Wie ich im Dienst plötzlich und unerwartet ein Kind bekam

Simulationstraining – oder: wie ich Mal plötzlich und unerwartet mitten im Dienst ein Kind bekam…

Dass `ne Hebamme im Dienst Kindern auf die Welt hilft, ist ja erst einmal nichts Ungewöhnliches. Etwas Besonderes ist es, wenn sie plötzlich selbst ein Kind bekommt. Und das ohne Schwangerschaft…
Aber immer schön der Reihe nach:

Da denkste nix Böses…

Es war ein gewöhnlicher Dienstagnachmittag und ich hatte mal wieder einen Extrawachendienst. Ich arbeite ja nicht mehr regelmäßig im Kreißsaal, aber wenn jemand krank wird oder zu einer Fortbildung gehen möchte, werde ich gefragt ob ich einen Dienst machen kann. Und wenn es passt, mache ich das sehr gerne.

Ich war schon etwas früher da, um mich zu akklimatisieren. Da kam unverhofft die leitende Hebamme auf mich zu. Heute wäre ein Simulationstraining angesetzt und da ich nun Dienst hätte, müsse ich eben auch mitmachen. Ich dachte natürlich, dass meine Handlungsfähigkeit getestet werden würde. Aber nichts da. Es stellte sich heraus, dass ich die für die Simulation nötige Schwangere spielen sollte. Die Übung galt also meinen Kolleginnen: Hebammen und Ärztinnen, die an diesem Tag mit mir Dienst hatten.

Simulationstraining

Solche Notfallübungen werden regelmäßig gemacht, um allen Beteiligten die Handlungsabläufe und Anweisungen regelmäßig ins Gedächtnis zu rufen. So wird sichergestellt, dass im Falle eines echten Notfalles alles läuft wie geschmiert. Die leitende Hebamme hatte gemeinsam mit dem Kreißsaalarzt ein realistisches Notfall-Szenario zusammengestellt, auf welches die Kolleginnen reagieren sollten.

Dazu gehört eine „echte“ Schwangere mit einem „echten“ Baby. In dem Fall: ich mit Simulationsbauch, in dem eine Puppe und eine Plazenta steckten.

Simulationstraining: Schwangerer Bauch

Der Bauch sieht zugegebenermaßen nicht sehr realistisch aus. Er ist aber extra für solche Simulationen gemacht und funktioniert.

„Ich bin die Nadine“

Ich bekam ein Blatt mit einer Minianamnese:

Name: Nadine

Alter: 23

Schwangerschaften: erste

und ein paar weitere Informationen…

Ich darf nicht alles verraten, da es nicht so viele Notfallszenarien gibt und die vorhandenen immer wieder verwendet werden. Aber ihr könnt euch schon vorstellen, es war ein realistischer Ablauf, der da zu lesen war. Und das Problem, das ich bekommen sollte, war auch gut beschrieben. Dazu bekam ich noch den Auftrag, es den GeburtshelferInnen nicht zu leicht zu machen, alles zu hinterfragen und mich den Anweisungen auch immer erst einmal zu widersetzen.

Dann bekam ich noch einen Partner (eine ganz frische Hebammenschülerin im ersten Jahr) an meine Seite. Auch sie sollte Fragen stellen und für meinen Wunsch – eine möglichst natürliche Geburt in aufrechter Position zu erleben – einstehen. Denn das ist ja normal und richtig so. Kein Problem. Wir waren bereit.

Ich wehe mich dann schon mal ein

Um die Illusion so perfekt wie möglich zu machen, bekam ich noch ein schickes Krankenhausnachthemd an und (das ist zwar kein Standard, war aber für den Ablauf wichtig) eine Braunüle auf die Hand geklebt. Es sollte eben alles echt aussehen.

Simulationstraining: Wehen im Seil veratmen

Dann stellte ich mich das Becken kreisend ans Seil. Mein Schülerinnen-Partner massierte meinen Rücken.

Zu dem Simulationsset gehört auch ein CTG-Gerät, was in diesem Fall einfach Herztöne abspielte. Die Wehen musste ich simulieren.

Ich pustete und tönte also alle paar Minuten vor mich hin und ging dabei immer schön in die Knie. Schließlich habe ich mich ja vorbereitet und weiß, wie wichtig aufrechte Positionen sind.

Es geht los!

Währenddessen wurde vor der Kreißsaaltür das Personal vorbereitet. Es sollte wie eine Übergabesituation sein. Sie wussten also nur wenig über mich, hörten dann aber die Herztöne meines Simulationsbabys. Und die gingen nun deutlich runter. Ein Zeichen für kindlichen Stress. Also kamen alle zügig zu uns rein und versuchten sich möglichst schnell und umfassend ein Bild über das Geschehen zu machen.

