Geburtsbericht aus der Doppelperspektive von Mutter und Vater

Geburt mit Perspektivwechsel: Ein Geburtsbericht aus Mutter- & Vatersicht

Kennt ihr das, wenn mehrere Menschen von ein und demselben Ereignis berichten, es sich aber so anhört, als hätten sie etwas völlig Unterschiedliches erlebt?
Die beiden Eltern Rike und Thomas bringen mit diesem Geburtsbericht ein absolutes Novum in meinen Blog: Die Doppelperspektive! Die Mutter berichtet aus ihrer Sicht und der Vater aus seiner – sie haben den Text einfach als Paar zusammen geschrieben. Das finde ich ausgesprochen großartig, denn schon oft habe ich mich beim Lesen von Geburtsberichten gefragt, wie das wohl alles für den Partner gewesen sein mag.
Thomas schrieb mir: „Rike führte bereits ein Schwangerschaftstagebuch. Als ihr dann aber in der vielbeschäftigten und hormondurchfluteten Wochenbettzeit die Erinnerung an die Geburt zu verschwimmen drohte, schrieb ich die Geschichte für uns beide auf. Ich wollte dieses gravierende Erlebnis unbedingt konservieren. Als ich mit meiner Perspektive fertig war, hatte Rike das Bedürfnis ihre Sicht einzubringen und schon war die Idee geboren, beides ineinander fließen zu lassen.“

Ich bin den Beiden für diesen positiven Einblick sehr dankbar. Es ist ein total schöner und hinreißend persönlicher Text, der nicht zuletzt durch den ständigen Perspektivwechsel so etwas Besonderes geworden ist.
Hier kommt der Geburtsbericht von Rike, Thomas und ihrem Otter – wie immer mit kleinen Anmerkungen von mir in lila.

Rike: Der Tag war anstrengend, die Nacht auch. Die Symphyse (Schambein) tut fies weh und egal welche Position ich im Bett einnehme – es tut weh. Und aufs Klo muss ich sowieso alle halbe Stunde. Also eine weitere Nacht ohne Schlaf und hoffen, dass das Kerlchen sich endlich bald auf den Weg macht. Ein Löwe wird er jedenfalls nicht mehr, bis zum ET der Gynäkologin sind es noch fünf Tage. Aber mein Bauch sagt immer noch, dass er früher kommt und wenn ich nachrechne, dann komme ich auf den 24. und nicht den 29…
Aber es nützt nichts – ich kann nur warten und versuchen wenigstens etwas zu dösen.

Geburtsvorbereitung & Blessingway-Ritual

Rike: Die letzten Wochen und Monate habe ich mich intensiv auf die Geburt vorbereitet, habe meditiert, Yoga gemacht, getanzt, eine Playlist zusammengestellt, um mich vielleicht mit Tanzen und Wiegen durch die Wehen zu bringen und mir einen Geburtsaltar zum Mitnehmen zusammengestellt. Da wir zur Geburt in ein Geburtshaus gehen, habe ich viel Freiheit, die Geburt so zu gestalten, wie sie für mich richtig ist.
Ich hatte Glück, wusste, wie schlecht die Hebammen-Situation ist und konnte mich noch früh genug anmelden.
Es ist schön dort, sehr warm und behaglich und die Frauen sind klasse! „Wen werde ich wohl als Hebamme dabei haben? Habe ich Glück und meine liebe Vorbereitungshebamme hat Dienst, wenn es soweit ist? Das wäre toll!“

Letztes Wochenende haben wir ein Blessingway-Ritual gefeiert und ich habe so viel Liebe und Unterstützung bekommen. Ein Armband mit Wunschperlen soll mit, damit ich etwas zum Anfassen habe, wenn ich Rückhalt und Stärkung brauche.

Muschel und Perlen aus Blessingway Ritual

Sich im Kreise von lieben und eventuell schon erfahrenen Frauen auf die Geburt speziell einzustimmen, finde ich sehr schön. Ich wünsche mir, dass sich so eine Ritual-Kultur auch bei uns etabliert. Dabei ist es mir persönlich ganz egal, ob man nun gemeinsam betet, meditiert, Mantren singt, zusammen in die Sauna geht, sich mit Henna bemalt oder einfach nur einen Kaffeeklatsch veranstaltet. Solange es darum geht, die Schwangere für das anstehende Ereignis stark zu machen, ist all das gut und richtig, was eben genau dazu beiträgt. Es kann so schön bereichernd und stärkend sein, mit den guten Wünschen von Freundinnen in die Geburt zu gehen.
Ein Armband – zu dem jeder eine Perle beisteuert und mit der ein guter Wunsch verbunden wird – ist zudem etwas Reales zum daran festhalten. So ein „ritueller Gegenstand“ kann einen tatsächlich durch eine schwere Geburtsphase bringen. Das hört sich vielleicht etwas esoterisch an, ist aber wahr.
Schon häufig habe ich Frauen betreut, die einen Gebetsschal, ein Kuschelkissen oder Kuscheltier oder eben eine Perlenkette dabei hatten und aus diesen Dingen, gerade auf Durststrecken, Kraft gezogen haben.

