Begrüßungstanz an der Uni in Medan

Mein Hebammen-Indonesien-Abenteuer: Erster Unitag (4)

Dies ist der vierte Teil der Artikelserie über mein ganz persönliches Hebammen-Indonesien-Abenteuer im Sommer 2019. Nachdem ich am Abend zuvor auf Sumatra angekommen bin, startete nun mein erster Tag an der Uni in Medan.

Ich wachte noch vor dem Wecker auf. Die neue Umgebung, ein im Wohnzimmer die ganze Nacht über plärrender Fernseher und natürlich die Aufregung haben mich nicht wirklich gut schlafen lassen. Schnell duschte ich, machte mich fertig und trank einen Tee. Die verschlafene Putri gesellte sich bald zu mir und verspeiste den obligatorischen Reis, den es hier ja zu jeder Mahlzeit gibt.

Dann wurden wir auch schon abgeholt. Wir, das sind: Herna, die Fachbereichsleitung für Hebammenkunde, Eddi, mein Ansprechpartner während der Reisevorbereitungen, Unidirektorin Siti, Putri und ich. Wir fuhren also Richtung Campus. Dort angekommen ging es zunächst ins Büro der Direktorin. Sie – erneut sehr leger in Jeans und T-Shirt gekleidet – verschwand kurz im Nebenraum und kam im schicken indonesischen Kostümchen wieder zurück. Dadurch veränderte sich auch auf wundersame Weise ihr Auftreten. Die flachsende, kichernde Frau vom Abend zuvor hat sich in eine Autoritätsperson verwandelt.

„Welcome Participant“

Es ging los in Richtung Versammlungssaal. Ich bekam Blumen in die Hand gedrückt und es wurden zahlreiche Fotos gemacht. Erst mit den mir bekannten Personen und dann noch mit weiteren. Irgendwann vergaß man, mir alle weiteren Fotopartner vorzustellen. Aber alle waren furchtbar nett und freuten sich offensichtlich sehr über mich.

Das Banner, das über dem Eingang angebracht war, übersah ich in dem ganzen Trubel.

Ich entdeckte es tatsächlich erst am nächsten Tag und war dann doch sehr überrascht über das nach offiziellem Uniaustauschprogramm anmutende Design. Schließlich hatte ich mir die Hospitation ja allein organisiert und dafür – ganz normal – den Namen meiner Uni erwähnt und hatte gesagt, dass ich am Ende der Zeit einen Stundennachweis bräuchte.

Dann erschienen einige Studentinnen in traditionellen Gewändern. Und was dann geschah, kann ich gar nicht erzählen. Das zeig ich euch. ♥

Das war so unglaublich schön. (Geistesgegenwärtig drückte ich Putri mein Handy in die Hand. Und sie hat das wunderbar eingefangen). Ich muss schon sagen, dass mich der riesige Saal, mit all den freundlich johlenden Studentinnen, total umhaute. Mit so einem unglaublich herzlichen und gigantischen Empfang hätte ich niemals gerechnet.
So erlebte ich auch die darauffolgenden Begrüßungsreden wie im Rausch. Keine Ahnung was da gesagt wurde. Ich musste natürlich auch eine kleine Rede halten. Glücklicherweise hat mir Eddi noch schnell den vollen Namen der Direktorin auf einem kleinen Zettel aufgeschrieben, so dass ich alle korrekt adressieren konnte. Ich glaube höchstens 10% der Menschen verstanden auch nur ein Wort meiner auf Englisch gehaltenen Rede, wenn überhaupt. Aber alle lächelten mich unglaublich freundlich an.

Dann bekam ich als Willkommensgeschenk auch noch einen Schal, den Namen und Emblem der Uni zieren. Ich war ganz schön überwältigt. Natürlich hatte auch ich ein Gastgeschenk dabei. Das werde ich später dann zum Abschied da lassen. Es ist ein Demoset für die Geburtsvorbereitung: Becken, Strickgebärmutter, Plazenta mit Fruchtblase und Baby.

Dann gab es noch einen Tanz.

Zeremonie-Tanz an der Uni in Medan

Am Ende folgten Fotos über Fotos.


Notfallmanagement

Der Tag, so war es geplant, sollte sich thematisch um das Notfallmanagement drehen. Und einleitend war ich nun an der Reihe meinen kleinen Vortrag zu halten. Mein erster, den ich vor 250 Leuten halte – kaltes Wasser und so…
Ich muss gestehen, während der ganzen Begrüßungszeromonie war ich hin und hergerissen zwischen Erstaunen über dieses wunderbare Willkommen und dem Gefühl im falschen Film zu sein. Warum wurde ich wie eine Königin begrüßt? Hatten sie jemand anderen erwartet? War das Ganze ein großes Missverständnis und sie dachten, ich sei irgendein hohes Tier? Es war schon eine ganz schön verrückte Situation in der ich da war.

