100 Jahre Hebammenschule Berlin-Neukölln

100 Jahre Hebammenschule Berlin Neukölln – eine Retrospektive

Vor kurzem besuchte ich eine sehr besondere Geburtstagsfeier: Meine alte Hebammenschule Berlin Neukölln beging ihren 100-jährigen Geburtstag. Etwas aufgeregt machte ich mich auf den Weg zu den Feierlichkeiten. Mir schossen so viele Erinnerungen durch den Kopf. Und mir wurde auch klar, wie viel sich für mich persönlich, aber auch in der Geburtshilfe generell, seit meiner Ausbildung verändert hat.
Hier erhielt ich ein solides Hebammenwissen – und die Erfahrungen von damals haben mich natürlich bis heute geprägt. Irgendwie bin ich ein bisschen stolz darauf, an dieser geschichtsträchtigen Ausbildungsstätte gelernt zu haben.

Und weil das so ist, möchte ich euch einen kleinen Überblick über die Geschichte “meiner” Hebammenschule geben.
Die folgenden Informationen stammen zum größten Teil aus der Ausstellung „Ein Beruf für’s Leben – 100 Jahre Hebammenschule Neukölln“, die momentan als Wanderausstellung in Berlin unterwegs ist. (Kann ich sehr empfehlen). Und weiter unten gibt es dann noch einige persönliche Anekdoten aus meiner Ausbildungszeit von vor 20 Jahren (-krass!).

Gründung der Hebammenschule

Am 1. Juli 1917 wurde sie gegründet, die „Landesfrauenklinik & Hebammenlehranstalt der Provinz Brandenburg“. Damals fanden noch circa 97% aller Geburten zu Hause statt und nur 3% in einer Klinik. 60 Jahre später verkehrte sich das Verhältnis bereits. Für den Beruf der Hebamme änderten sich die Anforderungen damals enorm.

Ausgangslage vor dem 2. Weltkrieg

Um 1900 leben in Rixdorf, dem heutigen Neukölln, vor allem Arbeiter in ärmlichen Verhältnissen. Die Menschen waren oft mangelernährt, die hygienischen Verhältnisse – auch auf Grund des beengten Wohnens – sehr schlecht. Die Sterberate für Säuglinge im ersten Jahr lag damals bei rund 15% (bei reichen Familien „nur“ bei ungefähr 3%)! Gleichzeitig sank die Geburtenrate. Um all dem entgegenzuwirken, sollte eine moderne Klinik mit Ausbildungsstätte errichtet werden. Die städtische Frauenklinik mit Hebammenschule wurde am Mariendorfer Weg geplant.

Die Bauphase des Krankenhauses begann 1914, trotz des ersten Weltkrieges, und endete 1917. Die Klinik enthält zwei Fünfbett- und zwei kleinere Kreißsäle. So können die Frauen – je nach gesellschaftlicher Schicht – mehr oder weniger komfortabel betreut werden. Nebenan lernen und wohnen die 80 Hebammenschülerinnen, die parallel an der Klinik ausgebildet werden.
Prof. Dr. Hammerschlag wurde der erste Chefarzt und Unterstützer der Hebammenausbildung.

Ausbildung

1920 entsteht das erste verbindliche Curriculum an dieser größten preußischen Hebammenlehranstalt. Die Ausbildung dauert 18 Monate. Zu dieser Zeit werden circa 85% aller Geburten ausschließlich von Hebammen betreut. Die Schülerinnen arbeiten von 6 bis 20 Uhr. Einen Nachmittag in der Woche haben sie frei.

100 Jahre Hebammenschule Berlin-Neukölln: Putte

Relief an der Fassade der Hebammenschule

Hebammen im Nationalsozialismus

Der jüdische Professor Dr. Hammerschlag erkannte die Zeichen der Zeit und konnte rechtzeitig nach Persien emigrieren. Sein Nachfolger Prof. Dr. Ottow ist bekennender Nationalsozialist, der im Namen der „Erbhygiene“ Massensterilisierungen durchführt.

Auch Hebammen lassen sich fürs „Deutsche Reich“ einspannen. Der Unterricht wird um Rassenkunde, Politik und Weltanschauung ergänzt. Gleichzeitig wird das Berufsbild der Hebammen gestärkt und überhöht. Hebammenverbände werden aufgelöst und Hebammen, nach einer Gesinnungsprüfung, unter der neu gegründeten „Reichsfachschaft Deutscher Hebammen“ zusammengefasst. Sie dienen fortan unter der „Reichsführerin der Hebammen“ Nanna Corti der rassistischen Bevölkerungspolitik des Nationalsozialismus.

