Geburtsbericht: Achterbahnfahrt im Kreissaal

Achterbahnfahrt im Kreissaal – ein turbulenter Geburtsbericht

In Deutschland werden die meisten Kinder in der Weihnachtszeit gezeugt und kommen dementsprechend im September zur Welt. Naja – diese langen, dunklen, aber auch sehr gemütlichen Winterabende… So war es auch in diesem unglaublich spannenden Geburtsbericht, den mir Nicole geschickt hat. Sie lebt in Bayern, plante aber eine Hausgeburt in ihrer weit entfernten Lieblingsstadt Köln. Spoiler: Das mit Köln hat geklappt. Der Rest lief jedoch völlig anders, als geplant. Denn im Verlauf einer Schwangerschaft können sich bestimmte Risiken, in diesem Fall Symptome einer Präeklampsie (Schwangerschaftsvergiftung), entwickeln, die eine Hausgeburt dann verbieten. Für Nicole war das erst einmal ganz schön enttäuschend. Aber sie hat sich berappelt und das Beste daraus gemacht. Außerdem hatte sie mit ihrem Mann und ihrer Hebamme ein grandioses Geburtsteam an der Seite. Was konnte da noch schiefgehen?
Hier kommt Nicoles Geburtsbericht, wie immer mit kleinen Anmerkungen von mir in lila.

Vorgeschichte

In den kuscheligen Weihnachstnächten im wunderschönen Kölle haben wir wohl unser erstes Baby gemacht.

10. Januar
Zurück in Bayern (hier wohnen wir zurzeit): Im Fernsehen läuft das Haie-Spiel (Eishockey), während ich im Bad einen Schwangerschaftstest mache, da alle Anzeichen für die Periode da sind und nicht mal der morgendliche Sex diese eingeläutet hat. Total entgeistert stehe ich mit dem positiven Test im Wohnzimmer. Hubertus: „Bist Du etwa schwanger?“ – „ich glaub schon…“ Er springt auf und breitet beide Arme aus und ruft laut: „Na dann, HERZLICHEN Glückwunsch!!!“ und ein Dauergrinsen ist in den nächsten 48 Stunden auf seinem Gesicht.

Im falschen Film

21. Januar – 5. SSW
Erster Termin bei einem uns unbekannten Gynäkologen. Fruchthöhle auf dem Sono ist zu sehen, soweit alles gut – Reaktion auf die geplante Hausgeburt: „Es sind Sekunden, die über das Leben ihres Kindes entscheiden können – das ist unverantwortlich!“ Ich bin geschockt.

Zu Recht. So eine Aussage ist echt unmöglich.

10. Februar – 8. SSW
Zweiter Termin beim Gynäkologen. Nach dem Sono, auf dem wir das Herzchen haben schlagen sehen, (*wisch Tränchen weg) kommt ein knallhartes Verkaufsgespräch für eine Nackenfaltenmessung. Ich werde plötzlich geduzt und mit dem Vornamen angesprochen. Es kommen Sprüche wie: „Für einen Kinderwagen gibst Du auch mehrere hundert Euro aus, warum erst nach der Geburt für den Nachwuchs investieren?“ – Jetzt ist es glasklar, ich brauche einen neuen Gynäkologen!

Sehr gut. Das ist ganz schlechter Stil. Und vor allem nicht sehr professionell.

Hebammensuche & Planung des Geburtsortes

4. März – 11. SSW
Termin im hiesigen Geburtshaus – mit der leitenden Hebamme spreche ich über meine Pläne und Wünsche. Wir möchten in Köln entbinden, wo unsere Familie und Freunde sind, und auf dass unser Baby ein Kölnerchen wird. Beleghebamme und Hausgeburt habe ich schon als zu kompliziert abgeschrieben. Sie erzählt mir, dass sie nur Frauen zur Entbindung im Geburtshaus annimmt, die es wirklich wollen. Sie fragt mich: „Wie möchtest Du Dein Kind bekommen? – Kämpfe dafür!“

Sobald ich wieder zuhause bin, schreibe ich e-mails und telefoniere was das Zeug hält. Noch am gleichen Abend telefoniere ich fast 1 Stunde mit Hebamme Claudia: „Ihr wohnt & arbeitet in Ingolstadt und wollt eine Wohnung in Köln mieten für eine Hausgeburt? – Ihr spinnt ja, finde ich gut!“
Ich finde sie auch gut und hoffe, dass Hubertus auch so gut mit ihr klarkommt.