Geburt mit Komplikationen

Naja, wir spielten also weiter unsere Rollen.

Wie gesagt, ich werde die Geburt selbst hier nicht beschreiben. Das soll alles geheim bleiben. Soviel kann ich aber sagen: Alle kamen ganz schön ins Schwitzen und mussten wirklich in kürzester Zeit einiges an Wissen abrufen, vorausschauend agieren und Hand in Hand arbeiten! Am Ende war das Simulationsbaby geboren und gut versorgt. Und wir kamen alle zusammen zur Nachbesprechung.

Perspektivwechsel

Wir setzten uns zur Nachbesprechung zusammen und bekamen erst einmal alle ein Eis zur Belohnung.
Dann wurden wir reihum gefragt, wie wir uns in unseren Rollen gefühlt hatten.
Die Hebamme sagte, es sei schon sehr realistisch gewesen. Für sie war es wichtig gewesen, sich kurz mit der Ärztin zu verständigen, wer die Kommunikation mit mir primär übernimmt, damit nicht alle durcheinander mit mir reden. Das fand ich super und das hat auch gut geklappt, denn ich wurde wirklich die ganze Zeit gut mitgenommen und wusste, was um mich herum geschah.

Die Ärztin sagte, dass sie einen Moment brauchte, um sich in die absurde Spielsituation hineinzufinden, dass sie aber dann ganz schön ins Schwitzen gekommen sei und der Hebamme sehr dankbar war, dass sie den kommunikativen Teil übernommen hat.

Die zweite Hebamme, die anfangs dazu gerufen wurde, sagte, dass sie gut im Hintergrund den Überblick behalten konnte und daher den Kopf frei hatte für vorausschauende Überlegungen. Zum Beispiel schnell zu schauen, ob die Notfalleinheit hochgefahren und angewärmt war (falls es nach der Geburt vom Baby gebraucht werden würde), um das Saugglockengerät ins Zimmer zu schieben, um den Notfallknopf zu drücken und um Medikamente vorzuhalten. Um also einfach die primär Handelnden zu unterstützen.

Die arme Schülerin, die ja erst ihre erste Woche im Kreißsaal überhaupt hatte, fand das alles ganz schön aufregend. Später habe ich ihr die Komplikation und die ganzen Maßnahmen noch ausführlich erklärt.

Und ich? Ja für mich war es sehr spannend, mal auf der anderen Seite zu stehen. Selbst wenn alles nur gespielt war, konnte ich mich gut in die Situation der Schwangeren hineinversetzen. Und mal zu erleben, wie ausgeliefert man sich fühlt, wenn die Geburt plötzlich eine so unerwartete Wendung nimmt und man eigentlich nicht versteht, was mit einem passiert, das war eine sehr lehrreiche Erfahrung.

Wir alle waren uns am Ende einig, dass gute Kommunikation ein Hauptschlüssel für erfolgreiche Teamarbeit ist. Das ist natürlich eine Binsenweisheit, dennoch ist es gut, sie sich immer wieder bewusst zu machen und daran zu feilen.
(Übrigens haben wir, unter anderem für die erfolgreiche Umsetzung dieser Trainings, einen Preis vom Deutschen Hebammenverband erhalten.)

Fazit

Ich finde solche Simulationstrainings sehr gut und kann sie nur allen Kolleginnen und Kollegen empfehlen. Eine Woche nach dem Training hatten wir übrigens einen sehr ähnlichen, echten Fall. Und ich muss sagen, wir waren vorbereitet und verloren keine Sekunde Zeit. Solche Trainings geben eben Sicherheit.

Buy one, gift one / kauf eins, schenk eins

(Achtung jetzt kommt evt. Werbung, weil Product Placement – ohne Eigennutz, sondern einfach, weil ich toll finde, was die machen. Ich habe von der Firma weder Geld oder irgendeinen anderen Gegenwert erhalten.)
Ich möchte noch darauf hinweisen, dass der Simulationsbauch, den wir benutzt haben und der auch auf den Fotos zu sehen ist, nicht nur einwandfrei funktioniert hat, sondern auch einen guten Zweck hat. Für jeden gekauften Bauch verschenkt die Herstellerfirma einen weiteren Bauch an eine geburtshilfliche Einrichtung in einem Land mit hoher Mütter- und Kindersterblichkeit. So können die GeburtshelferInnen dort trainieren und die Lage verbessern.

