Fast jedes dritte Kind per Kaiserschnitt

Spiegel-Onlineartikel vom 19.3.2012

http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/kindergeburten-anteil-doppelt-so-viele-kaiserschnitte-wie-vor-20-jahren-a-822138.html

Hier bin ich mal wieder über ein sehr polarisierendes Thema gestolpert. Auch in unserem Kreißsaal wird es immer wieder heiß diskutiert. Da gibt es einerseits die steigende Anzahl von vorsorglichen Kaiserschnitten, die aus Angst vollzogen werden. Aus Angst der Geburtshelfer wohlgemerkt. Wenn z.B. das Kind groß gemessen ist (Messungenauigkeiten liegen bei +/- 500g!), wird meist operiert. Manchmal ist das Kind dann wirklich sehr schwer. Manchmal nicht. Manchmal handelt es sich um eine kleine, zarte, evtl. asiatische Frau, die von einem evtl. hühnenhaften deutschen Mann schwanger ist… Manchmal ist die Frau selbst groß und hat ein breites Becken. Was meint ihr? Wie gut sind die jeweiligen Chancen für eine Spontangeburt? Unterschiedlich, nicht? Aber oft zählt nur die Zahl, die das Ultraschallgerät ausspuckt.
Diese Entwicklung, oft nicht mehr das Ganzheitliche zu betrachten, finde ich schade.

Andererseits ist da der klare Wunsch vieler Frauen, die Angst vor Schmerzen, vor der Ungewissheit, vor dem Kontrollverlust(?) haben. Das sind Frauen, die den Kaiserschnitt als das kleinere Übel betrachten.
Ich sehe das kritisch. Eine gesunde Frau, die „nur“ ein Kind bekommt, wird freiwillig zur Patientin. Sie unterzieht sich ohne ersichtliche Notwendigkeit einer großen Operation. Die Angst um die eigene Gesundheit, oder die des Kindes kann es ja nicht nur sein, oder? Es gibt bei beiden Wegen Risiken.
Aber nur bei einer der beiden Möglichkeiten können Mutter und Kind völlig unversehrt daraus hervor gehen.
Ich würde mich immer (wieder) für diese Möglichkeit entscheiden.

Dennoch würde ich niemals versuchen eine Frau zu überreden normal zu gebären, wenn sie einen Kaiserschnitt wünscht. Da die Einstellung zur Geburt so wichtig ist, hätte das meiner Meinung nach wenig Sinn.

Jede muss da also ihre ganz eigene Entscheidung fällen.
Niemand wird dir die Wehen abnehmen, oder die Narben. Keiner kann dir sagen ob die wunderschön geplante Geburt nicht doch im OP endet, oder ob der geplante Kaiserschnitt nicht eine wunderschöne Geburt geworden wäre. Du bekommst auch keine Note für die Geburt. Wichtig ist nur, dass du mit deiner Entscheidung glücklich wirst.

Wie gesagt, es ist ein polarisierendes Thema und dieser Artikel versucht zum Thema weder zu beraten, noch konkrete Hilfe bei der Entscheidungsfindung zu bieten. Ich lade euch ganz herzlich zur Diskussion ein und bin gespannt ob und wie heiß das werden wird. Auf Spiegel-Online sind im Forum dazu auf jeden Fall schon mal die Fetzen geflogen!

Auf geht’s! ;-)

 



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6 Kommentare
  1. Sabine R.
    Sabine R. sagte:

    Ich stehe jetzt knapp 2 Wochen vor meinem errechneten Entbindungstermin und mir war von Anfang an klar, dass ich mein Kind auf normalem Wege zur Welt bringen möchte.

    Als ich letzte Woche dann (im AVK) bei der Geburtsanmeldung war, fiel ich aus allen Wolken. Wegen einer 2 Jahre zurückliegenden Myomentfernung kann es bei einer normalen Entbindung zu Schwierigkeiten kommen, die für das Kind gefährlich werden können. Deshalb habe ich morgen einen Termin mit dem Oberarzt, um diese Risiken zu besprechen und evtl. einen Kaiserschnitt zu planen.

