Geburtsbericht: Spontane Hausgeburt im Lockdown

Das vergangene Jahr hat ja bekanntlich von allen viel gefordert. Aber eine Gruppe von sehr Leidtragenden der Pandemie sind Schwangere, Familien und Kinder. Na ja, und Ärzte, Pflegende und Hebammen. Und Risikopatienten. Und Alleinstehende. Und alte Menschen. Und Obdachlose… Ach, verdammt, es war und ist wirklich für alle hart. Aber mein besonderes Mitgefühl liegt halt bei den Schwangeren. Diese ganze Verunsicherung, eventuell im Kreißsaal allein sein zu müssen, die Angst, sich oder das Baby anzustecken. Das macht aus einer Lebensphase, die auch ohne Pandemie schon aufregend genug ist, für manche eine echt schlimme Krise.
Glücklicherweise gab es bisher trotzdem richtig großartige Wunschgeburten, wie die von Vanessa –  einer Hausgeburt während des Corona Lockdowns. Die Geburt sollte ursprünglich im Geburtshaus stattfinden, geschah dann aber spontan Zuhause. (Den Vornamen von Vanessas wunderbarer Hebamme haben wir, zur Wahrung ihrer Privatsphäre, abgeändert. Hier kommt Vanessas Geburtsbericht, wie immer, mit kleinen Anmerkungen von mir in Lila.

Vorgeschichte

Unser drittes Kind, ein Mädchen, war für den 27.03.2020 ausgezählt. Nach zwei Klinikgeburten, bei denen mich die Routinen der Klinik sehr gestört hatten, entschied ich mich für ein Geburtshaus. Noch ehe mein Mann Philipp vom Baby erfuhr, hatte ich mich beim Geburtshaus angemeldet.

Sehr weise. Auch wenn es irgendwie krass ist, sich erst bei der Hebamme, beziehungsweise im Geburtshaus zu melden, und dann erst dem Partner Bescheid zu geben, ist dieser Weg, in der momentanen Situation, oft die einzige Möglichkeit zu seinem Wunschteam zu kommen. Je schneller, umso besser. Ich habe in letzter Zeit tatsächlich schon mal Anfragen erhalten, wenn Eltern nur mit dem Gedanken an ein weiteres Kind spielen. So nach dem Motto: „Wir überlegen gerade. Was hast du denn so im Monat X vor? Dann würden wir es jetzt darauf anlegen…“ Verrückte Zeiten.

Zum Glück war auch Philipp nach dem Infoabend des Geburtshauses absolut von der außerklinischen Geburt überzeugt.
Bei unserem Geburtshaus ist es so, dass man eine „Haupthebamme“ hat, die die Vor- und Nachsorge betreut. Bei der Geburt selbst hat entweder diese Hebamme oder ihre Kollegin Rufbereitschaft. Im Laufe der Schwangerschaft lernte ich beide, meine „Haupthebamme“ Laura und ihre Kollegin kennen und mochte beide sehr.
Ich war ganz besonders hin und weg von Laura. Sie war sehr jung, warmherzig, feinfühlig, und sagte immer genau das, was ich hören musste, um mich besser zu fühlen. Wir freuten uns auf unsere selbstbestimmte Geburt.
Laura warnte mich vor, dass Frauen bei den dritten Kindern öfter mal falschen Alarm auslösen würden. Und tatsächlich verspürte ich in den Wochen davor immer wieder heftige Übungswehen, ohne dass es losging. Als ich Laura mein Leid über die unproduktiven Wehen klagte, sagte sie ganz ruhig: „Wer sagt denn, dass die unproduktiv sind? Auch die bringen dich weiter und bereiten deinen Körper vor.“ Ach, ich liebte sie dafür.

Wie wunderbar und mutmachend. Und wieder eine Erinnerung an uns Hebammen und Geburtshelfende, unsere Worte wohl zu überdenken, wenn wir über Wehen „urteilen“.

