Bumi Sehat Foundation auf Bali

Mein Hebammen-Indonesien-Abenteuer: Robin Lim in Bumi Sehat (2)

Dies ist der zweite Teil einer Artikelserie über mein ganz persönliches Hebammen-Indonesien-Abenteuer im Sommer 2019. Nachdem es im ersten Teil um die Organisation der Reise ging, wird es nun schon ein bisschen geburtshilflicher. Allerdings war ich zuerst ja noch mit meiner Familie auf Bali unterwegs. Dort war es natürlich eine abgemachte Sache, dass ich mir die Bumi Sehat Foundation in Ubud anschaue. Ich habe mich schon vorab von Deutschland aus mit der Hebamme und Gründerin der Foundation, Robin Lim, verabredet.

Der Bali-Kulturschock

Auf Bali machten wir vor allem erst einmal Urlaub. Wir relaxten am Strand, schwammen im Meer mit Schildkröten und Mantas, besichtigten Tempel und aßen leckeres, gesundes, meist veganes Essen. Und wir bekamen einen riesigen Kulturschock. Denn Bali, so paradiesisch auch alles klingen mag, hat gewaltige Probleme: Die Menschen dort sind unglaublich arm und Bali versinkt im Müll.

Mit der Armut haben wir natürlich irgendwie gerechnet, aber sie dann tatsächlich hautnah zu erleben war schwer zu verarbeiten. Die Armut ist allgegenwärtig. Menschen hausen unter den unwürdigsten Bedingungen. Sie leben von der Hand in den Mund und sind dabei hochgradig mangelernährt.

Mangelernährung

Das leckere Essen, das wir Touristen vorgesetzt bekommen, hat leider nichts mit der Ernährung der Menschen dort gemein. Sie essen primär Reis, und wenn sie Glück haben, dann mit einem Ei oder etwas Fleisch (meist Huhn). Das häufigste Gemüse sind die Blätter der Süßkartoffel, dazu gibt es etwas Kokosraspeln und Brühe – fertig. Obst wird nicht so viel gegessen. Warum weiß ich nicht, es scheint jedoch im Überfluss vorhanden zu sein. Meist wird es wohl eher verkauft, um so Einnahmen zu generieren. Man spricht hier von verdecktem Hunger, denn die Menschen werden zwar häufig satt, aber dann mangelt es trotzdem an den richtigen Nährstoffen.

Plastikmüll

Das Müllproblem ist wirklich schrecklich. Müll, also vor allem Plastikmüll, ist überall: am Straßenrand, auf den Reisfeldern, im Dschungel, im Meer. Kinder spielen im Müll, Tiere essen im Müll und kaum ein Bad im Meer, ohne Plastiktüte oder -becher.

Früher benutzten die Menschen für vieles Palmenblätter, die nach wie vor eine große Rolle spielen. Heute nimmt man zusätzlich Plastik.
Früher verrotteten die in den Dschungel geschmissenen Blätter einfach. Heute bleiben die Plastikflaschen, Verpackungen, Strohhalme… dort ewig liegen. Vielfach wird der Müll kurzerhand verbrannt und dann kann man fast nicht mehr atmen.
Und zusätzlich zum gigantischen, landeseigenen Verbrauch von Plastik exportiert Europa seinen Müll nach Indonesien. Bali hat nicht mal eine funktionierende Müllabfuhr und am Ende findet der Müll meist seinen Weg ins Meer.

Ich glaube, es war der politischste Urlaub, den wir je hatten. Wir sprachen viel mit den Menschen vor Ort über die Probleme dort, befragten sie über das Zusammenleben der verschiedenen Religionsgemeinschaften und über die Folgen des Massentourismus. Wenn Du mehr über die Schattenseiten eines Urlaubs in Indonesien (und nicht nur dort) lesen möchtest, empfehle ich Dir die wegweisenden, aber auch kritischen Artikel der Bloggerinnen von Indojunkie.com.

Bumi Sehat Foundation

Aber ich war nicht nur zum Urlaub machen nach Bali gereist. Ich wollte die Bumi Sehat Foundation besuchen. Die Bumi Sehat (gesunde Mutter Erde) Foundation ist eine non-profit Organisation, die 1995 von der amerikanischen Hebamme Robin Lim gegründet wurde. Robin Lim, oder Ibu (Mutter) Robin wie sie hier genannt wird, erlernte den Beruf der Hebamme, weil zwei ihr nahe stehende Menschen bei der Geburt ihrer Kinder starben.