Blasensprung-Analyse

Rike: 4:58 Uhr. Es macht ziemlich laut „Krcks“ in mir drin und tut weh. Atmen, atmen. Ich stehe auf, tigere nervös und hoffnungsvoll ins Bad. Wo sind die Teststreifen? Es tröpfelt ganz leicht. Ist das jetzt Fruchtwasser oder nicht?
Ich bin nervös und aufgeregt. Wenn das jetzt der Blasensprung war? Wehen sind noch nicht da. Vielleicht erkennt Thomas was auf dem Messstreifen.

Thomas: „Ich glaube, ich habe einen Blasensprung“ ist ein Satz, der nicht unbedingt in den Top-Ten der besten Sprüche zum Wecken steht.
Erste Gedanke: „Och nööö, es ist mitten in der Nacht, ich will schlafen. Das ist doch bestimmt falscher Alarm. Muss es. Ich hoffe es.“ Zweiter Gedanke: „Naja, aber es ist an der Zeit, dass es losgehen kann, und es wäre eigentlich auch ganz gut, wenn es das täte, da es Rike von Tag zu Tag schwerer hat mit der Schwangerschaft.“
Ein Blick auf die Uhr verrät mir, dass es 05:00 Uhr ist. Praktisch, nur 10 Minuten vor meiner für diesen Tag eh geplanten Weck-Zeit. Das Kind scheint ein gutes Timing zu haben, wenn es das wirklich ist. Rike erzählt mir, dass sie einen Teststreifen* benutzt hätte, die sie im Geburtshaus bekommen hat. Damit kann man feststellen, ob es sich bei der Flüssigkeit, die aus ihr kommt, um Fruchtwasser handelt, oder nicht. Außerdem habe sie auch mit einem pH-Wert-Testhandschuh gemessen, da Fruchtwasser mit einem pH-Wert von 9 relativ eindeutig damit festgestellt werden könnte. Sie gibt mir beide „Messgeräte“ und ich suche ein Licht unter dem ich einen Farbabgleich mit der Referenzkarte machen kann. Das Licht ist beschissen, ich hoffe unterbewusst immer noch, dass es ein Fehlalarm ist. Vielleicht weil ich Angst vor der Konsequenz habe, weil ich noch müde bin, weil ich nicht sicher bin, ob ich bereit bin…
Die Farbvergleiche sind uneindeutig. Später wurde uns klar, dass der Otter mit seinem Kopf schon so tief und fest im Becken saß, dass einfach kaum Fruchtwasser an seinem Kopf vorbeigekommen ist, und die Messwerte deswegen nicht klar waren.

Wenn es eindeutig „Krcks“ macht und dann Flüssigkeit läuft, die man nicht aufhalten kann (Urin kann man ja halten) und diese geruchlos und klar ist, dann ist es Fruchtwasser.
Wenn es keinen so eindeutigen (also sicht- und hörbaren) Blasensprung gibt und trotzdem immer wieder Flüssigkeit läuft, ist es sinnvoll den pH-Wert mit den Teststreifen* zu checken.

Rike: Thomas ist ebenso so unsicher wie ich, ob die Farbe zur Farbskala passt. Ich setze grade an zu berichten, dass ich ja noch keine Wehen habe, da rollt die erste mit Kraft an. OK, die ist anders als die Übungswehen in den letzten Wochen und Tagen – ganz anders. Die Intensität raubt mir für ein paar Sekunden den Atem und mein Körper versucht zunächst instinktiv dem Schmerz zu entkommen.
Ich versuche mich zu konzentrieren und beginne zu tönen. Stetig, laut und möglichst ruhig. Wie lange war das jetzt?
Die Wehe hört auf und ich weiß: es geht los. Jetzt. Keine Übung mehr. Die Geburt hat begonnen. Freude und Nervosität halten sich die Waage. Angst habe ich nicht. Die nächste Wehe kommt. Das geht aber ganz schön zügig! Oder ist mein Zeitempfinden so gestört?
Wie gut, dass der Koffer schon im Auto ist!