„Wann, glaubst du, kommt dein Baby?“, fragte mich Laura zu Beginn der Rufbereitschaft (bei 37+0). Ich schaute in den Kalender. „Ich würde das Baby am liebsten bekommen, wenn du Rufbereitschaft hast: ab dem 17.03… – der 20.03. wäre ein schönes Datum.“ Laura lächelte mich wissend an. „Dann warten wir mal ab und schauen, ob es der 20.03. wird.“

Ich bin immer wieder erstaunt, wie sich Wünsche auf den Geburtsbeginn auswirken. Das klappt natürlich nicht immer so datumsgenau, aber oft hat ein Rufbereitschaftsbeginn oder der Freistellungsbeginn des Partners oder der Zeitraum, wann die Oma sich um das große Geschwisterkind kümmern kann echt einen Einfluss darauf, wann es losgeht.

Der erste „Corona-Lockdown“

Genau zwei Wochen vor dem errechneten Termin wurden die Kindergärten und Schulen wegen des Coronavirus‘ geschlossen. Mit zwei Kindern im Kindergartenalter (3 und 5 Jahre) eine große Umstellung. Wir isolierten uns und gingen praktisch nicht mehr vor die Tür.
Meine Hebamme kam am 19.03. (38+6) zur Vorsorge zu uns nach Hause. Sie beachtete einige Vorsichtsmaßnahmen und hielt 2 m Abstand zu mir. Eine außerklinische Geburt sei aktuell noch möglich, sagte sie uns. Schwierig würde es werden, wenn einer von uns Symptome zeigen würde.

Ich machte mir größte Sorgen. Am selben Tag gingen Meldungen durch die Presse, dass einige Kreißsäle Väter nicht einmal mehr zur Geburt zulassen würden.

Das war und ist, meiner Meinung nach, ein ganz großer Fehler. Zwar müssen Abteilungen, die vulnerable Gruppen, wie zum Beispiel Schwangere, betreuen, natürlich sehr vorsichtig und umsichtig sein, aber diese Maßnahme hat Schwangere Familien so unglaublich verunsichert. Und auch die WHO hat, trotz Corona, dafür plädiert, die Partner*innen weiterhin zuzulassen. Gebärende brauchen eine vertraute Person an ihrer Seite!

Ich wünschte mir sehnsüchtig Wehen herbei, damit das Baby endlich da wäre und ich keine Angst mehr vor weiteren Beschränkungen zu haben bräuchte. Es flossen zahlreiche Tränen.

Wehenbeginn bei 39+0?

Am nächsten Tag (39+0) spazierte ich mit den Kindern lange durch den Wald.
Gegen Mittag wurde der Bauch immer mal wieder hart, aber das kannte ich ja schon. Ich versuchte, mir nicht allzu große Hoffnungen zu machen. Meine Hebamme hatte noch am Vortag gefragt, ob der Schleimpfropf schon abgegangen sei oder ich Durchfall bekommen hätte. Beides musste ich verneinen.

Beides kann ein Zeichen dafür sein, dass der Körper sich geburtsbereit macht. Wobei der Schleimpfropf auch manchmal schon Tage vor der Geburt abgeht, oder erst unter der Geburt. Man sollte ihm also nicht allzu viel Bedeutung beimessen.

Nach dem Mittagessen wollte ich dann doch baden, um zu schauen, ob sich die Wehen veränderten. Sie blieben, waren aber noch weit entfernt von schmerzhaft. Der Schleimpfropf hatte sich immer noch nicht blicken lassen. Ging es vielleicht doch los? Gegen 16.00 Uhr bat ich meinen Mann die Kinder zu meinen Eltern zu bringen. Selbst wenn es ein Fehlalarm sein sollte, wollte ich etwas Ruhe genießen. Wir packten ihnen alles für eine Nacht außer Haus. Beim Abschied hatte ich einen dicken Kloß im Hals.
Dann rief ich Laura an, die Gott sei Dank gerade Rufbereitschaft hatte. Sie blieb ganz cool, während ich etwas überdreht war. Ich sagte ihr, ich wolle sie nur vorwarnen. Es sei alles noch unregelmäßig, aber nicht mehr zu ignorieren. Wir verabredeten, dass ich in Ruhe spazieren gehen und baden würde. Danach sollte ich mich wieder melden. Als Philipp ohne Kinder wiederkam, legte ich mich kurz auf unser Bett – und schwupp! – der Wehenabstand wuchs von 4 Minuten auf 11 Minuten. Ich bekam Angst, dass die Wehen wieder verschwinden würden.
Also ab nach draußen. Philipp und ich liefen eine halbe Stunde über Feldwege. Mein Bauch wurde alle paar Minuten ordentlich hart. Es war deutlich spürbar, aber veratmen musste ich nichts.