Vorurteile

Warum schreib ich über dieses Training? Ich möchte euch einfach mal zeigen, was wir so alles machen – neben den üblichen Fortbildungen – um für alle Eventualitäten fit zu sein.

Neulich las ich einen abstrusen Text in der (von mir sonst sehr geschätzten) SZ. Er hieß „Globuliserung des Kreißsaals“. In dem Artikel ging es – neben wirklich dummen Vorurteilen darum, dass komplementäre und alternative Medizin unter Hebammen weit verbreitet ist, was sicher stimmt. Es stimmt aber eben auch, dass wir Studien lesen, uns fortbilden, am Puls der Zeit agieren und immer bemüht sind, das Beste für Frauen- und Kindergesundheit zu leisten. Sicher gibt es immer mal wieder eine Hebamme, die vielleicht etwas eigen ist oder sogar fachlich auf Abwege gerät. Aber in welchem Beruf gibt es solche Menschen nicht?

Jetzt würde mich interessieren in welchen Berufen noch regelmäßig Notfalltrainings durchgeführt werden. Bei Notfallmedizinern und Rettungssanies bestimmt. Piloten müssen das auch immer mal wieder. Wo noch? Und wie läuft sowas bei euch ab?



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6 Kommentare
  1. An
    An sagte:

    Danke für den tollen Bericht. Es ist gut zu wissen, dass Ihr solche Trainings macht, und meine Hochachtung vor Euch Hebammen wächst immer weiter!
    Die Süddeutsche, die ich ansonsten auch sehr schätze, hat bei Baby-/Kinderthemen merkwürdigerweise sehr oft eine reaktionäre Haltung. Es gibt häufig Artikel gegen Hausgeburten, auch immer wieder Plädoyers für Schlaftrainings, bewundernde Interviews mit Annette Kast-Zahn, etc.. Dabei wird im Namen der Wissenschaftlichkeit argumentiert, aber eben auf einem Stand von vor 30 Jahren. Vermutlich sitzt jemand in der Redaktion, der so eine Einstellung hat.

    Antworten
  2. Sb
    Sb sagte:

    In der IT machen wir Ausfallzeiten. Da werden Server nicht regulär heruntergefahren und dann wird getestet ob wieder alles korrekt hochfährt und läuft. Oder auch mal Datenbank Tabellen gelöscht und dann das back up getestet. Ist immer spannend.

    Antworten
  3. Anna
    Anna sagte:

    Schulen üben regelmäßig Feueralarm, was bei hohen Schulgebäuden mit langen Treppenstrecken und einer doch eher schwierigen Schülerschaft eine echte Herausforderung ist.
    Spannend auch: Amok-Übungen, weil da nicht schnell evakuiert sondern verbarrikadiert und sich ruhig verhalten werden muss, also Tür abschließen, ggf. ein großes Möbelstück davor, möglichst auf den Boden und wenn man im Erdgeschoss ist sich auch nicht sehen lassen. Da kommt man schnell in ein Dilemma, wenn doch gerade jemand auf dem Flur arbeitet, auf der Toilette ist oder sonst irgendwie im Schulhaus unterwegs ist, da diese Person dann ausgeschlossen ist.

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    • Jana Friedrich
      Jana Friedrich sagte:

      Oh ja krass. Das stell ich mir ja schon als Übung gruselig vor. In der Uni wird bei Großveranstaltungen auch immer auf die verschiedenen Alarme hingewiesen. Inzwischen ist auch Amokalarm dabei.
      Ich hab mal in Kalifornien gelebt. Da hatten wir immer Erdbebentrainings.

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  4. Inga
    Inga sagte:

    Komischer Artikel (in der SZ). Immer wieder werden mögliche Schäden erwähnt, aber dazu folgt nichts. Am Ende klingt es, als ob es keine gibt.
    Insofern ist es doch egal- wenn sich die Schwangere mit einer Behandlung besser fühlt, hat sie ihren Zweck erfüllt. Egal, ob die Wirksamkeit erwiesen ist oder nicht.
    Die Bemerkung über „nicht behandlungswürdige Wehwehchen fand ich ziemlich anmaßend!

    Was ich allerdings (zugegeben als Impf-Befürworterin) nicht gut finde, ist das angebliche Abraten von Impfungen durch Hebammen, was mit der Vorliebe zur Alternativmedizin zusammenhängen soll. Ich hoffe, das stimmt so nicht- Abraten vom Impfen finde ich persönlich indiskutabel.
    Sinnvoll fände ich mal jemanden, der fundiert zum Thema berät und dabei ALLE Sichtweisen einbezieht.

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