Thomas: Meine Hoffnung auf einen Fehlalarm verschwindet, als ich sehe und höre, dass Rike ihre erste Wehe hat. Und die ist unverkennbar, da hat die Demonstration der Hebamme im Geburtsvorbereitungskurs für gesorgt, dass ich diese mit ziemlicher Sicherheit identifizieren kann. Auf ein mal merke ich, dass meine unterbewusst ablehnende Haltung einer „Ja, es geht los!“-Freude und einem „Endlich!“, weichen. Ich bin wach. „Sei jetzt sinnvoll, tu hilfreiche Dinge!“
Ich schalte auf meiner Armbanduhr von Datumsanzeige auf Sekundenanzeige, um die Wehendauer messen zu können. Die Wehen kommen in 5-Minuten-Abständen und sind 40 Sekunden lang. Das sind ja schon sehr kurze Abstände, aber die Dauer ist noch nicht so lang, als dass wir im Geburtsaus anrufen sollten. Außerdem dauert eine Geburt doch eh total lange, das wird schon nicht so super schnell gehen.
Rike schafft die Wehen noch recht gut weg zu atmen und beginnt dabei schon teilweise zu tönen. Sie geht duschen, ich ziehe mich an. Ich stehe vor meinem Stummen Diener. Ist es wirklich eine kluge Idee, jetzt die grüne Jeans anzuziehen? Wenn die Geburt blutig wird, saust du dir die Hose ein, und das wäre ärgerlich, da du genug schwarze Hosen hast, bei denen es nicht auffallen würde. Ich war gedanklich aber irgendwie zu festgefahren, um mir einfach eine schwarze Hose aus dem Regal zu holen, und ziehe die grüne an. Ich habe im Geburtshaus-Koffer die Trekking-Hose, in der ich mich eh viel besser bewegen kann – die ziehe ich vor Ort einfach an, dafür habe ich sie ja eingepackt.

Wehen-Wärme-Test

Rike: Ich versuche mich an den Vorbereitungskurs zu erinnern. So schnell wird es nicht gehen, ich gehe jetzt noch schnell duschen, das warme Wasser wird gut tun.
Unter der Dusche merke ich sehr schnell, was mit der Aussage: „wenn es Geburtswehen sind, wird warmes Wasser sie intensiver machen“, gemeint war. Ich halte mich fest und töne, während ich in den Wehenpausen versuche mich zu waschen. Ich schaffe es kaum, gefühlt bleibt quasi keine Zeit. Aber das kann nicht sein. Es ist mein erstes Kind, da dauert die Geburt.

Thomas: Ich bin angezogen. Eine Etage tiefer betrete ich das Badezimmer und sehe Rike, wie sie sich an Duschbrausen-Halterung festhält und eine Wehe wegtönt. Oh Gott, hoffentlich hält die Stange! „Halt dich bloß nicht zu sehr daran fest, das Ding ist doch eh schon so wackelig!“ Na immerhin hat sie so überhaupt etwas zum festhalten.

Es klingt unglaublich majestätisch, elegant und schön wie sie dort tönt. Bewundernswert!

Das Hebammen-Briefing

Thomas: Nach dem Duschen kommen die Wehen in 3-Minuten-Abständen und dauern 1:40 Minuten. Das ist schon heftiger, und mir dämmert das erste Mal, dass das hier deutlich schneller geht, als normalerweise.
Um circa 05:20 Uhr rufe ich im Geburtshaus an. Überraschenderweise habe ich Barbara am Telefon. Das ist die Hebamme, die auch alle Vorsorgeuntersuchungen bei Rike gemacht hat. Das grenzt ja wohl an ein Wunder, kann aber nur ein gutes Zeichen sein! Ich merke, dass ich bereits in den Funktionieren-Modus gehe, indem ich mich sagen höre: „Guten Morgen, Thomas hier, ich rufe für Rike an. Sie hatte wahrscheinlich einen Blasensprung, die Wehen kommen mittlerweile in 3-Minuten-Abständen und dauern 1 Minute 40 Sekunden.“ Einmal alle relevanten Informationen so kurz und bündig wie möglich zusammengefasst. Danach kommt mir der Gedanke an Persönliches: „Barbara, bist du das tatsächlich? Wie kommt’s? Du hast doch gestern Dienst gehabt! Wie großartig!“ – „Ja, ich bin hier. Dann gib mir doch mal Rike“. Ich höre langgezogene Vokale aus dem Nebenraum. „Ähm ja gerne, sobald sie die Wehe weggetönt hat.“ Ich merke, wie ich nervöser werde.

Rike: Ich lehne am Waschtisch, versuche die aktuelle Wehe anzunehmen und zu verarbeiten, als Thomas mit dem Telefon rein kommt. Er hat bereits das Geburtshaus an der Strippe und erzählt mir, dass Barbara Dienst hat. Was für ein Glück! Sie möchte mit mir sprechen, um einschätzen zu können, wie weit die Geburt fortgeschritten ist. Während des Gesprächs muss ich dreimal eine Wehe veratmen, kann dem Gespräch kaum folgen und drücke Thomas das Telefon schnell wieder in die Hand – ich möchte mich festhalten und tönen.
Irgendwie schaffe ich es mich anzuziehen und will los. Dringend! Mein Bauchgefühl sagt, es ist Zeit und ich fühle mich wie ein Tier im Käfig. Wenn die Wehen es zulassen, tigere ich hin und her und versuche meine Gedanken soweit zu fokussieren, dass ich es schaffe mich fertig zu machen. Vielleicht wäre eine Hausgeburt doch auch schön gewesen, dann könnte ich mich in meinen Bau verkriechen und müsste jetzt nicht über Schuhe nachdenken. Es passen ja aufgrund der Wassereinlagerungen quasi keine mehr.