Hebamme Laura kommt

Wieder Zuhause angekommen beschloss ich noch mal zu baden. In der Badewanne kamen die Wehen im 4-Minuten-Takt. Um 17.50 Uhr bat ich Philipp unsere Hebamme noch einmal anzurufen. Sie war rührend und fragte, ob sie kommen sollte. Ich zögerte noch etwas und dachte an den falschen Alarm, den sie erwähnt hatte. Wir verabredeten gemeinsam, dass sie in einer halben Stunde bei uns sein würde. Sie klingelte dann gegen 18.20 Uhr. Es war so schön sie zu sehen!

Wie gut. Manchmal entspannt es einen einfach zu wissen, dass man gut betreut wird.

Sie setze sich neben mich auf den Boden und strahlte ganz viel Ruhe aus. Ich saß immer noch überdreht in der Wanne und erklärte ihr immer wieder, dass das vielleicht doch falscher Alarm sei oder der Muttermund bestimmt noch geschlossen sei, weil sich noch kein Schleimpfropf hätte blicken lassen. Sie riet mir, ich sollte mich mal gedanklich vom Schleimpfropf-Thema verabschieden. Bei manchen Geburten würde man überhaupt keinen sehen. Oh. Ach so!
Philipp setzte sich auch wieder ins Bad. Er erfüllte alle meine Wünsche (Musik anschalten, Kerzen holen, Licht anschalten und ausschalten, dieses und jenes holen).
Zwischen den Wehen unterhielten wir drei uns ganz normal. Alle paar Minuten musste ich für eine Minute eine Wehe veratmen. Es war gut auszuhalten.
Ich wollte gerne wissen, ob sich am Muttermund schon was getan hätte. Wäre der noch komplett geschlossen, wäre ich sehr enttäuscht gewesen. Ich hatte vor Lauras Ankunft versucht bei mir selbst den Muttermund zu ertasten. Sie wollte wissen, ob ich überhaupt dran gekommen wäre (nein).

Es fällt den meisten Frauen schwer, da noch halbwegs gut dran zu kommen. 

Sie beruhigte mich und versicherte mir, es würde alles super laufen. Schließlich untersuchte sie mich: 4 cm geöffnet. Ich war erleichtert. Kurz danach veränderten sich meine Wehen. Meine Hebamme sagte im Nachhinein, dass ich diese Untersuchung wohl gebraucht hätte, um loslassen zu können.

Ich merkte, dass ich mich immer mehr auf Laura fokussierte. Ein wenig Mitleid hatte ich mit Philipp, der bei uns saß, aber gar nicht viel tun konnte. Ich bot ihm an, dass er auch gerne mal rausgehen könne, wenn er wolle. Als ich das sagte, sah ich ihm die Erleichterung an. Er setzte sich ins Wohnzimmer und ließ aber alle Türen offen, damit ich ihn jederzeit rufen konnte. Die Lösung fühlte sich für uns beide richtig gut an. Meine Hebamme und ich waren so gut „im Flow“.

Perfekt. Schön, wenn es für alle passt. Manchmal sind Frauen zu 100 % auf den Partner/ die Partnerin fixiert, manchmal auf die Hebamme und manche sind ganz in sich versunken. Wie auch immer, ist es gut, dass sich dann niemand ausgeschlossen fühlt, sondern alle anerkennen, dass es einfach grad so sein muss.

Ich fragte sie, ob das Baby wohl noch am heutigen Tag kommen würde. Sie nickte.
Die Wehen wurden langsam stärker und ich musste die Wehen mit prustenden Geräuschen veratmen. Ich saß immer noch im Wasser. Dort waren sie gut auszuhalten. Nach jeder Wehe lobte mich meine Hebamme. Das war richtig schön für mich.
Ich versuchte meinen Kopf weiter abzuschalten und zu meditieren, aber das gelang mir nicht. Also atmete ich einfach durch die Schmerzen und dachte mir nach jeder Wehe: „Eine weniger! Eine Wehe näher am Baby.“ Ich konnte richtig spüren, wie sich der Muttermund weitete.