21. März – 14. SSW
Wir lernen Claudia persönlich kennen – es passt!!! Sie wird unsere Hebamme und macht unsere Vorsorge alle 4 Wochen samstags, was für ein Service. Die zwei Termine zum Sono mache ich bei meiner Kölner Gynäkologin. Dem Projekt „Kölner Hausgeburt“ steht nichts mehr im Weg – dachte ich zumindest. In unserem Umfeld gibt es viel Gegenwind: von unverantwortlich über naiv bis egoistisch, viele Angstmacher-Geschichten und hitzige Diskussionen. Das hat mich sehr traurig gemacht, aber gleichzeitig hat es Hubertus und mich noch mehr zusammenwachsen lassen.

Das ist keine Seltenheit. Am besten man schottet sich dann emotional etwas ab. Hauptsache ihr beide wart euch sicher.

Provisorischer Umzug nach Köln

1. August – 33. SSW
Nach einer komplikationslosen Schwangerschaft bin ich pünktlich zum Mutterschutz mit unserem „Laserchen“ und meinen Wassereinlagerungen in Köln angekommen. Ja, unser Kind (dessen Geschlecht wir nicht wissen) soll Laser heißen, Hubertus ist Physiker und da es letztendlich von einem Standesbeamten entschieden wird, habe ich diesem Namen großzügig zugestimmt. Wir machen noch einen Geburtsvorbereitungskurs mit Claudia und melden uns vorsorglich im Krankenhaus an. Im Kurs lernen wir, dass jede Geburt den Achterbahn-Punkt hat: die Bügel klappen runter und man kann nicht mehr aussteigen – ich fahre gerne Achterbahn!
Hubertus kommt jedes Wochenende nach Köln und umso näher die Geburt rückt, desto länger werden die Wochenenden.

Das hört sich sehr schön an! Hmm, aber dolle Wassereinlagerungen?!

Ein Schwangerschaftsrisiko entsteht

28. August – 36. SSW
Hubertus Geburtstag mit Überraschungsparty – ich jammer kräftig den ganzen Tag über Kopfweh und Kreislaufprobleme. Um 16 Uhr geht er dann endlich alleine zu seiner Schwester, damit ich mich „ausruhen“ kann. Vorher nimmt er mir allerdings das Versprechen ab, Claudia über die Blutdrücke zu informieren. Sie reagiert nicht ganz so cool wie ich dachte, sie erlaubt die Überraschungsparty mit der Prämisse, dass wir am nächsten Morgen ins Krankenhaus zur Kontrolle gehen. Die Party war ein voller Erfolg, wir haben bis 4 Uhr morgens gefeiert.

Bei hohen Blutdrücken, Ödemen und Kopfschmerzen denken wir Hebammen natürlich gleich an eine hypertensive Erkrankung = Präeklampsie – im Volksmund: Schwangerschaftsvergiftung. Das muss wirklich zeitnah, am besten gleich im Krankenhaus, kontrolliert werden. Es ist nämlich so, dass diese Erkrankung einen sehr dramatischen Verlauf (mit Krampfanfall und Organversagen) nehmen kann. Wenn daher bestimmte Laborwerte sehr stark ansteigen und andere absinken, muss das Baby sofort per Kaiserschnitt geholt werden. Denn nur die Beendigung der Schwangerschaft dämmt dann auch die Erkrankung ein. Aber keine Angst: das kommt nicht oft vor. Leichte Ödeme entwickelt fast jede Schwangere. Nur die Kombination von mehreren Symptomen, macht uns dann stutzig.

29. August – 37. SSW
Im Krankenhaus wird Eiweiß im Urin nachgewiesen, zu hoher Blutdruck und grenzwertige Leber- & Nierenwerte zu meinen massiven Wassereinlagerungen. Ich muss mich am Montag ambulant vorstellen: für 24h-Blutdruck-Messung, sowie 24h-Urin.

Genau, das sind die Präeklampsie-Symptome. Warum manche Frauen das entwickeln, ist noch nicht endgültig geklärt. Man kann dann nur hoffen, dass die Geburt vorangeht, oder man muss sie einleiten. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit. Wenn die Laborwerte ansteigen, muss gegebenenfalls ein Kaiserschnitt gemacht werden.