Nachkriegszeit

1945 war das Gesundheitswesen innerlich und äußerlich in einem schlimmen Zustand.
Prof. Dr. Bracht wird der nächste Chef der Frauenklinik. Er erneuert die Belegschaft fast komplett und kann den Betrieb, trotz einiger zerstörter Gebäude, relativ bald wieder aufnehmen. Bracht eröffnet 1956 auch wieder die Hebammenschule, kann sie aber nur ein Jahr halten. Die Ressourcen sind einfach zu knapp.
Die gesundheitlichen Bedingungen in der Bevölkerung bleiben noch gute 10 Jahre lang sehr schlecht. Die Säuglingssterblichkeit liegt bei 5%.

Prof. Dr. Bracht legt Wert auf Forschung. Seine Manualhilfe bei Beckenendlage musste man als Neuköllner Hebammenschülerin im Schlaf aufsagen können.

(Beim Examensfest sangen wir sie zur Melodie von “Hejo, spann denn Wagen an”:
“He – oh!? – Der Steiß geht hier voran!
Gürtelförmig fassen wir ihn an.
Im Bogen um die Symphyse auf den Bauch der Mutter…“.)

Eigentlich hatte Bracht sogar schon erkannt, dass der Vier-Füßler-Stand die beste Position für die Entwicklung des Kindes bei Beckenendlage sei:

„Die Schwerkraft, die dem Austritt der Frucht beim Vierfüßler zugute kommt, indem sie die Rotation der Frucht um die Symphyse unterstützt, stört in der Rückenlage entscheidend von dem Moment an, in dem etwa die Hälfte des kindlichen Rumpfes geboren ist, und hat dadurch der Beckenendlage ihren ungünstigen Ruf eingetragen und so viele differente Hilfeleistungen heraufbeschworen.“
(Aus „Die Hebamme“, H Hippokrates Verlag, 2015)

Leider setzte er dieses Wissen nicht konsequent um. Das hätte uns einige Schleifen in der Beckendlagen-Betreuung erspart. Heute kommen wir glücklicherweise wieder auf dieses Wissen zurück.

Modernisierung und Vorreiterstellung

1952 wird die städtische Frauenklinik von der amerikanischen Kommandantur, und mit Unterstützung des Bezirksbürgermeisters Kurt Exner, neu ausgestattet. Die Gesundheit der Bevölkerung soll verbessert und die städtische Frauenklinik, zum Vorzeigekrankenhaus werden.
Gleichzeitig kommt der Oberarzt und spätere Klinikleiter Dr. Jung an den Mariendorfer Weg. Inspiriert durch die Erkenntnisse zur schmerzarmen Geburt von Dr. Dick-Read, bringt er neue Ideen mit in den Kreißsaal.

Aber nicht nur der Kreißsaal profitiert von den Neuerungen. Ganzheitliche Ansätze wie Beratungsangebote für Frauen und Geburtsvorbereitungskurse (damals noch primär Gymnastikangebote) tragen zu dem guten Ruf Neuköllns bei. Bekanntlicherweise verbessern sich in den 50er Jahren auch die allgemeinen Lebensbedingungen der Menschen in Deutschland. Das Wirtschaftswunder beginnt.
1957 kann auch die Hebammenschule wieder ihren Dienst aufnehmen.

Fokus auf’s Kind

Von 1976 bis 1991 war Prof. Saling Chefarzt im Mariendorfer Weg. Auf der 100. Geburtstagsfeier hielt er eine Rede, in der er einige seiner Innovationen erwähnte. Dr. Saling war ein Tüftler. Einige seiner Überlegungen waren wohl sehr experimentell und konnten sich (glücklicherweise) nicht durchsetzen. So erzählten ältere Kolleginnen z.B. noch von den Fruchtwasser-Austauschaktionen, die er bei grünem Fruchtwasser durchführen ließ.

Andere Errungenschaften werden bis heute genutzt. So war er der Begründer von Fetalblutanalysen, jenen Blutentnahmen vom Köpfchen des ungeborenen Kindes, mit denen man den Sauerstoffgehalt im kindlichen Blut bestimmen kann. Auch konstruierte er schon 1958 Geräte zur Beatmung von Neugeborenen.