In der Schwangerschaft können Füße breiter, dicker, platter und auch etwas länger werden. Diese Veränderungen, die ungefähr eine halbe Schuhgröße ausmachen können, verschwinden nach der Geburt nur teilweise wieder. Die Wassereinlagerungen gehen natürlich zurück, aber die Dehnung der Bänder bleibt.

Thomas: Kurz darauf reiche ich Rike mein Handy. Sie unterhalten sich und ich beginne Stullen zu schmieren, um etwas zu Essen dabei zu haben. Als ich den Brotlaib gescheibt habe, bekomm ich mein Telefon wieder: „Ja, macht euch mal auf den Weg, und lasst euch nicht all zu viel Zeit.“ Oh, das läuft hier gerade wirklich sehr schnell ab. Normalerweise schicken die Hebammen einen beim ersten Anruf doch erst nochmal zum Entspannen und Kräfte sammeln. Wir versuchen uns auf eine Uhrzeit für das Treffen am Geburtshaus zu verabreden. Ich rechne unsere übliche „Wir brauchen noch ein paar Minuten mehr um alles Geraffel zusammen zu packen“-Zeit mit ein, aber dann dämmert mir: „Sieh zu, dass du so schnell wie möglich auf die Autobahn kommst, damit du vor dem Berufsverkehr durch bist. Zum Glück weißt du, dass du ohne Stau durch kommst, wenn du bis 06:10 Uhr los kommst.“

Mit 160 Sachen ins Geburtshaus

Thomas: Wir starten um 6 Uhr und ich bin heilfroh, dass Koffer und Rucksack noch im Auto sind. Ich hätte zu viel Sorge, Rike ohne Unterstützung zum Auto gehen zu lassen. Die Wehen sind mittlerweile nämlich echt heftig. Da sie vorne nicht ordentlich sitzen kann, breiten wir auf der Rückbank eine Krankenhausvorlage gegen mögliche Nässe aus, und sie setzt/legt sich auf die Rückbank. Ist vielleicht auch besser so, dann kann sie mir vorne nicht ins Gehege fuchteln.

Rike: Ich versuche mich in irgendeiner aushaltbaren Position auf die Rückbank zu begeben. Warum haben wir den Kindersitz fest eingebaut? Sonst könnte ich liegen?! Atmen! Sitzen ist sehr unangenehm und ich fühle mich das erste Mal, seit es losgegangen ist, wirklich unwohl und bin unsicher. Es tut schweineweh! Ich mach die Augen zu, versuche in den Schmerz zu atmen, zu meditieren, hoffe auf die Wehenpause. Und es kommt keine!
Ich will nicht zu laut werden, denn Thomas muss ja fahren und sich konzentrieren! Aber es geht nicht. Ich fluche, brülle, flehe und hoffe auf eine Pause, damit ich wenigstens kurz atmen, ja mich vielleicht sogar neu fokussieren kann – aber ich bekomme keine.

Das Autofahren mit Wehen ist für die meisten Frauen eine Qual. Man kann sich nicht bewegen und der Gurt stört und drückt. Nicht umsonst gibt es spezielle Schwangerschaftsgurte*, aber auch die helfen in dieser Situation oft leider nur bedingt.

Thomas: Wir fahren los. Es ist ein klarer Morgen mit den üblichen, hübschen Morgennebeln über den Feldern. Da Rike mittlerweile einen Lautstärkepegel erreicht hat, der einem Berserker alle Ehre machen würde, ist mein Plan, gesittet mit 120 km/h zu fahren futsch. Ich versuche daher so ruhig wie möglich, aber definitiv mit allem, was das Auto her gibt, zu fahren. Zum Glück ist die Autobahn für 160 km/h frei genug. Auf dem Messeschnellweg wird es etwas voller, läuft aber noch flüssig, da beginne ich in Gedanken abzuwägen, ob ich etwaige Staus auf dem Standstreifen überholen würde. Dass der Messeschnellweg im weiteren Verlauf gar keinen Standstreifen hat, fällt mir dabei gar nicht auf.
Mein in Extremsituationen übliches „ruhig und besonnen Funktionieren“greift zwar auch jetzt, aber ich muss mich in Anbetracht des Schreiens, Wimmerns und nach einer Pause Flehens schon sehr konzentrieren, um diese Geisteshaltung aufrecht zu erhalten. Irgendwie klappt es.
Üblicherweise haben wir bei wenig Verkehr knapp 40 Minuten gebraucht. Heute, mit beginnendem Berufsverkehr, waren es nur 25 Minuten. Ich bin ein bisschen froh, dass Rike, durch ihre Schmerzen, nicht so viel von der Fahrt mitbekommen hat, und ich „ungestört“ und „effizient“ fahren konnte.