Während wir im Krankenhaus sind, fährt eine Frau gerade „Achterbahn“ und ihr Tönen klingt tatsächlich wie das Kreischen im Looping. Kurze Zeit später ist die Frau still und stattdessen schreit ein Baby. Hubertus und ich lächeln uns an.

Einweisung in die Klinik

2. September
17 Uhr. Kardiologe, Hausarzt und Gynäkologe sind sich einig: ich muss ins Krankenhaus. Diagnose Schwangerschaftsvergiftung. Ich bin total traurig und gehe in unsere Wohnung, um die Krankenhaustasche zu packen. Um 21 Uhr hole ich Hubertus am Bahnhof ab. Beim gemeinsamen Abendessen erzähle ich ihm alles, aber der Knoten will nicht platzen, ich bleibe stark und hoffe insgeheim noch auf eine Hausgeburt.

3. September
Wir nehmen natürlich das Krankenhaus in dem Claudia Beleghebamme ist, sie hat uns schon angemeldet. Hier heißt es: CTG 4-5 mal am Tag, erneute 24h-Blutdruck-Messung, tägliche Blutabnahme und Urinkontrollen. Die erste Nacht ist kein Familienzimmer frei, aber ab Freitag ist Hubertus dann die ganze Zeit bei mir. Die Zeit vergeht wie Kaugummi, die Kommunikation zwischen Station und Kreissaal ist verbesserungswürdig und ich hoffe bei jeder Visite darauf, dass ich nach Hause darf.

Leider ist es eher nicht so, dass sich dieser Zustand noch mal verbessert. Vielmehr überwacht man, wie lange es noch OK ist.

4. September
Abends kommt Claudia. Sie akupunktiert mich und macht irgendetwas bei der Untersuchung – ich weiß nicht mehr was es war. Es war leicht schmerzhaft und hat sich angefühlt, als ob sie mit ihrem Finger einen Kreis in meiner Scheide gezeichnet hätte.

Sie hat sicher eine Eipollösung gemacht. Hierbei löst man die Eihäute (also die Fruchtblase) von der Innenseite der Gebärmutter, beziehungsweise des Gebärmutterhalses ab. Die Idee dahinter ist, dass dabei Prostaglandine, also Wehen fördernde Hormone, abgegeben werden. Tatsächlich funktioniert das häufig. Aber die Prozedur ist immer ziemlich schmerzhaft. In der Regel bespricht man das aber natürlich vorher und macht es nicht einfach so.

Claudia erklärt mir, dass die Geburt nicht losgeht, bis ich mit meinem Kopf im Krankenhaus ankomme. Ich habe Angst vor einer Einleitung und bin bereit alles zu versuchen! Nachts mache ich das nervige Blutdruckgerät ab und überrede Hubertus mit mir zu schlafen.

Das ist manchmal eine ganz gute Geburtseinleitungsmethode. Sowohl auf Grund der Kontraktionen beim Orgasmus, als auch, weil in der Samenflüssigkeit ebenfalls Prostaglandine enthalten sind. Wer mehr über die verschiedenen Einleitungsmöglichkeiten wissen möchte, liest den Artikel „Hilfe ich bin drüber! Geburtseinleitung: ja oder nein?“.

5. September – 38. SSW
9 Uhr. Nach dem ersten – wie immer völlig unauffälligen – CTG rede ich mit unserem „Laserchen“ und fordere es auf einfach rauszukommen und dem Ganzen ein Ende zu setzen. Hubertus schimpft mit mir und sagt, dass ich die Verantwortung nicht abgeben kann, und dass es an mir liegt, mich locker zu machen – ich weine, ENDLICH! Wir reden über meine Ängste: die Krankenhaus-Abwärtsspirale, angefangen mit Intervention über Wehen fördernde oder Wehen hemmende Mittel, bis zum Kaiserschnitt.

Einleitung

14 Uhr. Beim dritten CTG kommt die Assistenzärztin dazu, die Blutdruckwerte liegen vor, es sind Spitzen von 220/160 dabei, ich soll sofort ein Blutdrucksenker nehmen. Sie hat auch allerlei Papierkram dabei… Ich soll jetzt einen Rizinusöl-Cocktail nehmen und wenn das nicht wirkt, wird um 16 Uhr medikamentös mit Cytotec eingeleitet.

