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Es brennt! – Zur Situation angestellter Hebammen in Deutschland

Viel wurde in den letzten Jahren zur „Hebammenproblematik“ berichtet. In der öffentlichen Wahrnehmung ist inzwischen angekommen: Es gibt ein Versicherungsproblem bei den freiberuflichen Hebammen. Die Versicherungsbeiträge steigen. Das können die armen Hebammen mit ihren schmalen Vergütungen durch die Krankenkassen nicht mehr stemmen.

„Tja, egal. Schließlich gehen ja 98% aller Frauen zur Geburt in eine Klinik, und auf die Klinikhebammen trifft das Ganze ja wohl nicht zu, oder? Hausgeburten sind irgendwie eh ein unsicherer Luxus. Wenn es also irgendwann keine Haus- und Geburtshausgeburten mehr gibt, ist das kein großer Verlust.“ – Ich glaube, das wird immer noch von vielen so gesehen.

Mittlerweile kommt jedoch ein Folgeproblem an die Oberfläche:
Freiberufliche Hebammen betreuen ja nicht „nur“ Hausgeburten, sondern versorgen auch die frischgebackenen Familien im Wochenbett. Diese Leistung ist langsam aber sicher faktisch nicht mehr abrufbar, denn dafür mangelt es (inzwischen) deutlich an Hebammen. Stichwort „Hebammensterben“. Wer sich nicht direkt nach dem positiven Schwangerschaftstest eine Hebamme sucht, hat wenig Chancen überhaupt noch eine zu finden – wir sind schlicht ausgebucht: Monate im Voraus!1

Aber das dicke Ende kommt erst noch. Seit kurzem gibt es fast täglich Meldungen darüber, dass auch Kliniken ihre Belastungsgrenzen erreichen2: Wehende Frauen werden an Kliniktüren abgewiesen3, auf den Fluren vergessen oder im Akkord entbunden4. Für Individualität bleibt wenig Platz.
Dass das für die Frauen und ihre Familien schrecklich ist, ist wohl klar5. Aber wie geht es uns, den Hebammen, damit?

„Oft ist der Dienst ein Schwimmen gegen die Flut.“

Das sagte eine Kollegin in einer flammenden Rede, die ich euch heute (später im Text) vorlegen darf. Sie hielt sie während einer geschlossenen, berufspolitischen Veranstaltung im Herbst 2016 und möchte namentlich nicht genannt werden. Denn angestellte Hebammen unterschreiben in der Regel, dass sie über die Zustände bei ihrem Arbeitgeber nicht reden dürfen.

Überlastungsanzeige mit Maulkorb

Es gibt wenig Möglichkeiten, die Zustände in Kreißsälen öffentlich zu machen. Wenn die Arbeitsbelastung allerdings so hoch ist, dass es gefährlich wird, gibt es aber immerhin ein (internes) Instrument, um dies entsprechend zu melden: Die Überlastungsanzeige.
Auf ihr wird dokumentiert, welche Arbeiten gleichzeitig verrichtet werden mussten und warum es dadurch zu Gefahrensituationen hätte kommen können, oder tatsächlich kam.
Die Überlastungsanzeigen kommen sowohl auf den Tisch der Pflegedienstleitung, als auch auf den vom Klinikchef. In gewisser Weise sind sie dadurch gezwungen für Verbesserung zu sorgen, andernfalls fällt es – früher oder später – auf sie zurück.

Ich weiß jedoch von Kolleginnen aus ganz Deutschland, dass auf ein vermehrtes Aufkommen von Überlastungsanzeigen (die auch der eigenen Absicherung dienen) meist keine Verbesserungen folgen.
Ganz im Gegenteil: In einigen Fällen wurden die Schreiberinnen vielmehr zu einem Gespräch gebeten. Dort wurden sie gefragt, ob sie sich nicht mehr in der Lage fühlten, ihre Arbeit zu erbringen und ob der Job dann überhaupt noch der richtige für sie sei: eine Drohung, ganz klar.