Ich glaube: „Jede Wehe bringt mich näher zu meinem Kind“ ist,  in Abwandlungen, eine der häufigsten Geburtsaffirmationen, die Frauen sich spontan unter der Geburt ausdenken.

Gegen 18.50 Uhr sagte meine Hebamme, dass wir jetzt ins Geburtshaus fahren müssten, wenn das Kind nicht Zuhause kommen solle. Und sie vermutete, dass dann kurz nach unserer Ankunft dort das Baby schlüpfen würde. Laura darf sowohl im Geburtshaus, als auch Zuhause Geburten betreuen. Sie fragte, ob wir noch losfahren wollten oder nicht. Mein Mann und ich sahen einander kurz an und wussten die Antwort: Wir bleiben Zuhause. Laura nickte zustimmend. „Es ist von der Geburt her eigentlich auch kein großer Unterschied“, sagte sie.

Wie wunderbar, die Möglichkeit zu haben, das spontan zu entscheiden.

Ich blieb also in der Badewanne und fühlte mich dort wohl. Sich unter Wehen anzuziehen, ins Auto zu setzen und 30 Minuten zu fahren, konnte ich mir beim besten Willen nicht mehr vorstellen!
„Bitte sag den Nachbarn Bescheid“, sagte ich Philipp gegen 19.15 Uhr, weil ich anfing, bei jeder Wehe zu tönen. Unsere Nachbarn sind sehr nett und entspannt, aber ich wollte vermeiden, dass sich jemand Sorgen machte und bei uns klingelte.

Bei geplanten Hausgeburten hängen die meisten Eltern ein Schild an die Tür. Das verhindert Polizeieinsätze, wenn Nachbarn denken, dass da was nicht stimmt.

Philipp schrieb daraufhin in unsere Haus-WhatsApp-Gruppe: „Ihr Lieben, bei Vanessa geht es los und es wird eine Hausgeburt. Die Hebamme ist da, alles gut. Wundert euch aber nicht, wenn es eventuell ein wenig laut wird.“
Kaum waren die Nachbarn informiert, konnte ich loslassen. Bei jeder Wehe tönte ich laut mit „Jaaaa“. Das klang seltsam und sah wahrscheinlich auch seltsam aus, aber es funktionierte.

Die meisten tiefen und „offenen“ Töne wie „a“, „u“ und „o“ funktionieren unter der Geburt sehr gut, weil sie tief in den Körper hineinvibrieren, beruhigend auf das vegetative Nervensystem und das Gehirn wirken. Dadurch entspannen uns solche Töne. Im Gegensatz dazu stressen „enge“ Töne wie „i“ oder „e“. Daher ist ein „jaaaa“ zur Wehe viel hilfreicher als ein „neiiiiiin“ – nicht nur aus psychologischer Sicht (weil man sich mit einem „nein“ ja auch gegen den Prozess wehrt, statt sich ihm hinzugeben).

Meine Hebamme nickte mir nach jeder Wehe anerkennend zu und ließ mich ansonsten machen. Sie hatte einige Papiere vor sich liegen und notierte immer mal wieder etwas. Zwischendrin schrieb sie mit einer Hebammenkollegin. Gegen Ende der Geburt kommt normalerweise noch eine Hebammenkollegin zur Verstärkung dazu.

Bei Haus- und Geburtshausgeburten ist diese Vorgehensweise sehr üblich. In Kliniken wird ja auch ein Arzt/ eine Ärztin zur Geburt dazu gerufen.