Hier ein kurzer Appell an alle Fahrer: Bitte fahrt auch in dieser Situation vorsichtig. Es nützt niemandem, wenn ihr rast und euch & eure Lieben dadurch in Gefahr bringt. Auch wenn’s schwer fällt: Sicherheit geht vor! – Is’ klar, ne?!

Im Geburtshaus

Rike: Wir sind da! Göttin sei Dank! Endlich! Ich robbe aus dem Auto und durch die veränderte Haltung stoppen die Wehen kurz. Dadurch schaffe ich es die Treppe hoch ins Geburtshaus, werfe irgendwo auf dem Weg die Schuhe ab, laufe wie in Trance durch die offene Tür und sehe Barbara und das vorbereitete Zimmer. Ich komme bis zu der Kommode, von der ich weiß, dass sie schon vielen Frauen während der Geburt ein Anker war und fühle die nächste Wehe anrollen. Ich halte mich fest, atme und töne.
Barbara schlägt vor, dass ich meine Leggings ausziehe, da habe ich das Gefühl pinkeln zu müssen möchte sofort auf die Toilette. Dort angekommen ist nicht mehr daran zu denken – scheinbar fühlt sich der Druck im Becken einfach nur nach Harndrang an. Ich werde meine Unterbekleidung los und sehe, dass ich ordentliche Zeichnungsblutungen habe.
Zurück im Zimmer werfe ich auch noch mein Kleid von mir. Schamgefühle gibt es hier und heute keine.
Ich sehe, dass neben Barbara auch noch Svenja anwesend ist – eine Hebammenschülerin, die bei unserem Vorbereitungskurs dabei war.
Der Muttermund muss wenigstens jetzt untersucht werden, ich merke es wider Erwarten kaum, bin schon viel zu weit weg. Das dafür notwendige Liegen ist viel schlimmer! 8 cm ist er schon offen!

Wow, toll! Da war ja der Löwenanteil schon geschafft.

Als ich aufstehen darf, hänge ich mich stehend in das Tuch, das von der Decke hängt, greife mit aller Kraft zu und brülle. Bewusst steuern kann ich kaum noch etwas, sehe kaum die Umwelt um mich herum. Aber Barbaras ruhige, klare Stimme kommt durch: „Nicht schreien, atmen! Verschwende oben keine Energie“, sagt sie. Ich versuche es, scheitere, brülle, dass ich das nicht kann, versuche es erneut, merke, dass es hilft. Diesen Dialog werden wir in den nächsten zwei Stunden noch unzählige Male führen.

Ja, das „Meckern“ raubt einem wirklich viel Kraft und nützt tatsächlich nichts. Ein konzentriertes Atmen oder Tönen hilft einem hingegen viel besser dabei zu entspannen und nimmt der Wehe meist die Spitze.

Thomas: Wir kommen im Geburtshaus an. Rike schafft es in einer Wehenpause wie durch ein Wunder vom Auto ins Geburts-Apartment, wo Barbara bereits auf uns wartet. Außerdem ist die Hebammenschülerin, die wir schon vom Geburtsvorbereitungskurs kennen, auch noch da. Na da hätten sie aber auch mal vorher fragen können, ob Rike der weitere Mensch recht ist. Aber es ist gerade Anderes einfach viel relevanter.
Da sie nun in Betreuung ist, kann ich raus gehen, Koffer und Rucksack holen. Wie umständlich ich den Altpapierkorb im Hausflur zwischen die Haustüre schiebe, damit sie nicht zu fällt, zeigt mir, dass ich wohl doch ziemlich nervös und vogelig bin.

Zurück im Geburtsraum macht Barbara gerade Musik an und Rike ist bereits unten ohne und läuft etwas fahrig herum. Nach ein paar Sekunden gibt sie Barbara unmissverständlich zu verstehen, dass sie lieber keine Musik hätte.
Ich nutze die kurze Einrichtungszeit, um kurz auf der Arbeit anzurufen und meinen Urlaub, wie abgesprochen, ab heute starten zu lassen. Danach rufe ich meinen Kollegen an, und sage auch ihm bescheid. Alles klappt – ich kann die Arbeit gedanklich abhaken und draußen lassen. Ich bin sehr froh, einen so tollen Arbeitgeber zu haben, was das angeht.