Tatsächlich habe ich die Uni-Präsidentin später nochmal darauf angesprochen und bin sicher gegangen, dass ich nicht verwechselt worden bin. Aber nein: alles hatte seine Richtigkeit. Ich bin einfach nur die erste Europäerin, die so eine Hospitation angemeldet hat. Das, und die Tatsache, dass ich als Frau so ganz allein zu ihnen gekommen bin, fanden sie so verrückt und toll, dass sie ihre Freude und Bewunderung auf diese Art zeigen wollten.

Nach meinem Vortrag über Notfallmanagement entspann sich eine lebhafte Diskussion, soweit das mit der Sprachbarriere eben möglich war. Leider spreche ich ja nur wenige Worte Indonesisch und nicht alle Studentinnen und Lehrkräfte sprechen Englisch. Aber lateinische Fachwörter verstehen wir jeweils alle und den Rest konnte man sich entweder zusammenreimen, oder die ÜbersetzerInnen im Saal bemühten sich die Lücken zu schließen.

Dann gab es eine einstündige Mittagspause, die ich mit einigen der Lehrkräfte verbrachte. Leider schlägt mir Aufregung immer etwas auf den Magen, so dass ich kaum etwas essen konnte. Das tat mir besonders leid, da extra etliche indonesische Köstlichkeiten aufgefahren wurden.

Skills-Lab

Am Nachmittag ging es ins Skills-Lab, wo ich mit einigen Studentinnen zusammen Notfallszenarien durchspielte und wir Gemeinsamkeiten und Unterschiede festzustellen versuchten.

Die Studentinnen waren großartig und hatten in Sachen Notfallmanagement echt was auf dem Kasten. Aber die Vorgehensweisen unterscheiden sich schon sehr. Zum Beispiel bei Blutungen. Der Beginn ist gleich: Ist die Plazenta vollständig? Inspektion der Geburtswege, Blase entleeren, Oxytocin. Aber dann: Wo unser Standard vor allem auf die Gabe verschiedener Medikamente baut, werden hier sehr schnell Manualhilfen angewandt. Und zwar die innere und äußere Uteruskompression. Dazu wird dieses Uterusmodell benutzt:

Dann geht es wieder weiter im Schema…. Die sonst barfüßige Hebamme trägt Gummistiefel und Plastikschürze, um bei einer Blutung geschützt zu sein. Ein Drittel der Frauen hat Infektionskrankheiten wie Hepatitis B oder HIV.

(K)ein Vergleich

Am Ende werden die Handschuhe ausgewaschen, um später wieder verwendet zu werden. Aber das kennt vielleicht auch noch die eine oder andere Kollegin von früher. Überhaupt erinnern mich einige Praktiken an meine Anfänge in den 90igern. Auch wenn es in der Uni um evidenzbasierte Betreuung geht, so wird diese in den indonesischen Krankenhäusern überhaupt nicht umgesetzt. Auch bei uns hinken ja viele Häuser den Evidenzen hinterher, aber es ist kein Vergleich. Die Geburtshilfe hier läuft doch sehr nach Schema F. Vor allem geht es dabei weniger um Frauenzentriertheit und individuelle Bedürfnisse, als vielmehr um’s schiere Überleben. Mögliche Befindlichkeiten sind da absolute Nebensache.

Geschafft

Jedenfalls war der Tag in der Uni sehr schön und es machte unglaublich Spaß, sich mit den Studentinnen und Dozentinnen auszutauschen, die auch alle äußerst interessiert waren.

Trotzdem war ich froh, als das Ganze dann gegen 16.30 Uhr zu Ende war. Ich stand die ganze Zeit so auf dem Präsentierteller und wusste gar nicht wem ich mich zuerst zuwenden und in welche Handykamera ich zuerst lächeln sollte. Denn Handys bekam ich ungefragt ständig ins Gesicht gehalten. Wahrscheinlich war ich an dem Tag eine der „trending topics“ auf Insta in Indonesien, ohne das zu wissen.

To be continued

In Teil 5 der Artikelserie geht es weiter, mit meiner ersten Woche in der Uni: mit Babymassage und Aberglauben.

Hat von euch schon mal jemand so eine überschwängliche, ausufernde Gastfreundschaft erfahren? Das würde mich echt interessieren. Wenn ja: Lasst mir gerne einen Kommentar da.