Ich weiß, dass eine Geburt aus drei Phasen besteht. Ob ich schon in der Übergangsphase sei, fragte ich meine Hebamme irgendwann. „Was glaubst du?“, fragte sie. In der Übergangsphase haben wohl viele Gebärende einen Durchhänger. „Naja. Würdest du mir jetzt einen Kaiserschnitt anbieten, würde ich ihn nehmen“, antwortete ich. Laura grinste: „Den machen wir nicht. Das schaffen wir auch ohne. Und ja, du bist in der Übergangsphase, würde ich sagen.“ Dann deutete sie auf meinen sich verändernden Bauch und sagte: „Weißt du noch, wie du vorhin noch nicht einmal an deinen Muttermund drankamst? Wenn du möchtest, kannst du jetzt noch einmal fühlen.“ Ich tat, wie geheißen. Schon nach wenigen Zentimetern spürte ich den Kopf des Kindes und war glücklich. „Da ist ja der Kopf! Der ist ja fast schon draußen!“

Selber tasten ist super, weil es einen einfach sehr motivieren kann, selbst zu spüren, wie tief das Baby schon gekommen ist.

Zwischendrin wurde es ungemütlich und ich wand mich in der Badewanne. „Es tut so weh“, sagte ich und versuchte irgendwie eine gute Position zu finden. „Ist in dieser [Standard] Badewanne überhaupt genug Platz? Kann ich die Beine weit genug auseinander machen, um mein Kind rauszubekommen?“ Laura blieb ganz cool und versicherte mir, dass der Platz definitiv ausreichen würde. Auch die liegende Position sei kein Problem, sagte sie. Durch das Wasser sei die Schwerkraft ein gutes Stück ausgehebelt. Ich könne ruhig so bleiben.

Ich hangelte mich von Wehe zu Wehe und verlor jedes Zeitgefühl. Die Abstände wurden langsam kürzer. In den Pausen versuchte ich Kraft zu sammeln. Hin und wieder unterhielt ich mich mit Laura, die mir immer an meinem Bauch erklärte, wie sich das Baby abstoßen und durch meinen Körper bewegen würde. Diese Erklärungen waren wundervoll. Ich konnte richtig in meinem Körper spüren, was sie von außen sah. Ab und zu hörte sie nach den Herztönen, die zum Glück immer gut waren.

Irgendwann ging Laura kurz raus. Mein Mann erzählte mir später, dass Laura ihre Hebammenkollegin anrief und ihr sagte, dass sie nicht mehr zu kommen brauche, weil das Baby gleich da sei. Ihn bat sie Handtücher zu holen und ins Bad zu kommen. Die Wehen taten wirklich weh, aber die Atmosphäre bei uns in der Wohnung war sehr entspannend. Ich wusste von ganzem Herzen jede Sekunde, dass es meinem Baby gut geht und dass alles genau richtig verläuft.

Auf einmal begann mein Körper zu pressen. „Dritte Phase!“, rief ich Laura zu. Sie lächelte mir aufmunternd zu und blieb ganz ruhig.

Eigentlich sprechen wir bei der Pressphase von der zweiten Phase. Die erste (Eröffnungsperiode) besteht allerdings aus drei Unterphasen: Latenzphase, Aktivphase und Übergangsphase. Die Zweite ist dann die Press- oder Austrittsphase und die Dritte ist die Plazentarphase. Ist aber auch ganz egal.

Die Fruchtblase platzte. „Ist das Fruchtwasser klar?“, fragte ich aufgeregt, aber tief in mir drin kannte ich die Antwort schon: Meinem Baby geht es gut. Laura bejahte seelenruhig. „Darf ich mitschieben?“, fragte ich. Ich durfte – und ich schob mit. Ich spürte, wie der Kopf durch meinen Körper schob. Als die Wehe wieder abflachte, verschwand der Kopf wieder in mir drin. Ich war kurz frustriert.

Ja, das geht ganz vielen Frauen so. Aber keine Angst: Was geschafft ist, ist geschafft. Bei der nächsten Wehe geht es sozusagen da los, wo es bei der vorherigen aufgehört hat. Nichts ist umsonst!

Dann, zwei Presswehen später, um 20.00 Uhr, war der Kopf da. Ein unglaubliches Glücksgefühl! Es war ein unglaublicher Anblick den Kopf zwischen meinen Beinen zu sehen. Die Haare des Babys waren dunkel und weicher als alles, was ich in meinem ganzen Leben je gespürt hatte.
Ich glaube, ich fing in dem Moment schon an zu weinen oder irgendwelche emotionalen Ausrufe zu machen. Das „Schlimmste“ war geschafft! Der Kopf ist immer das Größte und der war jetzt schon draußen! Ich fragte Laura, ob sie das Baby nicht bitte, bitte rausziehen könne, aber das ging natürlich nicht.