Ganz großartig. So sollte es immer sein! Leider klappt das in Deutschland noch nicht so oft – da ist noch Einiges zu tun…

Wehenarbeit

Thomas: Die nächste Zeit verbringt Rike ans hängende Tuch gekrallt. Sie hat ihre Arme um die beiden Stränge gewickelt und hängt sich mit dem gesamten Gewicht hinein. Ich vermute schon, dass sie, wie in sehr belastenden Situationen üblich, eher keinen Körperkontakt möchte. Leider läuft das absolut konträr zu meinem Impuls, Herzmenschen mit möglichst viel Körperkontakt zu trösten, wenn ich sie unglücklich sehe. Aber ich kenne das von ihr ja schon und kann es respektieren. Es fällt mir dennoch schwer. Das Einzige, was ich tun kann, ist ihr hin und wieder ein Glas Wasser an die Lippen zu halten, damit sie etwas trinkt. Aber selbst dazu muss man sie überzeugen.

Es ist so gut, solche Bedürfnisse zu respektieren! In diesem Moment gehen die Wünsche der Gebärenden einfach ganz klar vor.
Es ist ebenso gut, einen Partner an der Seite zu haben, der einen genauestens kennt und nicht nur weiß, was man in dieser Situation braucht, sondern auch in der Lage ist, seine eigenen Bedürfnisse entsprechend zurück zu stellen.

Rike: Stehen wird zu anstrengend. Vor mir sehe ich den Geburtshocker, aber sitzen möchte ich nicht. Ich knie mich davor, bette meinen Oberkörper auf den Sitz und versuche zu atmen. Meine Idee zu tanzen bringt mich kurz zum Lachen, aber vermutlich wirkt es eher wie ein Zähnefletschen.
Es geht alles viel zu schnell, um auch nur irgendetwas von den angedachten Sachen zu nutzen. Aber hey, meine größte Sorge war, dass ich zu viel denke und mich dabei blockiere. Genau dafür habe ich ja Anker und Ideen entwickelt. Diese Sorge erweist sich als unnötig, denn mein Körper und mein Echsenhirn übernehmen die Führung. Alles ist genau so richtig.
Ich bin sehr dankbar dafür, dass mich keiner anfasst und dass wir alle so gut genug auf einander eingestellt sind – dass es genau so läuft, wie es sich grad gut anfühlt. Barbaras Stimme gibt mir eine Verbindung nach außen, hilft mir durch die Momente, wo ich aufgeben will und gibt mir genau die Impulse für Haltungsänderungen, die ich brauche.
Thomas spüre ich um mich, bin mir bewusst, dass er mich gerne berühren würde und freue mich, dass er weiß und respektiert, dass ich das nicht will. Immer wieder bemerke ich einen Strohhalm am Mund, trinke und fokussiere mich wieder auf meinen Körper.
Etwas verändert sich, so als ob die Schwerkraft noch mehr mit ins Spiel kommt. Mein Becken fühlt sich an, als würde es größer und größer und größer. Ich melde eben dieses in den Raum und ernte – Schweigen. Dann eine sehr ruhige Nachfrage „Wo genau drückt es?“ Auf meine Antwort „am Schambein“ wurde die Stille kurz sehr laut und dann hörte ich mit halbem Ohr, wie Barbara die zweite Hebamme anrief. (In unserem Geburtshaus kümmert sich eine Hebamme um die Mutter und erst kurz vor der Geburt kommt eine zweite Hebamme dazu, die sich ums Kind kümmert.)

Thomas: Als die Wehen heftiger werden, begibt Rike sich in Bodennähe, und zwar auf allen Vieren, wobei sie sich vorne auf dem Geburtshocker abstützt. Da ihre Schmerzen schlimmer werden, habe ich noch mehr das Bedürfnis ihr Kontakt zu schenken. Dabei weiß ich immer noch, dass es keine hilfreiche Idee wäre. „Es drückt da so“, sagt sie auf einmal. Ich sehe Barbara inne halten, skeptisch gucken und fragen: „Wo genau?“ – „Am Schambein.“ – „Oh… einen Moment.“ Sie dreht sich um, geht an ihr Telefon und ruft die Hintergrundhebamme mit den Worten an: „Britta, einmal zur Geburt bitte. Und beeil dich, ich weiß nicht, ob du es noch rechtzeitig schaffst.“
Britta trifft im Schlafanzug ein – sie hat sich WIRKLICH beeilt – und die Hebammenschülerin macht sich mit dem Angebot Kaffee zu kochen schlagartig sehr beliebt.
Britta ist ein Stück älter als Barbara und kennt Rike bisher nicht. Sie fragt immer wieder, ob sie Barbara irgendwie unterstützen kann, oder tupft Rike teils sauber. „Unsere“ Hebamme kennt Rike jedoch sehr gut und weiß, dass sie möglichst ihre Ruhe will. Daher wiegelt sie ab und hält Britta einfach etwas von ihr fern.
Anstatt sie immer wieder sauber zu machen, schiebt sie ihr einfach neue Vorlagen unter. Läuft. Bei Rikes Worten: „Ich glaube, ich muss pinkeln“ ist ihre völlig ernst gemeinte und abgeklärte Antwort: „Dann pinkel doch. Jetzt und hier. Dafür sind die Vorlagen da. Eine volle Blase können wir nicht gebrauchen.“ Es kommt dann doch nichts, aber es zeigt sehr gut Barbaras Umgang mit der Situation.
Nachdem es in einem unglaublichen Tempo weiter geht, soll Rike sich umdrehen und auf den Geburtshocker setzen. Sie will nicht, kann es sich nicht vorstellen, weil es zu weh tut, wehrt sich, aber Barbara insistiert, und die Kämpferin setzt sich auf den Geburtshocker. Nun ist für mich der Moment gekommen, in dem ich ENDLICH auch wieder was tun kann. Was „Richtiges“ und nicht nur Wasser reichen, oder die Hebammenschülerin fragen, ob sie Strohhalme haben…