Angst vor dem großen Knall

Ich finde, dass die enorme Belastung und auch die Gefahren, die davon ausgehen, sichtbar werden müssen. Fakt ist: Viele Hebammen haben Angst. Angst, dass einer von uns im Dienst irgendwann ein schlimmer Fehler unterläuft. Angst, dass sich erst etwas ändert, wenn Menschen zu Schaden kommen. Und Angst, dass bis dahin nicht mehr genug Hebammen da sind, die an der Situation noch etwas ändern könnten, selbst wenn das tatsächlich irgendwann politisch gewollt sein sollte. Der Nachwuchsmangel ist schon heute ein wachsendes Problem.6

Wir wollen und können nicht mehr schweigen!

Eine Hebammenkollegin, die über 20 Jahre in Level 1 Kliniken gearbeitet hat, schrieb die nun folgende Rede, zu der sie ihre „als zunehmend empfundene Ohnmacht“ veranlasst hat.
Ich freue mich sehr, sie nun hier mit der Öffentlichkeit teilen zu dürfen. Denn ich bin der Meinung, dass wir nicht weiter schweigen und die Zustände in den Kliniken deckeln sollten. Diese Zustände müssen ans Licht kommen. Wir wollen nicht erst auf den großen Knall warten. Und zumindest ich möchte mir später nicht vorwerfen lassen, entgegen besseren Wissens, dazu geschwiegen zu haben.

Rede zur Situation angestellter Hebammen in Kliniken

„Wir haben schon immer viel gearbeitet, waren oft unterbesetzt, aber die Hoffnungen auf Besserung bzw. Änderung der Situation war noch da. Diese Hoffnung ist nun verloren gegangen.
Unsere Situation wird außerhalb der Kreissäle – in der Bevölkerung, in der Presse, bei den politisch Verantwortlichen – nicht wahrgenommen. (…)

Wir versuchten uns Gehör zu verschaffen, haben uns an Umfragen beteiligt, an Demonstrationen, an Diskussionen in den Kliniken. Aber draußen wird nur das Versicherungsproblem wahrgenommen. Sicherlich gibt es ein Problem mit den Versicherungen, aber das ist nur ein Teil unseres Dilemmas. (…)

Die meisten Kinder in unserem Land werden in einem Krankenhaus geboren. Wir stehen am Anfang des Lebens. Wir schützen Mutter und Kind, und das unter immer schwierigeren, teilweise gefährlichen Bedingungen. Die 1:1-Betreuung ist ein sich immer weiter entfernender Traum.
Wann betreuen wir nur eine Familie? Meist sind es 3-4 und ihr alle wisst: die Geburt, beziehungsweise der Dammschutz selber sind noch das Geringste. Es geht um Schmerzen, um Ängste, um Akutsituationen, Erkrankungen, Medikamente, Notfälle, Cito-Sectio’s …, postpartale und postoperative Überwachungen:

Atmet das Kind noch? Wann habe ich das letzte Mal nach der Blutung gesehen? Leben noch beide?Berufsfremde Arbeiten für die Anästhesie, für den OP… kommen dazu. Und Einleitungen, Einweisungen, Ambulanz, Verlegungen aus anderen Häusern… – die extrem angeschwollene Dokumentation. Nicht zu vergessen die besonderen Geburten bei den schwer kranken Kindern, den toten Kindern, den Aborten.

Und dann sind da noch die Hebammenschülerinnen, die uns brauchen, die Praktikantinnen, die jungen Kolleginnen, auf die wir achten wollen, die Kolleginnen aus dem Ausland, die das Nachwuchsdesaster retten sollen und denen wir über Sprachbarrieren hinweghelfen müssen. Oft ist der Dienst ein Schwimmen gegen die Flut. Immer wieder müssen Prioritäten neu gesetzt werden.