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5 Kommentare
  1. Bettina
    Bettina sagte:

    Liebe Jana,
    vielleicht nicht ganz so überschwänglich, aber ich kenne ähnliches von einer Delegationsreise der Kirche nach Indonesien und Indien. Gerade in im Süden Indiens war das sehr abgefahren, mit vielen Blumenketten, Tänzen und selbst im kleinsten Dorf mit den obligatorischen Willkommens-Bannern. Mir (damals Anfang 20 und als einzige Frau in der sonst eher grauhaarigen sechsköpfigen Delegation) war das damals auch sehr fremd. Und zugleich war es so faszinierend, dass ich auch heute – über 10 Jahre später – noch immer gerne daran zurückdenke.

    Antworten
    • Jana Friedrich
      Jana Friedrich sagte:

      Oh wie toll, das hört sich aber auch sehr klasse an. Ich war ja einerseits sehr angetan, aber auch ein bisschen beschämt, weil ich weiß, dass bei uns einfach nicht ein Bruchteil dieser Gastfreundschaft existiert.
      Ja, unvergesslich ist das ganz bestimmt! <3

      Antworten
  2. Susanna
    Susanna sagte:

    Liebe Jana,
    Total spannend, deinem „Reisebericht“ zu folgen!
    Ich hab eine ganze Weile überlegt, ob ich kommentieren soll, weil ich nicht weiß, ob ich die Situation richtig einschätzen kann. Aber jetzt muss ich doch einfach fragen :)
    Du schreibst, dass das Notfallmanagement etwas „veraltet“ wirkt, dass z. B. eher Manualhilfen angewendet werden als Medikamente. Ich hatte nach der Geburt meiner ersten Tochter starke Blutungen aufgrund einer Atonie des Uterus nach stundenlanger Austreibungsphase (sie war eine Sternguckerin). Ich hab dann 23 Einheiten Oxytocin bekommen, dann 2 Tabletten Cytotec und dann eine Ausschabung (keine Ahnung, was das sollte, Plazenta war vollständig). Ich hätte es toll gefunden, wenn erst mal die Gebärmutter massiert worden wäre oder ich eine Eispackung bekommen hätte. Deshalb denke ich, es spricht doch nichts dagegen, erst mal die „alten“ Methoden zu versuchen. Bevor Mutter und Kind getrennt werden, der Vater die schlimmste Stunde seines Lebens erlebt (er wusste nicht, was los ist, die Ärztin sprach nur von Not-OP) und der Mutter eine Vollnarkose verpasst wird.
    Was sagst du dazu? Ich freue mich über eine Antwort und die nächsten Blogposts natürlich :)
    Viele Grüße, Susanna

    Antworten
    • Jana Friedrich
      Jana Friedrich sagte:

      Liebe Susanna, toll dass du kommentiert hast. Hey klar: Man sollte imm er erst Mal schauen, ob man eine Situation mit einfachen Mitteln lösen kann.
      Uterusmassage/halten und Eisblase sind sicher gut. Wenn die Mutter aber sehr stark blutet, dann müssen stärkere Geschosse her. Dann bin ich ganz froh, entsprechende Medikamente zu haben und auch (wie in deinem Fall) einen sterilen OP und ein Team, was auf Zack ist. Natürlich weiß ich nicht, was bei dir genau das Problem war… Das muss ein schreckliches Erlebnis für dich und deinen Partner gewesen sein.
      In Indonesien wurde sehr schnell, ohne Betäubung (!) in die Gebärmutter gefasst uns nachgetastet (also geschaut ob Reste da sind – obwohl die Plazenta für vollständig erachtet wurde). Dann wurde die Gebärmutter innerlich und äußerlich komprimiert. Das ist schon ganz schon krass für eine Frau, dass einfach so über sich ergehen lassen zu müssen.
      Nächster Post kommt dann morgen.
      Liebe Grüße
      J

      Antworten
      • Susanna
        Susanna sagte:

        Danke für deine Antwort!
        Wir haben es inzwischen gut verarbeitet und die nächste Geburt findet (ob mit oder ohne Hebamme) zu Hause statt. Etwas unbefriedigend, dass mir niemand sagen kann, was los war und warum so reagiert wurde. Die Krankenakte gab auch nichts her (bin ich mir meiner Nachsorgehebamme durchgegangen). Aber ich weiß, wie ich in Zukunft mit diesen Fragen umgehen werde und das hilft sehr.
        Und ja, da stimm ich dir natürlich völlig zu, zum Glück haben wir diese Mittel für Notfälle! Das wollte ich auch gar nicht in Frage stellen. Und die Maßnahmen in Indonesien sind ja auch echt nochmal krasser! Die Hebamme im Vorbereitungskurs hatte uns gewarnt, dass manche Ärzte Ausschabungen gerne ohne Narkose machen. Da sollen wir dann einfach „Ähm… NEIN!“ sagen

        Ich freu mich auf morgen

        Antworten

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