Wenn der Kopf da ist, wartet man ganz geduldig darauf, dass das Baby noch eine viertel Drehung vollzieht und die Schultern dadurch hinterher rutschen. Ziehen wäre in diesem Moment ein echter Kunstfehler.

Zwei Minuten später kam der Rest des Körpers, um 20.02 Uhr. Sophia war da! Sie war überhaupt nicht bläulich, sondern schweinchenpink und durfte sofort auf meine Brust. Philipp und ich hatten Tränen in den Augen. Wir küssten einander. Er streichelte den Kopf der Kleinen und ich kuschelte sie und betastete unser kleines Badewannenwunder.

Wir wurden mit Handtüchern zugedeckt. Mein Mann hatte einen Stapel weiße Handtücher geholt. Laura lachte ein wenig. „Dass es unbedingt die Weißen sein mussten“, sagte sie amüsiert. Die verfärbten sich ein wenig (sahen aber nach einer Wäsche genauso aus wie vorher).

Da die Nabelschnur nicht allzu lang war, hatte ich zuerst Schwierigkeiten mich bequem hinzusetzen und Mund und Nase des Babys außerhalb des Wassers zu halten. Nach dem Auspulsieren der Nabelschnur durfte ich sie durchschneiden. Die Schere, die ich dafür bekam, durften wir behalten.
Als nach ein paar Minuten die Plazenta noch nicht da war, wurde ich nervös und ungeduldig. Laura beruhigte mich: Die Plazenta habe eine Stunde Zeit. Sie tastete meinen Bauch ab und versicherte sich, dass die Plazenta wohl schon gelöst war. Sie bräuchte einfach noch einen Moment. Spätestens wenn ich mich aufrichtete, würde sie schnell kommen.

Philipp durfte sich mit unserem Baby schon einmal ins Bett kuscheln. Ich ging in die Hocke und zog nach Rücksprache mit meiner Hebamme ganz vorsichtig an der Nabelschnur. Und, siehe da, da kam die Plazenta sofort. Die Plazenta wurde in unseren Putzeimer gelegt. Laura half mir dabei mich abzuduschen. Ein wenig Duschgel und frisches (nicht zu heißes) Wasser wirkte Wunder. Dann kuschelte ich mich in ein Handtuch und wurde in unser Schlafzimmer begleitet, wo mein Mann mich schon mit unserem Baby erwartete. Auf dem Weg dorthin begann ich auf einmal massiv zu frieren und verspürte einen regelrechten Schüttelfrost. Dieses Phänomen kannte ich schon aus dem Wochenbett mit Kind 1 und 2. Ich wurde warm zugedeckt und bekam sofort eine Wärmflasche an den Rücken. Dann hörte es ganz schnell wieder auf.

Kein Wunder. Nach der Geburt haben einige Frauen leichte Kreislaufprobleme. Und direkt nach der Geburt duschen ist zusätzlich sportlich.

Wir hatten es geschafft! Hausgeburt! Und es hatte sich sicherer angefühlt als beide vorherigen Geburten. Wir waren glückstrunken.
Die U1 wurde durchgeführt und unsere kleine Sophia erreichte absolute Bestwerte bei Apgar-Score: 10-10-10. Wir waren glücklich. Sie war größer und schwerer als ihre Geschwister und schwerer als vorher geschätzt: 53 cm und 3.820g.
Wir bekamen auch die Plazenta gezeigt und erklärt.

Ja, macht das alle! Es ist so spannend, wenn man sich überwinden kann. Immerhin kann man dann sehen, wo das Kind gewohnt hat und wie es ernährt wurde. Das ist so faszinierend.

Danach untersuchte Laura mich und verkündete, dass sie gern den kleinen Dammriss ersten Grades nähen wolle. Ich wollte am liebsten nicht mehr angefasst werden und diskutierte mit ihr, ob man denn wirklich nähen müsse. Sie war sehr verständnisvoll und gab uns ein paar Minuten Zeit und ging ins Badezimmer. Dort putzte sie sogar die Badewanne, sodass man unserer Wohnung die Hausgeburt gar nicht mehr ansah.