Robin zog mit ihrem Mann nach Bali, wo sie ihr jüngstes von acht Kindern als Hausgeburt bekam.
Bald fragten sie die Frauen aus der Nachbarschaft für ihre Geburten an. Schnell war sie sehr gefragt und beantragte eine offizielle Hebammen-Berufserlaubnis für Bali. In Indonesien dürfen Hebammen Geburtshäuser (Clinic genannt) betreiben, wenn sie einen Arzt anstellen, der in permanenter 24h-Rufbereitschaft ist. Sie gründete die Stiftung, um auch armen Familien unentgeltlich helfen zu können. Denn in Indonesien gibt es zwar eine staatliche Krankenversicherung, die sich aber die ganz armen Menschen eben auch nicht leisten können.
Achtung jetzt wird’s richtig gruselig:

Indonesische Krankenhaus-Falle

Wenn diese Menschen dann ins Krankenhaus gehen und dort betreut werden, müssen sie die Kosten also privat tragen. Eine Geburt im Krankenhaus – ohne Komplikationen – kostet circa 150 Dollar, ein Kaiserschnitt etwa 1000$. Eine Familie verdient am Tag vielleicht 8$.
Wenn eine Familie diese Kosten nicht begleichen kann, dann wird das Baby erst mal dabehalten. Für mich ist das eine klare Menschenrechtsverletzung! Vor allem wird es ja täglich mehr Geld, das die Familie der Klinik dann schuldet, denn das Baby wird dort ja weiterhin versorgt. Das führt letztlich dazu, dass die Familien in ihrer Not ihre Lebensgrundlage, meist ein kleines Reisfeld, verkaufen müssen. Dann haben sie ihr Baby, aber perspektivisch deutlich schlechtere Karten als vorher. Und wenn sie nichts zum Verkaufen haben sollten, dann geben sie das Baby notgedrungen manchmal auch zur Adoption frei. Ist das nicht menschenverachtend?!

Ibu Robin betreut diese Familien umsonst und verköstigt sie auch noch für einige Tage. Das Geld dafür akquiriert sie über Spenden. Dafür wird sie dann von den (korrupten) staatlichen Institutionen auch noch angefeindet: „You are stealing our rice!“ wird ihr unverblümt ins Gesicht gesagt.

Mein Treffen mit Robin Lim

Den Kontakt zu Robin Lim stelle ich über meine Studienkollegin aus Berlin her. Und als ich dann endlich in Ubud auf Bali war, ging ich zum verabredeten Treffen.

Innenhof der Bumi Sehat Foundation auf Bali

Wenn man sich der Foundation nähert, glaubt man sich schon in einer anderen Welt. In ihrem Bezirk, der auch zum völlig überlaufenen, dreckigen, verkehrsstauigen Ubud gehört, ist es plötzlich sauber und friedlich. Tatsächlich hat Ibu Robin in der Gemeinde ein hohes Ansehen und dadurch viel Einfluss. Sie hat dort die Benutzung von Plastik verbannt und verboten Müll zu verbrennen.
Die Bewegung „Plastikfreies Bali“ soll erst in ganz Bali umgesetzt werden und dann ganz Indonesien erreichen. Ein großes Ziel. (Inzwischen wurde das Gesetz für ein plasikfreies Bali erlassen.)

Audienz

In Bumi Sehat treffe ich also Ibu Robin an, die schon an sich eine beeindruckende Erscheinung ist, mit ihrem langen, wallenden Haar, der weiten Kleidung, dem schwebenden, jugendlichen Gang und den immer wachen Augen.

Robin Lim in der Bumi Sehat Foundation auf Bali

Sie ist mitten im Organisieren von Dingen und wirbelt umher. Als sie mich entdeckt, kommt sie auf mich zu, küsst mich auf die Wangen und zieht mich mit sich. Weitere Besucherinnen und Besucher sammelt sie auf dem Weg auf, die sie auch so herzlich willkommen heißt. Wir haben also eine Audienz zu sechst.
Damit habe ich zwar nicht gerechnet, aber das macht nichts. Wir sind ein spannend-bunter Haufen: Neben mir sind da noch eine Doula und eine public health Professorin aus den USA, eine italienische und skandinavische Hebamme, sowie zwei Pflegewissenschafts-Studenten aus Sumatra.

Robin legt los. Sie berichtet vom neuen, erdbebensicheren Haus der Foundation, von den Problemen mit einem Restaurantbesitzer, der Nachts illegal seinen Müll auf ihr Gebiet schmeißt und von den fantastischen Zahlen aus 2018:

  • 713 Babys wurden in allen Foundations zusammen geboren
    Es gibt noch weitere Häuser auf anderen Inseln.
  • Die Sectiorate lag bei 2,5%.
    In den Krankenhäusern Indonesiens liegt sie bei 70-90%.

Robin erzählt und alle lauschen gespannt. Sie schlägt einen Bogen vom Umweltschutz über freie Religionsausübung bis hin zur indonesischen Politik und die Korruption im Land. Zwischendurch erteilt sie ihren Leuten Aufträge oder erfragt das Befinden von Patientinnen bei der vorbei eilenden Ärztin.

Geburtshaus-Rundgang

Dann fragt sie uns, ob wir eine Tour wollen. Wir wollen natürlich gerne.

Ein Teich im Innenhof der Bumi Sehat Foundation auf Bali

Das neue Haus ist wirklich schön, luftig und sauber. In seiner Mitte befindet sich ein kleiner Karpfenteich. Die Geburtsräume haben alle einen zweiten Ausgang in den Garten: „Damit die Frauen unter der Geburt Kontakt mit Mutter Erde aufnehmen können“, erklärt Robin.