Rike: Ich registriere Brittas Ankunft nur halb. Sehr genau bekomme ich aber die Bitte mit, mich auf den Hocker zu setzen. Ich will nicht. Wirklich nicht! Allein schon die Vorstellung zu sitzen ist schmerzhaft. Aber Barbara ist hartnäckig und die Bitte nicht verhandelbar. Berührt werden ist für mich jetzt auch in Maßen ok . Thomas sitzt hinter mir und stützt mich. Interessanterweise ist bisher Vieles im Ablauf genauso, wie ich es beim Meditieren vor meinem inneren Auge hatte.
Wenn es überhaupt noch möglich ist, drifte ich noch mehr in einen tranceartigen Zustand. Ich warte darauf, dass etwas passiert, aber es bleibt über eine gefühlte Ewigkeit hinweg alles sehr ähnlich – nur die Intensität der Wehen variiert.

„Mit Mut!“

Rike: Irgendwann in den Wehenpausen bittet Barbara mich aufzustehen und mit dem Becken zu kreisen. Erstaunlicherweise klappt das sehr gut. Nur von allein aufstehen kann ich nicht.
Aber ich darf mitschieben und das ist gut!
„Mit Mut!“ ist das Mantra, das mir die Hebammen immer wieder sagen. „Mit Mut! Es ist alles richtig! Egal, wie es sich anfühlt, es ist alles gut und läuft wunderbar! Schieb nach unten, als hättest du richtig Verstopfung. Und wenn es brennt, dann schieb weiter.“
Meine Welt ist klein. Ich lebe nur noch zwischen Wehe – atmen – aufstehen – kreisen – in die Hocke – Wehe – atmen – schieben.
Irgendwann soll der Hocker weg, ich sitze so tief in der Hocke, dass ich mit dem Hintern beinah den Boden berühre und denke in einem kurzen, klaren Moment daran, dass das Yoga dafür jetzt wirklich hilfreich war. Ohne die vielen helfenden Hände würde ich es jedoch nicht schaffen. Meine Beine zittern und krampfen und ich kann die Füße kaum flach aufsetzen. Und auch jetzt soll ich zwischen den Wehen immer wieder aufstehen.

Das Aufstehen in der Wehenpause ist wichtig. Hockt man zu lang – vor allem auf dem Geburtshocker – kann es zu Ödemen in den Labien kommen. Das wäre für die Geburt natürlich ungünstig, denn ödematöses Gewebe dehnt sich nicht so gut.
Das Beckenkreisen hilft übrigens dem Baby, den Weg durch den Geburtskanal zu finden. Eine Geburt ist echte Teamwork von Mutter und Kind!

