dann auch ohne schlechtes Gewissen meine Geburtshaushebamme um 6 Uhr morgens anrufen. Ich fand es wundervoll, den Sonnenaufgang zu beobachten. Aber es stimmt, es war mir ganz recht, dass noch alle Welt schlief, als wir um 7 Uhr ins Geburtshaus aufbrachen. Es war Wochenende und noch sehr ruhig überall.
    Mein Sohn kam dann um 16:55 Uhr auf die Welt und wir waren 12h nach Aufbruch ins Geburtshaus wieder daheim.

    Meine Fehlgeburt(8. SSW, 1. Schwangerschaft) war hingegen wirklich Mitten in der Nacht. Das war mir ganz recht, denn ich wollte dabei wirklich alleine mit mir sein. Mein Kopf war ausgeschaltet und mein Körper hörte auf die Instinkte. Ich wandelte immer wieder zwischen Bett und Toilette umher, veratmete die kleinen Wehen und schlief immer wieder dabei ein. Als es dann vorbei war, ging ich wieder ins Bett und schlief direkt bis morgens durch. Mir ging es seelisch gut, denn der Abschied von dem Sternchen passiert weit vorher und die kleine Geburt selbst war für mich persönlich der Abschluss der Schwangerschaft.

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  11. Eva
    Eva sagt:

    Wundervoll geschrieben!
    Mein zweites Baby kam auch nachts zur Welt, um 2.58 Uhr. Ich war in dieser Nacht die einzige Frau im gesamten Kreißsaal und es war unvergesslich ❤

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  12. Anna
    Anna sagt:

    Ich erwarte gerade sehnlichst die Geburt meines 4. Kindes, nun wünsche ich mir sie kommt Nachts, so wunderschön geschrieben ist dein Text ! Meine anderen Kinder kamen alle tagsüber aber das einzige mal dass das wirklich in Ruhe passiert ist war bei meiner 3. Tochter denn sie kam als einzigstes Kind an einem Ostersonntag zur Welt und schon da war die Athmosphäre eine ganz andere!
    Liebe Grüsse von Anna

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  13. Stefanie
    Stefanie sagt:

    Der Artikel ist zwar schon etwas her, aber ich bin trotzdem begeistert davon! Man kann zwischen den Zeilen richtig den “Zauber der Nacht” spüren. Eine sehr eindrucksvolle Beschreibung der so wichtigen und unverzichtbaren Arbeit, die Hebammen leisten. Weiter so!

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