Der Rizinuscocktail ist ein Gemisch aus Rizinusöl und weiteren Bestandteilen, wie Mandelmus und Orangensaft, die jeweils von den Vorlieben der Behandelnden abhängen. Der Cocktail hat eine stark abführende Wirkung. Dadurch, dass der Darm kräftig kontrahiert, soll der danebenliegende Uterus dazu angeregt werden, das Gleiche zu tun, also Wehen erzeugen.

Cytotec (Misoprostol) ist das am häufigsten verwendete Einleitungsmedikament. Es kann unkompliziert als Tablette genommen werden und wirkt stark anregend auf die Uterusmuskulatur. Allerdings ist das Medikament ursprünglich als Mittel gegen Magengeschwüre hergestellt worden und bisher offiziell noch nicht für den Gebrauch an Schwangeren zugelassen. Es wird allerdings schon seit 20 Jahren angewandt und als sehr sicher eingeschätzt.

Die Kreißsaalärztin erklärt den „off-label-use“ von Cytotec sehr ausführlich und geht kurz auf die Nebenwirkungen (zu starke Wehen, Wehenhemmer, Verschlechterung der kindlichen Herztöne, Kaiserschnitt) ein.
Alles was ich höre ist Kaiserschnitt. Ich frage ganz ruhig nach den Beipackzetteln für das Blutdruckmedikament und Cytotec – ich ernte ein „Warum?“ und eine hochgezogene Augenbraue. Der Beipackzettel für Cytotec macht ja keinen Sinn, da es ein off-label-use ist. Als wir nach dem Gel fragen, wird uns erklärt, das sei zu teuer und wird nicht vorgehalten.

Ähm, zu teuer?! Das war die Begründung? Ja – es ist teurer, aber es wird durchaus als Alternative zu Cytotec gegeben.

Hubertus spürt, dass ich mit dem Rücken an der Wand bin und erklärt der Assistenzärztin, dass wir das gerne unter vier Augen besprechen und vorher auch Claudia anrufen möchten. Kaum ist sie raus, fange ich an zu weinen. Was ist, wenn die hier im Krankenhaus Claudia und Hubertus rausschmeißen, mich ausknipsen und das Laserchen aus mir rausschneiden?

Nein, das passiert natürlich nicht. Keiner wird rausgeschmissen. Das ist jetzt eine rein angstgesteuerte, aber wirklich unrealistische Denke. Kann aber mal passieren, wenn man so am Limit ist. <3

Ich will hier weg! Claudia wird angerufen und beruhigt mich: „Ich bin jetzt für euch da und ich gehe nicht, bis euer Laserchen da ist. Mach Dir keine Sorgen, mich wirst Du nicht mehr los!“
Sie ist sehr sauer darüber, dass dem Rizinusöl-Cocktail nur zwei Stunden Zeit gegeben werden soll und meint, dass sie sich darum kümmern wird. Heute wird auf jeden Fall gar nichts mehr passieren. Ich soll spazieren gehen und mich entspannen.
Ein bisschen beruhigt gehen wir irgendwann schlafen.

Klasse, wenn man so eine tolle Beleghebamme hat, die sich einerseits wie eine Löwin vor einen stellt und bewacht, andererseits aber auch die medizinischen Fakten im Auge behält.

6. September
Um 10 Uhr das erste unauffällige CTG, danach mein Cocktail (Rizinusöl, Nutella, Pfirsichsaft und Sprudelwasser) – ziemlich ekelig, aber ohne abführende Wirkung.
12 Uhr. Im zweiten CTG sind drei Wehen zu sehen, ich spüre nichts.
Um 15 Uhr kommen die Schwiegereltern mit Kuchen und wir gehen spazieren. Ich bilde mir ein, zwei Wehen zu spüren.
16 Uhr. Im dritten CTG sind ganze sechs Wehen zu sehen und ich habe sogar was gespürt.

Ein schöner Abend

Danach meint die Stations-Hebamme: „Macht euch doch einen schönen Abend, ihr seid ja schließlich keine Gefangenen hier!“ Die mag ich! Mit einer Restaurant-Empfehlung und dem Versprechen um 20 Uhr wieder zurück zu sein, stiefeln wir los.

Das ist ja wirklich besonders. Das habe ich noch nie gehört.