Laura sah sich danach meinen Dammriss noch einmal an und erklärte, dass ein einziger Stich notwendig sei. Nun gut. Seufzend stimmte ich zu. Um ehrlich zu sein, war ich während dieses einen Stiches alles andere als eine Heldin. Man könnte sagen, dass ich mich ziemlich angestellt hatte. Ich war froh, als es vorbei war. Zum Glück hatte ich während des Nähens unser Baby im Arm als Ablenkung.

Das ist ganz normal. Nach der Geburt hat niemand Lust auch noch das winzigste Bisschen zu erdulden. Aber manchmal muss es sein. Und Wunden schwellen ziemlich schnell an. Daher ist es wirklich sinnvoll, das zügig zu machen.

Beim ersten Anlegeversuch hat die Kleine in meinen Armen eine Weile ordentlich gebrüllt. Wir sahen unsere Hebamme fragend an. Laura sagte, die Kleine müsse erst einmal von der Geburt „erzählen“ und richtig ankommen. Dann würde sie sich auch beruhigen und trinken. Und so kam es auch.

Laura blieb noch bis ca. 22.30 Uhr bei uns. Sollten wir sie in den nächsten Stunden brauchen, wäre sie weiterhin rufbereit. Nach ein paar letzten Anweisungen (zum Beispiel alle zwei Stunden aufs Klo zu gehen und vorher meinen Mann aufzuwecken) verließ sie uns.
Die Gebärmutter soll sich nach der Geburt stark zusammenziehen. Wenn die Harnblase voll ist, stört das die Gebärmutter bei der Arbeit. Daher ist es wichtig, sie immer schön klein – also möglichst leer zu halten.

Wir riefen unsere Eltern und Geschwister an, um die frohe Botschaft zu überbringen. Viele waren erstaunt, wie „normal“ ich trotz Geburt aussah. Dadurch, dass alles so schnell gegangen war, fühlte ich mich tatsächlich sehr fit. Außerdem hatte ich an dem Nachmittag (aus welchem Grund auch immer?) das Bedürfnis gehabt, Mascara aufzutragen (wasserfeste!).

Hahaha! Die perfekte Vorbereitung für eine Wassergeburt. Nein, im Ernst: Wenn eine Geburt schnell geht, kann sie trotzdem als anstrengend empfunden werden, aber die Erschöpfungskomponente fällt dann zumindest weg. Daher sehen Frauen nach schnellen Geburten oft so total unbeeindruckt aus.

Corona-Wochenbett

In den ersten zweieinhalb Lebensmonaten von Baby Sophia waren die Kindergärten für uns komplett geschlossen. Da Philipp sich nur ein paar Tage freinehmen konnte und ansonsten abwechselnd auswärts und im Homeoffice arbeiten musste, empfand ich die Zeit als echte Herausforderung.

Das glaube ich sofort. Die Krise hat Eltern allgemein sehr belastet. Aber mit Kitakindern und im Wochenbett. Puh!

Die Entschleunigung und die fehlenden Termine waren angenehm, aber es war schwierig unsere beiden Kindergartenkinder zu beschäftigen und zu versorgen, während ich mich um das Neugeborene kümmern wollte. Wir konnten maximal für kurze Spaziergänge vor die Tür.

Nach einer unangenehmen Mastitis (Brustentzündung) rieten Hebamme, Kinderärztin und Frauenärztin dazu, Hilfe von meinen Eltern, die in der Nähe lebten, anzunehmen. Nach mehreren Wochen der Isolation waren wir zuversichtlich, dass die Kinder keine Covid-19 Infektion hatten. Wir Erwachsenen hielten eh Abstand und vermieden alle unnötigen Kontakte. Dank deren Hilfe wurde Alles besser.

Gut, dass ihr die Möglichkeit hattet, euch unterstützen zu lassen. Das ist so hilfreich.