Besonders machte sich Prof. Saling aber um die Verringerung der Säuglingssterblichkeit durch Prävention verdient. Frühzeitiges Verhindern oder Behandeln von Infektionen reduzierte die Kindersterblichkeit an „seinem“ Haus um 50%. Bis heute gilt Prof. Saling als Begründer der Perinatalmedizin (also die Versorgung der Schwangeren und (!) ihrer Kinder vor und nach der Geburt).

1978 wird das Haus erneut modernisiert. Es entsteht nun ein Vorwehenbereich und ein angeschlossener Sectio-OP. Früher befand sich der OP in einem anderen Trakt des Hauses. Die sieben separaten Kreißsäle sind zumindest mit Falttüren verschließbar und lassen sich von einem zentralen Arbeitsplatz aus überwachen. Dort fühlt man sich wie auf einer Kommandobrücke und hat einen guten Überblick über das Geschehen. An einer Stirnseite des Raumes hängt eine große Tafel, auf der alle Frauen, die sich unter der Geburt befinden, namentlich und mit allen wichtigen Befunden, angeschrieben werden. Aus heutiger Sicht ist das datenschutztechnisch natürlich skandalös. Das war auch zu meiner Zeit (Ende der 90er Jahre) dort noch so und hatte tatsächlich bis zum Umzug in die Rudower Straße (2002) Bestand. Wobei wir ab ca. 2001, zumindest nur noch den Anfangsbuchstaben des Namens aufschrieben…

Modern und zunehmend familienfreundlich

Von 1991 bis 2012 ist Prof. Vetter der leitende Chefarzt der Klinik und auch ärztlicher Leiter der Hebammenschule.
Seit den 80er Jahren bekommt (besonders in Berlin) die Hausgeburtshilfe neuen Aufwind. Die Ideen und Erkenntnisse aus der „Szene“ schwappen auch etwas in die Kreißsäle. Außerdem konkurrieren die Kliniken zunehmend um die Frauen. Die Geburtenraten sanken. Aber nicht in Neukölln: Der Mariendorfer Weg ist zu dieser Zeit einer der geburtenreichsten Kreißsäle Deutschlands.

Meine Zeit in der Hebammenschule

Von 1995 bis 1998 besuchte ich die Hebammenschule. Und nach der Geburt meiner Tochter (1999) arbeitete ich noch knapp zwei Jahre im Mariendorfer Weg als staatlich examinierte Hebamme.

Ich kann sagen, dass sich allein in diesem kurzen Zeitraum sehr viel veränderte: Als meine Ausbildung dort startete, wurden wir im Kreißsaal noch mit den alten Hebammenwerten und extrem dominanten Sprachcodes konfrontiert:

  • „Du bist eine gute Hebamme, wenn du in deiner Schicht, die Frau aufnimmst, entbindest und verlegst.“
    Das würde ich heute natürlich nicht so unterschreiben, denn eine Geburt braucht eben die Zeit, die sie braucht.
  • „Jetzt geh da mal rein und krieg das Kind!“
    Nee, die Frau bekommt das Kind! Wir unterstützen sie höchstens dabei…

Aber von den meisten alten Hebammen konnte man auch viel Sinnvolles lernen. Vor allem das Beobachten nicht so leicht messbarer Anzeichen.

Hebammenschülerinnen hatten immer fleißig zu sein und sich zu beschäftigen. So strömten wir morgens in den Kreißsaal, füllten alle Schränke auf, arbeiteten die Putzliste ab, räumten Medikamente in die Apothekenschränke, falteten Stoffwindeln und Babyklamotten und warteten dann ab, welche Aufträge die Hebammen, denen wir zugeteilt waren, für uns hätten.

100 Jahre Hebammenschule Berlin-Neukölln: Hebammenschülerin Jana Friedrich

Ich, 1997 – beim Baden eines Babys, auf der Wochenbettstation.

Der Kreißsaal war in drei Bereiche geteilt. Die Aufnahme, die Vorwehe (eine zum Kreißsaal gehörende Station, auf der sowohl Frauen mit Blasensprung oder beginnenden Wehen, als auch Frauen mit extremen Komplikationen in der Schwangerschaft oder drohender Frühgeburt aufgenommen wurden) und den eigentlichen Kreißsaal.