Es ist nicht mehr ungewöhnlich, dass in einer Klinik mit einer Geburtenzahl von 3500-4000 Kindern nur zwei Kolleginnen einen Dienst besetzen. Der Grund sind unbesetzte Stellen, Krankenstand, Mutterschutz. Die Geburtenzahl wird nur in wenigen Häusern begrenzt.
Und wo sollen die Gebärenden auch hin, die übrig bleiben? Als einzige Maßnahme zur Begrenzung der Arbeit bleibt das Abmelden bei der Feuerwehr. Notfallpläne existieren nicht. – Wie sollten sie auch… für fast jeden Dienst? (…)

Wir fühlen uns nicht unterstützt, nicht in dieser gefährlichen Form der Arbeitsüberlastung und auch nicht auf der anderen Seite der Medaille, die ein wertschätzendes, angemessenes Einkommen bedeutet. (…)

Noch ein Wort zum Schichtdienst im Gesundheitswesen. Der Tag nach dem Nachtdienst gilt als freier Tag, auch wenn der verschlafen werden muss. Bei einer Urlaubswoche steht uns nur ein freies Wochenende zu. Wenn wir das Glück haben am Ende und am Anfang frei zu haben, so ist das Kulanz. Ältere Mitarbeiterinnen können nur mit Abschlägen aus dem schädigendem Nachtdienst aussteigen.

Diese Bedingungen sind nicht mehr zeitgemäß und werden von jungen Menschen nicht akzeptiert. Daraus resultiert der erkennbare Mangel an Frauen, die diesen Beruf ergreifen möchten. Kann man es ihnen verdenken? In diesem Jahr lagen die Bewerberzahlen für die Hebammenausbildung in Berlin bei 150 bzw. 200 Frauen auf 20 Ausbildungs- bzw. Studienplätze. Im Jahr 2004 waren es noch 1600 Bewerberinnen. Spätestens wenn die jungen Frauen unsere Arbeitsbedingungen und unsere Bezahlung kennen lernen, versiegt der Wunsch jemals in einem Kreißsaal zu arbeiten. Die Absolventinnen kommen nicht bei uns an. Die freien Stellen in den Kreißsälen können nicht besetzt werden. (…)
Wir erwarten eine Wahrnehmung durch die Politik.

Die Gesundheitspolitik missachtet uns Hebammen und damit das Recht der schwangeren Frauen auf eine Situation, in der eine gute und sichere Geburt möglich ist.

Wir Hebammen haben ein Recht, unter anständigen Bedingungen zu arbeiten, damit wir das 67. Lebensjahr überhaupt erreichen, beziehungsweise die Chance haben, bis 67 arbeiten zu können. Wir erwarten, dass es in der öffentlichen Diskussion endlich um die Zustände in unseren Kreißsälen geht, nicht nur um die Versicherung.

Und um einen letzten Gedanken zu äußern: Es geht um die Zukunft unseres Berufes.

Als sowohl freiberuflich und auch in der Klinik arbeitende Hebamme möchte ich natürlich, dass beide Stränge weiter diskutiert und vor allem gelöst werden. Ich sehe, dass die Probleme in den Kliniken akut drängen, genau so, wie sie es in der Nachbetreuung tun. Und die politischen Mühlen mahlen langsam. Zu langsam. Und bis dahin verabschieden sich weiter Hebammen in neue Berufe, machen weiter kleine Kliniken zu, finden weiter Familien keine Hilfe mehr. Und wir Verbliebenen schwanken weiter zwischen Frustration und Hoffnung.

To be continued? – Wir werden sehen.

Quellen:

1 Trotz Babybooms Hebammen in Berlin verzweifelt gesucht (23.11.2016 – Berliner-Zeitung.de)
2 In München gibt es immer mehr Geburten – aber zu wenig Hebammen (10.03.2017 – Süddeutsche.de)
2 Geburten in Köln – Hebamme ist schon lange kein Traumberuf mehr (26.1.2017 – Kölner Stadtanzeiger Online)
3 Und im Kreißsaal war kein Platz (20.12.2016 – Tagesspiegel Online)
4 Zu wenige Hebammen für zu viele Geburten (24.3.2017 – Welt.de)
5 Hebammen-Mangel in Kliniken (21.3.2017 – Heute.de)
6 Fehlende Hebammen – Grüne und Bayernpartei beklagen Versorgungsmangel (07.02.2017 Sueddeutsche.de)



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6 Kommentare
  1. Miriam
    Miriam sagt:

    Ich wünsche mir so, dass sich endlich etwas ändert!
    2014 kam unsere Tochter. Ich hatte eine tolle Geburt, die ich aber auch unbedingt meinem Mann verdanke, der nicht von meiner Seite gewichen ist. Seitdem hat bei uns in der Stadt kein Kreißsaal geschlossen, aber auch hier gibt es jedes Jahr mehr Geburten. Wir gehen zur Geburt unseres nächsten Kindes im August wieder in das gleiche Krankenhaus. Das ist eins der kleineren Häuser und wir haben uns dort doch wohl gefühlt. Ich bin gespannt, was mich dann erwartet… Von der Hausgeburt haben wir uns mangels einer Hebamme leider verabschieden müssen.
    In meiner Heimatstadt schließen gerade drum herum Kreißsäle. Die Familien müssen nun etwa 30 Minuten fahren um ins nächste Krankenhaus, in meiner Heimatstadt, zu kommen. Dort ist die Situation nicht unenspannt. Drei Kreißsäle für über 1.000 Geburten im Jahr. Das passt für mich nicht zusammen. Ein weiterer Kreißsaal wird dort gerade gebaut, aber mehr Personal gibt es dort immer noch nicht. Familienzimmer nur noch in der groben Theorie… Es ist zum Schreien…
    Übrigens danke an alle Hebammen, die trotzdem weiter machen und sich nicht entmutigen lassen!

    Antworten
  2. Karen
    Karen sagt:

    Bei mir war es ähnlich.
    Frühgeburt, Kind weg, Mann heim zu großem Kind – schön und gut, aber ich bekam einen Wehentropf für die Nachgeburt und wurde dann allein gelassen! Ärzte weg, Hebamme betreute neben mir noch 2 andere Geburten in der Akut-Phase…ich lag 2 Stunden alleine im Kreißssaal, bis endlich die Nachmittagsschicht (auch nur 1 Hebamme) kam, mich gewaschen hat und mal nach der Planzenta sah. Sie konnte nichts dafür und ihre Vorgängerin auch nicht. Saublöde Situation. Ich hatte mich schlecht gefühlt, weil ich noch das Gefühl hatte, wenn sich die Hebi um mich kümmert, kann sie sich nicht um die anderen Damen kümmern….

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  3. Viola
    Viola sagt:

    Letzten Sommer habe ich ein Praktikum in dem Kreißsaal und der Wochenbett-Station meiner Heimatstadt gemacht und habe miterlebt, wie sich der Babyboom und die (zu) geringe Anzahl an Hebammen gegenüberstehen. Sie haben sich unglaublich viel Mühe gegeben, die Frauen und Familien so individuell wie möglich zu betreuen, doch kam es häufig vor, dass sie zwischen den Kreißsälen hin und her rennen mussten.
    Manche von ihnen rieten mir indirekt davon ab, ebenfalls in diese Branche zu gehen, ich sollte mir das gut überlegen. Ich finde es unheimlich schade und schockierend, dass es die Hebammen so schwer haben und dass die Luft immer dünner wird. Es sollte selbstverständlich und allgegenwärtig in den Gedanken der Menschen und Politik sein, dass Hebammen unverzichtbar sind, genauso wie eine angemessene Betreuung durch eine Hebamme. Außerdem haben die Arbeitsumstände einer Hebamme nicht nur Auswirkungen auf die individuelle Betreuung, sondern auch auf das Leben der Hebamme selbst und die Zukunft des Berufs.
    Ich hoffe inständig, dass sich der Wind dreht und sich die Lage wieder bessert. Ich bin unendlich dankbar für die Hebammen, die trotz allem weitermachen!

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  1. […] oder Hausgeburt hat, wird noch mehr Schwierigkeiten haben. Jana schrieb im Hebammenblog über die kritische Situation angestellter Hebammen in Kliniken. Die Perlenmama startete dazu eine Blogparade: Wie wäre meine Geburt ohne Hebamme […]

  2. […] Gesellschaft nicht verstehen, dass sie solch einen wichtigen Beruf sterben lässt. Dass Hebammen unter solchen Bedingungen arbeiten […]

  3. […] Und ein ganz, ganz wichtiger Beitrag kommt vom Jana vom Hebammenblog: Es brennt – zur Hebammensituation ind Deutschland […]

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