Ich brauche 40 Minuten bis zum Restaurant und habe sogar drei Wehen. Im Restaurant angekommen, studiere ich die Karte auf der Suche nach einer Hauptspeise. Hubertus fragt, ob ich überhaupt lese oder nur noch Wehen hätte. Letzteres ist der Fall. Soll er die Abstände stoppen? Quatsch, das dauert jetzt noch Stunden, vielleicht Tage! Ich gucke auf die mit rotem Samt bezogene Bank auf der ich sitze und lasse mir Hubertus Regenjacke geben, um mich darauf zu setzen.

Das ist sehr rücksichtsvoll. ;-)

Blasensprung

19 Uhr. Hubertus erzählt mir was Lustiges und ich lache laut. Mitten im Lachen schlägt mir eine „Männerfaust“ von innen ins Becken und im Lachen fange ich an Tränen zu weinen. Meine Unterhose ist nass. Oh Gott, ich habe mir in die Hose gemacht vor Schmerzen? Wie peinlich. Ich sage Hubertus, dass ich auf Toilette nachgucken will, ob es Fruchtwasser oder Urin ist. Auf Toilette bin ich genauso schlau wie vorher, es ist nass! Hubertus leert sein Kölsch und bittet darum, dass unser Essen, sobald es fertig ist, eingepackt wird. Das halbe Restaurant bekommt es mit. Er bekommt viele Glückwünsche und ein zweites Kölsch.

Mir ist das alles peinlich und ich will draußen auf das Essen warten. Nach 20 Minuten will ich ein Taxi, oder einen Krankenwagen, scheiß auf das Essen! Nein, das Essen ist fertig und der Besitzer fährt uns höchstpersönlich ins Krankenhaus.

Wie wunderbar! Ich glaube, ich bin ein bisschen in die Kölner verliebt.

19:30 Uhr. Direkt durch zum Kreissaal, die nette Hebamme von vorhin geht mit mir aufs Klo und sagt bestimmt: „Das ist Fruchtwasser und kein Urin.“ Ich tausche Rock, Schuhe und Stützstrümpfe gegen ein Netzhößchen. Die Untersuchung ergibt: Muttermund bei 3 cm und das Köpfchen liegt fest im Becken. Sie bietet einen Buscupantropf über meinen prophylaktischen Zugang an. Ich gucke erschrocken zu Hubertus. Ich will keine Intervention! Alternativ könnte ich auch Spascupreel bekommen und in die Wanne. Das finde ich besser und Hubertus entscheidet, dass wir das möchten.

Ich kann nur spekulieren und vermute, dass der Muttermund einfach sehr fest war. Buscupan und Spascupreel wirken allgemein entkrampfend, machen aber auch den Muttermund weich, wenn durch die Wehen schon genug Druck ausgeübt wird. Du hättest beides nehmen können. Es ist weder etwas „Schlimmes“ noch etwas, das eine Interventionskaskade auslöst. Aber ich verstehe deine Angst davor. Und es ist ja auch vollkommen in Ordnung, etwas abzulehnen, beziehungsweise die Wanne als sehr passende Alternative zu wählen.

Auf Drängen der Hebamme wird ein CTG im Liegen (auf der rechten Seite) geschrieben – ich will nicht liegen!
Da die Herztöne nicht gut sind, überreden mich Hubertus und die Hebamme dazu, in einer Wehenpause auf die linke Seite zu wechseln.
Hubertus schreibt Claudia eine Nachricht. Die Assistenzärztin kommt und nimmt mir unter einer Wehe Blut ab. Ich habe das Gefühl ich bin im falschen Film. Die Schmerzen werden immer schlimmer: Ich kann nicht atmen, nicht reden, nur schreien und weinen. Ich sehe wie verzweifelt und hilflos Hubertus an meiner Seite steht. Ich möchte ihm helfen, ihn beruhigen, aber da kommen schon wieder Wehen und so ein unglaublicher Druck.

Das finde ich immer bemerkenswert: die Frau hat Wehen und kann schon gar nicht mehr richtig sprechen, sorgt sich aber noch um ihren Partner. Das ist ein sehr häufiges Phänomen. Für die Begleitperson ist es daher wichtig, auch gut vorbereitet in die Geburt zu gehen. In einem Geburtsvorbereitungskurs werden ja all diese Situationen besprochen, mit denen er (oder sie) sich konfrontiert sehen wird. Auch in meinem Buch: „Das Geheimnis einer schönen Geburt habe ich den Partnern ein eigenes Kapitel gewidmet, damit sie sich gerade auf solche Phasen der Geburt gut einstellen können.

