Schwangere

Ist der Hebammenberuf noch zu retten?

Da lieg ich krank im Bett, und im Netz überschlagen sich die Ereignisse rund um meinen Berufsstand. Als erstes, vor zwei Tagen, die Hiobs-Botschaft: Die Versicherungsbeiträge für Hebammen werden nochmal um 20% steigen.
Ein Drama, denn nach der letzten Erhöhung im Juli 2012, haben bereits viele meiner Kolleginnen ihre originäre Arbeit, Geburten außerklinisch zu betreuen, aufgegeben. Diese neue Erhöhung dürfte auch die, die noch durchgehalten haben, ins Wanken bringen. Wird eine Frau zukünftig – wird meine eigene Tochter – noch die Wahl haben, wo und wie sie ihre Kinder bekommt? Ein Drama, das sich vor den fest verschlossenen Augen der Politiker abspielt.

Der Mühe Lohn

Um euch das noch mal ganz deutlich zu machen: Eine Hebamme bekommt einen durchschnittlichen Stundenlohn von 8,- €. Für diesen Lohn übernehmen wir die Verantwortung für zwei Menschenleben. Dafür macht einem der Schlosser nicht mal die Tür auf, wenn man seinen Schlüssel vergessen hat. Wie soll man davon über 5000,- € für eine Versicherung bezahlen?

Facebook macht’s möglich

Wenig später ging ein Bild durchs Netz. Es zeigt den CDU Politiker Jens Spahn, einem der Koalitionsverhandlungsführer für den Bereich Gesundheit.
Auf dem Foto ist zu lesen:

„Mütter? Mir doch egal! Wahlfreiheit in Gefahr. Der Hebammenberuf stirbt aus. Im Koalitionsvertrag steht dazu: NICHTS. 95.000 Menschen sagen: Danke für nichts, Herr Spahn. www.change.org/hebammen“

Verbreitet und geteilt wurde dieses Bild auf Facebook von Anke Bastrop. Sie schrieb dazu: „Gerade sickert durch, dass die Große Koalition NICHTS zur Rettung der Geburtshilfe vereinbart hat. Sigmar Gabriel, SPD und Jens Spahn, MdB – Wie könnt ihr die Hebammen aussterben lassen? Wir sind empört!“
Dieses Foto wurde auf Facebook bis dato 13.927 Mal geteilt. Ein Aufschrei ging durch das Netz, begleitet vom erneuten Aufruf via Change.org eine Petition zur Rettung des Hebammenberufs zu unterschreiben. 109.468 Menschen haben die Petition bis jetzt unterzeichnet.

Eine Welle schwappt durch’s Netz:

Wie die Situation der Hebammen in Deutschland aussieht, was bisher geschah und was man tun kann, erklärt der Hebammen für Deutschland e.V. 
Nun wurden auch die Bloggerinnen aktiv. Meine Kollegin Anja sprach schon von „Hexenverbrennung 2.0?“ „Cloudette“ zeigte sich solidarisch und forderte: „Hebammen müssen von ihrem Beruf leben können.“ Und auch Susanne schrieb: „Warum wir Hebammen brauchen“ Viele setzten sich für das Überleben der Hebammen ein. Marie fordert: „Rettet die Hebammen“! Und auch „Die Welt“ erklärt uns nochmal, “warum viele Schwangere keine Hebammen mehr finden“.

Defizitorientierung

Ich selber zucke ja immer etwas zusammen, wenn es bei der „Hebammenfrage“ stets um die Haftpflichtversicherung geht. Impliziert es doch, wir würden ständig Fehler machen… Dem ist natürlich nicht so!
Dazu sagte aber schon 2012 Stephan Schweda vom Gesamtverband der deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) der az-online, dass Hebammen „jedoch nicht mehr Fehler bei der Geburtshilfe machen, als in den vergangenen Jahren. Allerdings seien die Schadensleistungen um zirka 13 Prozent gestiegen. Zudem nehmen die Krankenversicherungen geschädigter Kinder in gestiegenem Maße Regress beim Haftpflichtversicherer der Hebamme. Auch die stetig steigenden Heil- und Pflegekosten spielten dabei eine ausschlaggebende Rolle.“
Wer sich über die Sicherheit von Haus- und Geburtshausgeburten informieren möchte, kann dies bei der Gesellschaft für Qualität in der außerklinischen Geburtshilfe e.V.  tun.

Hoffnungschimmer am Horizont?