Kreißsaaldienste

Wir Schülerinnen mussten uns zu Schichtbeginn einigen, in welchem Bereich wir arbeiten wollten. Normalerweise ging jeweils eine in die Aufnahme und auf die Vorwehenstation und der Rest von uns in den Kreißsaal. Der Kreißsaal war am begehrtesten, aber auch am anstrengendsten.

Auch die 3-5 Hebammen (damals war die Besetzung noch gut) teilten sich auf und wählten sich dann ihre Schülerinnen aus. Was sie uns zutrauen konnten, sahen sie an unseren ampelfarbenen Namenbuttons. Deren Bedeutung war ungefähr:

  • roter Button = Unterkurs: kann Handreichungen machen und zusehen
  • gelber Button = Mittelkurs: kann schon einiges, muss aber noch gut beobachtet und angeleitet werden
  • grüner Button = Oberkurs: kann schon sehr selbständig arbeiten. Fragt nach, wenn sie nicht weiter kommt.

Aber die Hebammen kannten uns auch nach einer Weile gut und wussten dann, was sie uns zutrauen konnten. Und natürlich gab es auch Vorlieben, so dass man mit einigen sehr häufig zusammenarbeitete, wenn sich das irgendwie machen ließ.
Diese Hebammen nahmen uns wirklich gut an die Hand, erklärten uns Zusammenhänge und waren offen für unsere Ideen. Mit ihnen machte die Arbeit unglaublich viel Spaß und wir bekamen einen Schimmer davon, wie es eines Tages sein würde, als Hebamme zu arbeiten. Es gab Hebammen, die uns einfach in einen Kreißsaal stellten und sagten: “mach mal!“ Das Gefühl der Überforderung war ein ständiger Begleiter.
Und es gab einige „vom alten Schlag“, die uns rumkommandierten, uns nichts Wichtiges machen ließen. Aber das Machen war wichtig! Für das Erlangen unseres Examens mussten wir „Dammschütze“, also selbst betreute Geburten, sammeln. Wir sollten mindestens 40 Geburten selbst (mehr oder weniger) betreut haben.

Bei den ersten Geburten hatte eine erfahrene Hebamme immer ihre Hand auf unser, damit wir spüren lernten, wie sich so eine Geburt anfühlt und wie man Frau und Kind dabei am besten unterstützt.
Zu der Zeit war ein Dammschnitt aber mehr als üblich. Ich sah während meiner Ausbildung leider nur wenige Geburten ohne. Ich weiß noch, wie erstaunt ich später war, als ich merkte wie gut sich so ein Damm tatsächlich dehnt, wenn man ihn nur lange genug in Ruhe lässt und die Frau nicht zum “Powerpressen” anleitet.

Geburten in den 90ern – Schülerinnensicht

So erpicht wir darauf waren, Geburten eigenständig zu betreuen, so kompliziert war das Ganze drum herum. Vor allem das Timing war anfangs schwer. Waren wir der Meinung, das Baby käme nun, mussten wir uns komplett vermummen: Kittel, Häubchen und Mundschutz anlegen und natürlich die sterilen Handschuhe anziehen. Danach durfte man logischerweise nichts mehr anfassen. Das heißt, wir warteten mit erhobenen Händen auf das Baby. Da wir wenig Erfahrung hatten, zogen wir uns oft viel zu früh an und schwitzten dann ewig unter der Komplettvermummung. Nicht ohne von den erfahrenen Hebammen dafür aufgezogen zu werden.
Warteten wir hingegen zu lange, gelang es uns nicht, uns ordnungsgemäß anzuziehen und wir nahmen ein Kind mit nur halb angezogenen Handschuhen entgegen, was uns ebenfalls viel Spott einbrachte. Dieser Moment war immer heikel. Aber irgendwann hatten wir es raus.

Auch die „rituellen Waschungen“, die wir damals noch kurz vor dem Durchtritt des Köpfchens an Damm und Scheide ausführen mussten, erscheinen mir aus heutiger Sicht ganz schön absurd. Eine Geburt ist ja kein steriler Vorgang. Und mir würde es heute nicht mehr einfallen, eine Frau während des Pressens mit unnötigen Wischereien an den Labien zu stören. (Der warme Waschlappen auf dem Damm ist eine andere Geschichte.) Natürlich war die „Steinschnittlage“ (also die Rückenlage) damals noch die häufigste Geburtsposition.