    Das kam für mich sehr unerwartet, da mein Frauenarzt diese Möglichkeit nie erwähnt hat und nachdem ich ihn darauf ansprach auch keine Bedenken hat. Der OP-Bericht, der mir nun auch vorliegt, sagt allerdings etwas anderes.

    Nun bin ich wirklich gespannt, was sich beim morgigen Gespräch ergibt. Ich hatte nun eine Woche Zeit, über dieses Thema nachzudenken und sicher gibt es einige Vorteile beim Kaiserschnitt. Aber so anstrengend, schmerzhaft und natürlich auch zeitlich nicht planbare vaginale Entbindung auch sein mag – es ist eine Erfahrung, die ich gerne machen möchte.

    Antworten
    • Jana Friedrich
      Jana Friedrich sagte:

      Liebe Sabine,
      ich kann den Wunsch nach einer natürlichen Geburt natürlich total gut nachvollziehen. Aber die vorliegenden Fakten – die ich ja gar nicht so genau kenne – muss man natürlich ernst nehmen. Es ist einfach Standard nach einer vorausgegangenen OP an der Gebärmutter noch mal genauer hin zu schauen. Am besten du gehst erst mal zu dem Gespräch und lässt dich beraten. Du solltest auf jeden Fall klar sagen, dass du wenn irgend möglich eine natürliche Geburt wünschst. Der Wunsch der Frau kann durchaus ausschlaggebend für eine Entscheidung sein. Allerdings, wenn es nicht sein soll… Ich wünsche dir viel Glück und eine schöne Geburt, so oder so!
      Liebe Grüße!

      Antworten
  2. Tina
    Tina sagte:

    Hey,
    dieses Thema berührt mich sehr.
    Einerseits fühlt man sich sehr eingeschüchtert durch das riesige, übermächtige Gesundheitswesen… durch Ärzte die „einen in der Hand haben“ und einem die Intuition aus der Hand reißen. Aus Angst, Berechnung von möglichen Fehlern, Komplikationen… und der Schuldfrage im Falle des Falles… wird alles über einen Kamm geschehrt und die Frau ist kein Individuum mehr.
    Ich fühlte mich ausgeliefert, dumm und nicht stark, selbstbewusst und konnte meiner Intuition nicht vertrauen.
    Mein erstes Kind kam sehr unschön zur Welt… :-( Es begann toll mit entspannter Atmosphäre daheim, Schleimpropf ging ab, nach der warmen Wanne wurden Wehen fester und regelmässiger. Nach 10 Stunden war es so regelmässig und deutlich (5 Minuten), dass ich innehalten und veratmen musste. Dann sind wir ins KH gefahren. Der Muttermund war einige cm geöffnet und wir waren froh und erstaunt, dass es doch so gut zu laufen schien. Aber es ging ab da nicht mehr weiter. Wehenmittel bis zum erbrechen, Medikamente, Spritzen und „Ideen“ die ich nicht wollte und mir wiederstrebten und nicht nötig waren (bin Krankenschwester und konnte das sehr gut einschätzen ob das mir hilft). Ärzte und Hebammen stritten wie es weitergehen soll und waren nicht einig. Nach diversen „Aktionen“ und weiteren 17 Stunden stärkste Wehen blieb mein Kind mit den Herztönen weg, mir wurde schlecht und es wurde Notkaiserschnitt gemacht. Dank fehlendem Sandsack auf der recht großen Wunde blutete ich sehr stark nach. Mein Kind war weggebracht worden, da es nicht atmen wollte. Nach 3 Tagen wurde es besser. Aber die Heultage brachen an… woraufhin ich von einer Stationsschwester zusammengestaucht wurde. Ich unterdrückte und litt Monate unter Depressionen.
    Kurzum: Panik vor weiteren Kindern! Langes Leid und Trauer um fehlendes Geburtserlebnis was schön sein sollte.
    Nach 4 Jahren war dann Nummer zwei dran. Panik, Weinkrämpfe und Angst bestimmten die letzten Wochen. Bis ich auf Verständnis stieß im (anderen!) Krankenhaus. Es wurde dann ein geplanter KS und es war traumhaft, wunderschön und erlösend!
    Nun ist Nr. 3 in Planung. Und nach dem 2. erlösenden Erlebnis würde ich gern eine normale Geburt anstreben…
    Ist nach zwei KS ein normaler Versuch möglich und sinnvoll?