Auf der Facebookseite von Jens Spahn (CDU), ist heute zu lesen:
„Die Sicherstellung einer flächendeckenden Versorgung mit Geburtshilfe ist uns wichtig. Wir werden daher die Situation der Geburtshilfe und der Hebammen im Speziellen beobachten und für eine angemessene Vergütung sorgen. – ist so, bleibt so und kommt auch in den Koalitionsvertrag. Damit sich hier mal alle wieder beruhigen…“
Der erste Satz macht mir Mut. Doch was danach kommt: Beobachten und beruhigen??? Beruhigt und mit Peanuts abgespeist wurden wir schon oft.
To be continued… Denn so richtig in Jubelstimmung kann ich noch nicht ausbrechen, so wie Frau Bastrop das nun schon tut.

Und dennoch: So viele haben sich schon für uns eingesetzt. DANKE!
Alle, die helfen möchten, aber nicht wissen wie: Unterschreibt doch einfach die Onlinepetition und teilt diesen oder einen der anderen Artikel. Dauert drei Minuten… ;-)

Tja, Herr Spahn beobachtet dann mal die Situation der Geburtshelfer – wir aber, wir beobachten jetzt mal den Herrn Spahn!

Hier gibts das Update.



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10 Kommentare
  1. Kathi
    Kathi sagt:

    Die Petition habe ich schon neulich unterschrieben. Da ich nicht bei Bloedbook bin, hat mein Mann es auf seiner Seite verlinkt. Ich hoffe das etwas bewegt werden kann. Aber im mom finde ich auch die Berichterstattung ein wenig zu dürftig zu diesem Thema. Würde ich nicht so viele Blogs lesen, ich hätte es garnicht mitbekommen.
    Haltet durch ich möchte auch bei meinem zweiten Kind wieder meine Nachsorgehebamme haben.☆☆☆
    Kathi

    Antworten
  2. Älse
    Älse sagt:

    Danke für deinen Bericht. Auch diese Petition habe ich mit unterschrieben. Hoffentlich bringt es was.
    Ich habe mittlerweile echt die Befürchtung in zwei drei Jahren keine Hausgeburtshebamme mehr zu finden.
    Und stelle mir die Fragen, wie viel Geld müsste eine Hebamme von einer Schwangeren verlagen, um ihr eine Geburtsbetreuung als Beleg-, Geburtshaus- oder Hausgeburtshebamme zu ermöglichen?
    Und wie viel würde eine Schwangere zahlen wollen und können?
    Individuelle Geburtsbetreuung als neuer Luxus in unserer Gesellschaft?
    Ich bin traurig und wütend über diese Entwicklung…

    Antworten
  3. Stefanie
    Stefanie sagt:

    Genau mein Problem. Ich stritt etwa ein Jahr mit meiner Krankenkasse um die Rufbereitschaftspauschale für meine Hebamme (hab sie nicht gekriegt…) und hielt das schon für ärgerlich. Wenn ich mir aber überlege, dass ich beim zweiten Kind vermutlich nicht mal mehr ne Hebamme finde, die sich (z.B. als Beleghebamme) einfach nur um mich kümmert, während ich in den Wehen liege und mein Kind bekomme, weil die Krankenhäuser keine Beleghebammen mehr rein lassen und sich die Hebamme vermutlich ihre Versicherung bald nicht mehr leisten kann, dann war mein Streit mit der KK ein Luxusproblem.

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  4. Arfaern
    Arfaern sagt:

    Ich habe die Petition schon länger unterschrieben und auch nochmal geteilt. Vor grade mal 16 Tagen habe ich mein Kind im Geburtshaus auf die Welt gebracht! Meine Nachsorge ist toll! Dieser Berufsstand darf nicht aussterben. Wenn ich nochmal entbinde, möchte ich sicher nicht ins Krankenhaus müssen. Die Geburt hätte ich sicher nicht geschafft ohne meine 2 Hebammen.

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  5. paleo mama
    paleo mama sagt:

    Bei dem durchschnittlichen Stundenlohn von 8 € kann man wirklich weinen…ich habe zwei Geburten hinter mir in letzten vier Jahren und bei den beiden war ich meiner Hebamme so sehr dankbar…Besonders beim ersten Mal wurde mir klar, dass es ohne ihren Ansatz ganz bestimmt zum Kaiserschnitt gekommen wäre….ich hoffe sehr für uns alle, dass die Lage für die Hebammen sich bald deutlich bessert!

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  1. […] im Rahmen der Koalitionsverhandlungen 2013 einen Hoffnungsschimmer im Koalitionsvertrag sahen, (ich berichtete im November) gibt es nun schlechte Neuigkeiten: Ab Sommer 2015 wird es voraussichtlich keine […]

  2. […] Hebammen interessiert. Hier ein paar der Beiträge zu diesem Thema vom Kinderdoc, von guten Eltern, vom Hebammenblog. Und noch ein Fotoprojekt, dass sich verselbstständigt hat: Katzen kurz vor dem Niesen. [getan] […]

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