Pressdrang

Die Hebamme fragt, ob ich schon das Bedürfnis habe zu pressen. Ich erkläre ihr, dass es sich anfühlt wie ein Stuhlgang nach tagelanger Verstopfung, der auf den ganzen Beckenboden drückt. (Hubertus klärt mich nachher darüber auf, dass ich überhaupt kein Wort gesprochen habe.) Die Hebamme versucht mich unter einer Wehe zu untersuchen. Ich trete nach ihr.

Hat sie dich überhaupt nicht gefragt, oder die Untersuchung zumindest angekündigt?

Sie erklärt Hubertus anhand der CTG-Aufzeichnung, dass ich sogenannte Kamel-Wehen oder Mutter-Kind-Wehen habe: statt einer Wehenpause habe ich etwas weniger schmerzhafte Wehen. (Haha!) Wehen zwischen den schmerzhaften Wehen!? Ich bin sauer! Die sollen sich nicht mit der Technik beschäftigen. Dass ich Wehen habe, sieht ein Blinder mit Krückstock.
Sie schafft es, mich zu untersuchen: „10 cm.“ Sie sagt zu mir: „Nicole, Dein Baby kommt jetzt. Möchtest Du Dich jetzt umlagern?“ Ich frage sie, ob sie mich verarschen will. Eine Erstlingsgeburt dauert mindestens 20 Stunden, wir haben Kreissaal-Snacks, ein Buch, eine DVD, ich muss noch den Brief lesen, den Hubertus mir geschrieben hat und er meinen. (Wieder habe ich kein Wort gesagt.) Ich weine nur noch und presse, während meine Füße in der Luft rennen.

Irgendwann merke ich, wie die Schmerzen nachlassen, da ist sie: die Wehenpause! Ich springe auf und hocke auf dem Geburtsbett, Hubertus packt mich am Oberarm und sagt: „Nicole! Du kannst jetzt nicht weglaufen!“ Die Hebamme starrt mich entgeistert an: „Nicole, wo willst Du hin? Was hast Du vor?“ (Die Gesichter werde ich nie vergessen!!!) Ich sage nur: „Anders, nicht liegen, anders.“
Die Hebamme meint, im Stehen werden die Schmerzen noch schlimmer, ich soll mich im Vierfüßlerstand auf das Bett hocken und mich am Kopfteil festhalten.

Ich finde ja immer, dass jede Frau für sich selbst am besten feststellen kann, wie die Wehen besser oder schlechter auszuhalten sind. Im Stehen bekommt man gut Luft, kann sich gut bewegen und kann ziemlich gut pressen. Vierfüßlerstand ist auch eine gute Gebärposition.

Und dann geht es auch schon wieder los. Ich kann nicht mehr. Die Hebamme versucht mich auf meiner linken Seite zum richtigen Atmen zu animieren, während Hubertus das gleiche auf meiner rechten Seite versucht. Er streichelt mich, massiert mich, drückt mich (leider auch die Stelle, an der mein Zugang liegt). Sobald er etwas Unangenehmes macht, schlage ich ihn, wenn es gut ist, lasse ich ihn gewähren.

Es gibt manchmal einen Punkt, an dem kann man nicht mehr um Dinge bitten, oder sich erklären. Auch darauf sollte ein guter Vorbereitungskurs hinweisen. Ich wette, er hat es schon richtig verstanden. <3

Ausstieg aus der Achterbahn

Auf einmal wird es ganz hell – Claudia ist da und hat den Dimmer in die falsche Richtung gedreht. Dann wird es angenehm dämmrig, sie kommt links neben mich, begrüßt mich auf ihre fröhliche und beruhigende Art, atmet und tönt mit mir. Ich werde sofort ruhiger. Sie besteht trotz Protest darauf, dass das CTG abgenommen wird, bedankt sich etwas burschikos bei der Hebamme und komplementiert diese raus.
Der Wehenschreiber kommt ab, welch eine Befreiung, ich möchte auch T-Shirt und BH ausziehen. Der Knopf für die Herztöne sitzt sehr locker und stört mich gar nicht, also bleibt er dran. Claudia fragt, ob ich lieber eine hockende Position ausprobieren möchte. Ja, will ich.