Ich muss allerdings sagen, dass ich Prof. Vetter als sehr innovativen Chef erlebt habe. Er war (meines Wissens nach) der erste Berliner Chefarzt, der eine Gebärwanne anschaffte und einige Hebammen zur Wassergeburtsschulung schickte. In seiner Zeit wurden die Kreißsäle verschönert (grüne Kacheln gegen bunte Wände ausgetauscht.) Und es wurden endlich richtige Kreißsaaltüren angeschafft, die deutlich mehr Privatsphäre brachten.

Die Geburten, die man gemeinsam mit ihm betreute waren immer sehr ruhig und entspannt. Ich erinnere mich noch gut an eine Hockergeburt (damals nicht grade die häufigste Gebärposition), bei der er in einer Ecke auf dem Boden saß und bei jeder Dezelleration (also jedem Abfall der kindlichen Herztöne) im CTG nur väterlich, aufmunternd nickte. Er legte sehr viel Wert auf evidenzbasierte Handlungen. Man hatte bei ihm relativ große Spielräume, wenn man sein Handeln denn gut begründen konnte.

Aber meine absolute Lieblingsärztin war Frau Dr. Nierhaus. Sie war so etwas wie die heimliche Chefin des Kreißsaals. Man nannte sie auch “die Frau mit den goldenen Händen”. Ich glaube die Bäuche waren für sie durchsichtig. Ihre Erfolgsrate bei Wendungen von Beckenendlagenkindern lag weit über den üblichen 50%.
(Bei meiner Tochter gelang es ihr nicht, aber immerhin verhalf sie mir, gemeinsam mit meiner Hebamme Anke Buhtz, zu einer wunderschönen Beckenendlagengeburt.)

Schule und lernen

Und dann waren da noch unsere großartigen Lehrhebammen. Frau Geist (die Schulleiterin), Frau Kahf, Frau Gorontzy und Frau Stiefel. Unser „Kleeblatt“, unsere Vier. Sie lehrten uns all das wichtige Hebammenwissen, sie bewirkten, dass man weiterhin das Gefühl hatte, den großartigsten Beruf der Welt zu erlernen. Und das war wichtig, denn oft kam man von einem Einsatz, der so furchtbar war, dass man glaubte, alles hinschmeißen zu müssen.
Drei von ihnen traf ich auf den Feierlichkeiten zum 100sten Geburtstag der Schule wieder, was für mich der schönste Moment dieses Tages war. <3

Als Schülerin war man das kleinste Rädchen im streng hierarchisch aufgebauten Klinikleben. Wir waren Befehlsempfänger und Botengänger, Putzkräfte und Fußabtreter. Wir wurden mit Situationen konfrontiert, die uns emotional an unsere Grenzen brachten. Manchmal auch darüber hinaus… Viele Male schlichen wir weinend nach Hause.

Aber es gab auch die wunderbaren Momente mit den Familien, die alles wieder aufwogen. Wir gaben Alles für dieses Gefühl, einen Unterschied an diesem einen Tag im Leben dieser Menschen gemacht zu haben. Manchmal gab es natürlich auch Lob von Hebammen und Ärzten. Dann schwebten wir stolz und mit erhobenen Köpfen nach Hause. Uns wurde gesagt, dass die Aufgaben des Tages ohne uns nicht möglich gewesen wären. Es gab Lob, dass wir eine Situation gut eingeschätzt hätten, dass wir richtig gut gearbeitet hätten, dass man froh war uns zu haben.

Und wir hatten auch unglaublich viel Spaß, wenn das richtige Team zusammenkam. An den seltenen Diensten, an denen mal nichts los war, beschrieben wir die Tafel mit absurden Namen und fiktiven Befunden und amüsierten uns beim Schichtwechsel über die großen Augen der Kolleginnen, die panikartig überlegten, was nun zuerst zu tun sei. Bis eine von uns losprusten musste und der ganze Schwindel aufflog.

In den Schulwochen tauschten wir uns über Erlebtes aus, munterten uns auf, reflektierten und diskutierten unsere Erfahrungen. Es war ein toller Kurs – sehr heterogen was Alter, Bildungsstand, Erfahrungsschatz und Familiensituation betraf. Ich war nicht das Kursküken, aber eine der Jüngeren. Und ich bin sehr dankbar, dass ich auch mit Frauen lernen konnte, die selbst schon Kinder hatten, und oft eine ganz andere Sicht auf die Dinge beisteuern konnten. Gemeinsam hinterfragten wir bestehende Strukturen und erarbeiteten eigene Regeln. Ich denke, hier formten sich unsere „Hebammenpersönlichkeiten“.