Kreissaal mit Gartenzugang

Und dennoch ist es kein Geburtshaus, so wie wir das aus Deutschland kennen. Die Kreißsäle sind klein und haben klassische, schmale Geburtsbetten: zwei pro Raum, mit Vorhängen abgetrennt. Nur die Kissen sind bezogen, ansonsten sind die Betten blank. Die Frauen legen sich auf ihre Sarongs, wenn sie mal liegen wollen. Aber natürlich werden hier aufrechte Positionen gefördert.

Kreissaal in der Bumi Sehat Foundation

„Die Gebärwanne wurde uns verboten“, berichtet Robin Lim. Denn Wassergeburten sind in Indonesien untersagt. Warum? Weil es keine indonesische Studie gibt, die die positiven Effekte von warmem Wasser unter der Geburt belegen. Die anderen ausländischen Studien zählen nicht. Indonesische Studien dazu werden aber auch nicht durchgeführt, weil die Wanne ja verboten ist. Ach so – logisch!

Wir lernen einige ihrer MitarbeiterInnen kennen. Hier arbeiten Hebammen, Doulas, ein Gynäkologe und Geburtshelfer, der die TCM-Sprechstunde leitet, und eine Kinderärztin.

Die tägliche Arbeit umfasst: Vorsorge, Yoga, Geburtsvorbereitung, Geburt, Kindersprechstunde, Gymnastik für ältere Damen, Akkupunktur, Massage, HIV-Workshop, Trageunterricht und Aufklärungsarbeit. Zusätzlich bringt die Bumi Sehat einige Bücher raus.

Robin zeigt uns den riesigen, offenen Kursraum.

Der Bumi Sehat Kursraum

Überall hängen Bilder von Robin. Hier haben sich offensichtlich einige Künstler ausgetobt.

Robin Lim Popart in der Bumi Sehat Foundation

Ein Robin Lim Portrait

Dann geht Robin mit uns auf die „Wochenbettstation“ – zwei Zweibettzimmer, in denen sich die Wöchnerinnen ein bis drei Tage ausruhen können, bevor sie wieder nach Hause gehen. Zwei Babys wurden gestern geboren. Eine junge Familie dürfen wir in ihrem Zimmer besuchen. Viele Verwandte sind zu Besuch und verwöhnen die Mutter. Eine Familie kommt mit ihrem Baby zu uns raus und präsentiert es stolz.

Happy Family mit Robin Lim auf Bali

Am Ende des Tages verabschiedet uns Robin Lim alle mit einer Umarmung und einem: „I love you!“. Sie ist echt speziell und auf jeden Fall sehr inspirierend. Wer an die Bumi Sehat Foundation etwas spenden möchte: hier entlang. Hier ist jeder Betrag sicher gut untergebracht.

Ein Treffen mit Robin Lim & Jana_Friedrich

Es war für mich wirklich spannend einen so besonderen Einblick in das Projekt „Bumi Sehat“ erhalten zu haben. Und von Robin Lim den Überblick über die indonesische Geburtshilfe zu bekommen war ebenfalls sehr wertvoll. Das hilft mir bestimmt, wenn ich dann bald meine Hospitation auf Sumatra starte. Aber bis dahin machen wir noch ein bisschen Familienurlaub.

To be continued

Im nächsten Teil der Serie geht es um meine Ankunft auf Sumatra, wo ich zunächst die UnimitarbeiterInnen kennengelernte, mit denen ich dann in den nächsten Wochen zusammen gearbeitet habe.

Habt ihr Fragen, oder vielleicht schon ähnliche Kultur- & Umweltschocks erlebt, dann lasst mir gerne einen Kommentar da. Wer kann vielleicht von Geburtshäusern in anderen „exotischen“ Ländern erzählen?



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4 Kommentare
  1. Sarah
    Sarah sagte:

    Liebe Jana,
    das ist super spannend!
    zufälligerweise sprach ich vor kurzem mit einem indonesischem Kollegen meines Mannes und fragte ihn und seine Frau zum Thema Breastfeeding in Indonesien aus: wird gemacht, aber viele arbeiten schnell wieder.
    Witzig: die Milch wird mit Mopeds zu den Kindern gebracht, wenn die Mütter abpumpen. Das fand ich ganz faszinierend.
    Danke für deine Einblicke!
    Neben den Geburtsorten hat mich vor allem das Thema Müll überrascht. Wir leben wirklich in unserer kleinen, heilen Welt. :-/

    Antworten
    • Jana Friedrich
      Jana Friedrich sagte:

      Hallo Sarah, genau! Die Frauen arbeiten eigentlich alle. Das mit den „Milch-Mopeds“ war sicher auf Java, oder? Da gibt es ein Moped-Transport-Unternehmen namens Gojack, die eigentlich alles liefern. Die gibt es zwar auch auf anderen Inseln, da agieren sie aber nicht ganz so umfangreich.
      Ich denke, dass mit dem Milchtransport ist auch eher etwas, was die reiche Oberschicht in den Städten sich leistet. In der armen Bevölkerung ist das nicht denkbar. Leider.
      Ganz liebe Grüße an euch!
      Jana

      Antworten

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