Hubertus kommt hinter mich auf das Geburtsbett, so dass ich meine Achseln auf seinen Knien ausruhen kann. Vor mich wird ein Tuch gehangen. Dann geht es auch schon weiter. Eine Wehe nach der nächsten. Es tut verdammt weh. Claudia ist total begeistert und feuert mich an. Ich visualisiere ein Gänse-Ei, das da aus mir rauskommt. Claudia ruft: „das Köpfchen kommt, weiter pressen, es ist gleich da“. NEIN, ich kann nicht, es zerreißt mich. Ich steige bei voller Fahrt aus der Achterbahn aus und höre auf zu pressen.

Was ich denn da mache? Ich möchte mich hinsetzen. Claudia bietet mir an, mich an Hubertus zu lehnen, aber sitzen könnte ich jetzt nicht. Sie wirkt ernsthafter als sonst. Sie sagt zu Hubertus: „bei der nächsten Wehe muss euer Baby kommen, die Herztöne sind nicht gut“.

Ich verhandle mit meinem Körper: „Bitte, ich brauche eine Pause, bitte, bitte keine Wehen.“ Es funktioniert, ich lehne an Hubertus mit geschlossenen Augen und ruhe mich aus. Ich höre Claudia rumlaufen – klack, klack, klack – und frage mich, ob sie Zeit hatte, ihre Kreissaal-Schuhe anzuziehen. Es hört sich nicht so an. Mmmmh, Moment mal, Claudia hat „MUSS“ gesagt, das gehört eigentlich nicht zu ihrem Vokabular. Okay, das heißt jetzt ist es ernst. Ich nehme mir vor bei der nächsten Wehe zu pressen bis unser Laserchen da ist.

Die Wehe kommt und ich presse und schreie: „Komm schon da raus, Laserchen!“ (Auch hier muss ich auf Hubertus vertrauen, denn ich habe keine Erinnerung daran, das jemals gesagt zu haben.) Das Köpfchen ist draußen und der Schmerz lässt sofort nach.

20:45 Uhr. Nächste Wehe und der Körper flutscht mit Leichtigkeit aus mir raus.

Da liegt ein unglaublich langes Baby (56 cm) mit einem „riesigen“ Kopf (33 cm) zwischen meinen Füßen. Es dauert ewig bis sich meine Hände vom Tuch lösen und ich meine verkrampften Arme bewegen kann, um dieses kleine Wesen aufzunehmen. (Laut Hubertus waren es Attosekunden.) In dieser Zeit entfernt Claudia die Nabelschnur vom Hals, guckt zwischen die Beine und ruft laut: „Es ist ein Junge.“

Ich nehme unseren Laser und lege ihn mir so hoch auf die Brust, bis die Länge der Nabelschnur mich stoppt. Sofort legt Claudia warme Handtücher auf ihn. Ich gucke abwechselnd Laser und Hubertus an und dann nur noch unser Baby – er ist da, Wahnsinn! Ich bin überglücklich, alles ist egal.

Wie wunderbar! Großartig gemacht!

Claudia geht nach nebenan, um Papierkram zu machen. Als die Plazenta geboren wird, holt Hubertus sie wieder dazu.

Huch?! Nee, also eigentlich bleiben wir dabei, bis die Plazenta da ist. Vorher ist die Geburt nicht vorbei. Außerdem ist die Nachgeburtsperiode auch aus medizinischer Sicht schon noch mal spannend.

Wir lassen die Nabelschnur ewig auspulsieren. Claudia fordert mich immer wieder auf, danach zu fühlen. Leider bin ich leicht gerissen. Claudia betäubt mich lokal und wir warten auf die Assistenzärztin, da Claudia im Krankenhaus nicht nähen darf.

Grundsätzlich dürfen Hebammen leichte Dammrisse schon nähen. Aber es ist krankenhausintern oft so geregelt, dass generell die Ärzte nähen…

Bis die Ärztin kommt, ist die Betäubung fast weg. Zum Ende tut es weh – mir ist alles egal, ich gucke in das Gesicht meines Babys. Irgendwann meint Hubertus, dass meine Plazenta nicht gerade attraktiv aussieht. Claudia widerspricht vehement und nimmt erst mal einen kindskopfgroßen Blutbrocken weg und erklärt uns genau welche Seite mit der Gebärmutter verwachsen war und wo das Laserchen immer gekuschelt hat.