    Sorry, sehr lang geworden ;-)

    Antworten
    • Jana Friedrich
      Jana Friedrich sagte:

      Liebe Tina, du Arme! Das hört sich ja schlimm an. Eine Spontangeburt nach zwei Kaiserschnitten ist möglich, aber unüblich. Besprich das rechtzeitig mit deiner Wunschklinik. Sie werden dich natürlich entsprechend aufklären. Es gibt erhöhte Risiken für bestimmte Prozesse.
      Ich würde eventuell über eine Beleggeburt nachdenken, da eine kontinuierliche Betreuung, gerade in deinem Fall natürlich wünschenswert wäre.
      Ich hoffe das hilft dir weiter! Liebe Grüße und gutes Gelingen ;-)

      Antworten
  3. sarah
    sarah sagte:

    Hallo, meine liebe Mama hat fünf Kinder bekommen, alle auf natürlichem Weg. Ich war das erste von den fünfen. Für mich war immer klar, wenn ich Sex habe, kann ich schwanger werden. Mein Mann lernte ich kennen als ich 17 Jahre alt war, unsere gemeinsame Tochter kam zehn Monate später zur Welt. Ich ging elf Tage über den Termin und war soooooo erleichtert als es endlich los ging. Die Schmerzen waren gut auszuhalten, 17 h wehte ich vor mich hin. Ich war gut drauf, wusste das jede Wehe mein Baby ein Stück weiter auf die Welt half und das Gott mir nur die Schmerzen gab, die ich auch aushielt. Irgendwie ging es aber einfach nicht weiter. Meine Hebamme untersuchte mich oft und holte dann einen Arzt. Sie sagte mir sie würde ein strammes Band spüren und daran käme meine Tochter nicht vorbei. Es wurde ein Kaiserschnitt gemacht. Ich habe mich als vollversager gefühlt. Der Arzt sagte ich hätte ein Zervixseptum gehabt. Bis heute kann ich mir nichts wirklich drunter vorstellen. Jedenfalls wurde es entfernt. Vier Jahre später wurde ich wieder schwanger und wollte normal entbinden. Die Ärzte rieten mir davon ab, appellierten an meinen Verstand. Es wurde ein geplanter Kaiserschnitt. Ich fand es schlimm keine Wehen gehabt zu haben, mein Baby konnte nicht entscheiden auf die Welt zu wollen. Jetzt bin ich wieder schwanger. Ich möchte es normal versuchen oder wenigstens auf Wehen warten. Für mich war der Ks bei meiner großen Tochter notwendig, wenn auch enttäuschend, bei meiner zweiten einfach furchtbar und eventuell unnötig?! Liebe Grüße

    Antworten
    • Jana Friedrich
      Jana Friedrich sagte:

      Liebe Sarah, das kann ich Dir nicht sagen, da ich ja nicht dabei war. Man sollte meinen, da das Septum (ein festes Häutchen, was längs durch den Gebärmutterhals verläuft) durchtrennt wurde, hätte eine Spontangeburt möglich sein können. Man hätte es wahrscheinlich zumindest probieren können. Aber wie gesagt, da ich nicht dabei war, ist das Spekulation. Ich kenne ja vielleicht nicht alle Fakten.
      Manche Geburtshelfer stehen übrigens der Überlegung, die Wehen kommen zu lassen und dann einen Kaiserschnitt zu machen, offen gegenüber.
      Liebe Grüße
      Jana

      Antworten

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