Körperlich erholte ich mich schneller von dieser Geburt, als von den Klinikgeburten. Es war eine unendlich erfüllende und schöne Geburt. Wir zehren noch Monate später davon und sind stolz darauf, dass wir so ein gutes Team waren: Unsere phantastische Hebamme, mein Mann, unser Baby und ich. Und es wurde genau der 20.03.2020, wie ich es mir gewünscht hatte.

Liebe Vanessa, vielen Dank für deine schöne Geschichte und weiterhin alles Gute für euch!

Jede Frau hat das Recht auf eine positive, selbstbestimmte Geburtserfahrung. Seit ich Hebamme geworden bin verhelfe ich Frauen dazu.
Ich bin Jana Friedrich, Mutter von zwei Kindern, Hebamme seit 1998 (und seit September 2020 mit B. Sc. of Midwifery), Bloggerin seit 2012, Autorin zweier Bücher, Speakerin und Expertin im Themenbereich Familie. Mit meiner Expertise unterstütze ich darüber hinaus auch Kulturschaffende, Firmen und Politiker*innen.
In diesem Blog teile ich mit dir mein Wissen und meine Erfahrung rund um Schwangerschaft, Geburt, Wochenbett und das erste Jahr mit Baby.
Du bekommst bei mir Informationen, Beratung und „Zutaten“ zur Meinungsbildung für eines der spannendsten Abenteuer des Lebens.

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5 Kommentare
  1. Avatar
    Christine sagte:

    Oh was für ein wunderbarer Bericht! Ich habe so mitgefiebert! Ich habe unser zweites Kind auch im Geburtshaus bekommen und plane für die dritte Geburt auch wieder, ins Geburtshaus zu gehen. Ich erinnere mich an meine so einfühlsame Hebamme (die zugegebenermaßen gar nicht so viel tun musste, weil alles so schnell ging ) und bin dann immer wieder froh, dass ich diesen Weg gewählt habe. Vor allem, wenn ich dann wieder Geschichten von Klinikgeburten höre….

    Vielen Dank Jana, für das Teilen dieses so bestärkenden Berichtes!

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    • Avatar
      Rakkers sagte:

      Da muss ich als Papa an unsere erste Geburt denken und werde ganz wehmütig. Ich denke mir, wieso um Himmels Willen sind wir in eine Klinik gefahren. Im Nachhinein betrachtet wurde einfach nur gehetzt, nachdem es nicht auf Anhieb geklappt hatte und das Zeitprotokoll etwas aus dem Rahmen lief. Am Ende wurde Druck aufgebaut weil die leitende Ärztin entgegen der Meinung aller anderen Anwesenden einen operativen Eingriff durchführen wollte.

      Vielleicht schreib ich darüber mal etwas ausführlicher in meinem Blog. Im Moment wühlt mich das ganze gerade so auf, dass ich gar nicht weiter schreiben mag. Es ist alles als wäre es gestern gewesen dabei sind jetzt schon Jahre vergangen.

      Das nächste Kind kommt ganz sicher nicht mehr in einer Klinik zur Welt und wird wohl auch von einer neuen Frau geboren. Leider hat es unsere Beziehung nicht geschafft.

      Ich wünsche den Eltern viel Glück und Erfolg beim groß ziehen der Kleinen und insbesondere dem neuesten Mitglied der Familie. Der Bericht hier war toll geschrieben, mitreissend und mitfühlend fahre ich jetzt den Computer herunter.

      Machts gut 🙂

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  2. Avatar
    tintenteufelchen sagte:

    Ach wie schön das zu lesen! Mein Kind wurde unter sehr ähnlichen Umständen zur selben Zeit geboren und ich kann mich in vielem hier wiederfinden. Sehr großes Glück aber auch besondere Herausforderungen. Ich hoffe wir werden mal alle herzlich lachen können über diese verrückten Zeiten in die es da hineingeboren wurde.

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  3. Avatar
    Maike sagte:

    Was für eine schöne Geburt! Danke für den Bericht. Meine Zwillinge, die man im Geburtshaus leider nicht empfangen wollte, waren sechs Wochen alt, als es plötzlich „Lockdown“ hieß. Während mein Mann täglich zur Arbeit fuhr (Homeoffice nicht möglich) fragte das große KiTa-Kind nur: „Mami, was spielen wir?“…

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