Zurück in die Zukunft

Nach der Ausbildung habe ich – wie gesagt – noch einige Zeit im Mariendorfer Weg gearbeitet und lernte die andere Seite der Ausbildung kennen. Nämlich die, fertige Hebamme zu sein und nun Schülerinnen im Kreißsaal anzuleiten. Ich fand das toll. Denn es brachte einen dazu, sein eigenes Handeln auch immer wieder zu reflektieren und zu hinterfragen. Dann wechselte ich ins Auguste-Viktoria-Krankenhaus. Kurz danach zogen der Kreißsaal, die Kinderklinik und die Hebammenschule ins Neuköllner Krankenhaus um, wo sie seither sind.

Auch heute lernen dort wieder motivierte Frauen ihr Handwerk. Dass das noch weitere 100 Jahre so sein wird, ist jedoch unwahrscheinlich. Der Hebammenberuf ist erneut im Wandel begriffen: Schon jetzt gibt es ein duales Studium. Bis 2020 soll das eigentlich einheitlich so sein. Ich glaube jedoch nicht, dass das bis dahin deutschlandweit so umgesetzt werden kann. Denn es gibt bislang viel zu wenige Studienplätze. Und wie es aussieht setzt die Politik weiter auf die Ausbildung, um den Mangel an Hebammen auszugleichen.

Ich sehe den Wandel gemischt. Die Akademisierung finde ich großartig. Aber ich sehe auch die berufspolitischen Probleme, die zunächst aus dem Weg geräumt werden müssen. Denn gerade gut ausgebildete, studierte, junge Frauen, werden sich schnell umorientieren, wenn sie merken, dass man sie für wenig Geld und bei schlechten Bedingungen verheizt. Bei allem Idealismus und aller Liebe zum Beruf: Das werden sie sich nicht bieten lassen. Und das ist richtig so.

Und dennoch…

gratuliere ich ganz herzlich der Hebammenschule Berlin Neukölln! Ich wünsche uns weiterhin gute Ausbildungsmöglichkeiten und motivierte und kritische SchülerInnen, die die Geburtshilfe besser machen. Und ich hoffe, dass in 100 Jahren jemand von der wunderbaren Weiterentwicklung unseres Berufes berichten wird.



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2 Kommentare
  1. Beatrice Gosny
    Beatrice Gosny sagt:

    Wie schön beschrieben und sehr sehr realistisch.. das komplette vermummen bei spontanen Geburten habe ich total vergessen…
    Erinner mich noch zu gern an den Spaß mit der vollgekritzelten Tafel mit den obstrusen Befunden..
    Habe gern mit dir als frischgebackene Hebamme gearbeitet… bzw dann ja auch noch nach meinem Examen 2001.. blieb ja bis Sommer 2002 und zog dann nach München..
    Haben sich Frau Geist und Frau Gorontzy sehr verändert?
    Und weißt was von den anderen Kolleginnen ? Jolanta? Beata? Marion? Frau Gielnik?
    Liebe Grüße nach Berlin!! Nun aus Köln..
    arbeite hier nur in Vor- und Nachsorge..
    Mittlerweile auch 2 Mädels (6&4) die hoffentlich den Beruf der Hebamme noch ev erlernen/ studieren könnten.. würden die Umstände humaner….
    Beatrice

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    • Jana Friedrich
      Jana Friedrich sagt:

      Liebe Bea, wie schön – und danke!
      Frau Geist, Frau Kahf und Frau Stiefel haben sich gar nicht verändert. Ich habe ein schönes Foto gemacht, aber vergessen zu fragen, ob ich es hier veröffentlichen darf :-( Frau Gorontzy war leider nicht da.
      Jolanta ist Kreißsaalleitung. Von den anderen Kolleginnen weiß ich nichts.
      Auch sonst waren leider wenige aus unserer Zeit dort. Aus anderen Jahrgängen waren ganze Kurse angereist…
      Dann ganz liebe Grüße nach Köln!
      Melde dich mal, wenn du wieder mal hier bist.
      LG
      Jana

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