Geschafft

7. September, 1 Uhr morgens.
Nach einer Umlagerung in mein Krankenhausbett hilft Claudia mir beim andocken und Laser saugt was das Zeug hält. Ein wenig später im Zimmer essen wir die mittlerweile kalten Gnocci grande mit Pesto und starren zwischendurch das kleine Wunder an, welches zwischen uns liegt.

Ein Nachtrag: Die Standesbeamtin in Köln hatte tatsächlich jemanden in ihrem Verzeichnis, der Laser hieß – somit ist nun der dritte Name unseres Kindes: Laser.

Boah, was für eine Geburt! Ich habe total mitgefiebert. Vielen Dank für deinen wunderbar geschriebenen Geburtsbericht.

Das war wirklich so spannend, wie ein Krimi. Sowohl den emotionalen Verlauf mitzuerleben (Hausgeburtswunsch – Klinikeinweisung – Einleitung – Geburt), als auch diese Präeklampsie-Erkrankung im Hinterkopf zu haben… Die Geschichte hätte auch sehr gut im OP enden können. Das wäre gar nicht so unwahrscheinlich gewesen. Glück gehabt!
Ganz toll fand ich das Unterstützer-Team. Die Kollegin dort in Köln war klasse. Respekt für den Umschwung am Schluss. Es war sehr schön zu lesen, wie dann nochmal etwas Ruhe einkehrte, bevor es dann in die heiße Phase ging. Und der Partner wirkte auch wie eine wirklich gute Stütze. Ein Partner muss nämlich nicht unbedingt viel „tun“, um hilfreich zu sein. Es ist perfekt, wenn er da ist, seine Partnerin physisch und psychisch stützt, und ihre Wünsche mitträgt. Und das hat er ganz wunderbar getan.

Und Nicole selbst war auch wirklich großartig! Sie hat ihre Ängste besiegt und hat das Krankenhaus in Anspruch genommen, weil es einfach geboten war genau das zu tun – aber ohne sich dabei komplett an das Personal abzugeben. Sie hat die Geburt dennoch, so gut es eben ging, nach ihren Wünschen gestaltet. Und sie hat es trotz aller Widrigkeiten geschafft, sich in die Wehen fallen zu lassen. Das sieht man zum Beispiel am „gedachten Reden“. Da war sie in ihrer ganz eigenen Wehenwelt.

Widrige Umstände…

… unter der Geburt kommen öfter mal vor und wer es schafft flexibel damit umzugehen, der hat gute Chancen für eine schöne Geburt.
Wie ist das bei euch? Habt ihr Strategien für den Umgang mit Unvorhergesehenem parat? Oder lasst ihr alles auf euch zukommen und seid einfach guter Hoffnung?



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2 Kommentare
  1. Katharina
    Katharina sagt:

    Wow, ein spannender Geburtsbericht!

    Das mit der Hausgeburt haben wir tatsächlich nur sehr, sehr wenigen Leuten gesagt, weil wir eben nicht wollten, dass uns die Menschen mit negativen Dingen dazwischenreden. Und das war gut so, allen denen wir es erzählt haben konnten wir auch vertrauen, dass sie uns vertrauen.

    Und die Eipolablösung hat meine FÄ auch bei mir bei der ersten SS gemacht… am ET… und ohne Vorankündigung. Ich fand es blöd, vor allem, weil es mir 2 Nächte unkonkrete Wehen beschert hat, die meinen Muttermund zwar nur einen Zentimeter geöffnet haben, aber mir dafür den Schlaf geraubt haben… nie wieder.

    Antworten
  2. Myriam
    Myriam sagt:

    Die Sorge vor einer Interventionskette war auch ein Grund, warum ich mehr Angst davor hatte, in ein Krankenhaus zu müssen als dass etwas bei der außerklinischen Geburt passieren könnte. Wie schön für Nicole, dass sie trotzdem mit ihrer Hebamme entbinden konnte und letztendlich alles gut verlaufen ist.
    Bei mir ist die Hebamme im Geburtshaus übrigens auch zwschen Geburt des Babys und der Plazenta ins Nebenzimmer gegangen. Sie kam dann nach etwa einer Stunde, in der wir bonden konnten, wieder und hat gesagt, dass die Plazenta nun raus müsse. Das Rauspressen verlief dann auch ohne Wehen…

    Antworten

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