Thomas: Ich setze mich auf einen Stuhl, der hinter dem Geburtshocker steht und halte Rike mit meinen Armen unter ihren fest. Sie hat ihre rechte Hand in meine gefaltet. Mit der Linken halte ich ihr Bein nach außen gedrückt, weil sie ihre Beine immer wieder schließen möchte – wogegen Hebammen allerdings etwas haben. Das rechte Bein hält Britta fest.
Ich merke am Druck in Rikes Hand, wann die Wehen kommen, welche ihr mehr zusetzen und welche noch gehen. So läuft das eine ganze Weile, und ich glaube, dass sowohl Rike, als auch ich dachten: „Wann geht es denn nun effektiv weiter?“. Denn mitschieben darf sie mittlerweile. Die schöne Formulierung von Barbara dazu ist nicht: „Pressen!“, sondern: „Mit Mut!“, sowie: „Bis zum Punkt, an dem du denkst, es geht nicht mehr, und da dann drüber.“
Ich bewundere meine Liebste, was sie hier für eine Leistung abliefert unter was für einer Belastung. Sie sagt zwar immer wieder, dass sie nicht mehr kann, und dass es nicht mehr geht, aber sie macht immer weiter. Wow!
Nach einer Weile möchte Barbara, dass Rike aufsteht und zwischen den Wehen die Hüften kreisen lässt. Außerdem möchte sie Rike den Geburtshocker weg nehmen. Das trifft natürlich nicht auf allzu große Begeisterung, wird aber dennoch gemacht.
Ich ziehe Rike hoch und halte sie locker fest, aber sie steht selbst erstaunlich sicher. Die nächste Wehe lässt allerdings nur ein paar Sekunden auf sich warten, also hängt sie wieder mit ihrem gesamten Gewicht in meinen Armen und ich lasse sie wieder nach unten gleiten. Nun sind ihre beiden Hände in meine gefaltet. Ihre spitzen Ellenbogen stützen sich auf meinen Unterarmen genau zwischen Elle und Speiche ab, aber ich verzichte drauf hinzuweisen, da sie gerade mit Anderem mehr zu tun hat.
Zwischen jeder Wehe geht es wieder auf die Füße. Dafür scheint es aber nun auch weiter zu gehen. Die Hebammenschülerin hat inzwischen einen Spiegel geholt, durch den auch ich von hinten sehen kann, was dort unten passiert. Unglaublich faszinierend, ich bin so neugierig und hibbelig und ungeduldig auf diesen neuen Menschen!

Ein Lied für den Otter

Rike: Irgendwann sagt mir Barbara, dass ich nach dem Kopf tasten soll, man würde ihn spüren und ich solle ihn in Richtung meiner Hände schieben. Ich tue genau das und bin fasziniert, den kleinen Otter das erste Mal zu fühlen. Thomas hatte vorab gefragt, ob es die Möglichkeit gäbe, über einen Spiegel zuschauen zu können. Das ist möglich und Svenja sitzt mit leuchtenden Augen vor uns und hält einen Spiegel. Ich schaue kaum, schaue in mich und brauche alle Konzentration dafür.
Bei jeder Wehe denke ich: „Nun aber!“, aber so schnell geht es nicht. Irgendwann spüre ich, wie der Kopf durchtritt und weiß schlagartig, was Barbara mit Brennen gemeint hat. Und genau in diesem Moment hört die Wehe auf! Wie gemein! Ich höre mich sagen: „Ihr habt gesagt, man merkt nicht wenn es reißt. Das stimmt nicht! Es reißt genau jetzt!“ Und dann kommt die nächste erlösende Wehe und der Kopf ist da. Die Wehe danach ist überwältigend, nicht schmerzhaft. Der Moment, in dem der ganze Körper aus mir herausgleitet ist gigantisch und ich bin kurz ganz weit weg.
Er ist da! Und im ersten Moment denke ich, dass das nicht mein Kind sein kann, das ist viel zu groß! Das kann nie in mich gepasst haben!
Irgendwie schaffe ich es ihn hochzunehmen, wir werden ins Bett verfrachtet und Thomas kuschelt sich zu uns. Für die nächste halbe Stunde sind wir zu dritt und ich versuche in der Situation anzukommen. Es ging alles so wahnsinnig schnell und mein Herz und Hirn müssen erst mal hinterher kommen. Außerdem drückt leider die Nabelschnur schmerzhaft auf irgendwas.
Aber der kleine Körper auf mir fühlt sich gut an und so richtig. Nicht neu, nur räumlich verändert eben. Schließlich war er ja die letzten Monate schon so nah bei mir.

Thomas: Irgendwann, nach sehr viel schwerster Arbeit meiner Liebsten, ist es so weit und der Kopf tritt hervor. Ein Gefühl, das man kaum beschreiben kann, weil es so „wunderbar“ und surreal zugleich ist. Eine Wehe später geht es weiter, und nun weiß ich auch, warum Barbara im Vorhinein meinte, sie werde das Kind aus dem Körper heraus „entwickeln“, und warum sie es ungern sehen würde, dass Mutter oder Vater das selbst tun. Sie biegt und dreht an dem kleinen Körper herum, aber hilft ihm damit sehr gut durch den Geburtskanal zu kommen, und kurz darauf ist mit einem großen Schwall Fruchtwasser der gesamte Körper da. Sie legt dieses kleine, nasse, hilflose neue Wesen vorsichtig auf die Vorlage auf den Boden und sagt Rike, dass sie es hoch nehmen solle. Diese fühlt sich damit aber recht überfordert (wäre ich auch), und Barbara hilft ihr. Es ist ein unglaublich schwaches Wesen, das von den letzten 3,5 Stunden auch merklich erschöpft ist. Kurz darauf werden die beiden ins Bett zum Kuscheln verfrachtet. Dort schreit er auch das erste Mal, was ein unglaublich erhebendes Gefühl ist. Unser Kind ist geboren, lebt, atmet, schreit! Es fühlt sich so sehr nach dem ultimativen Zeichen neuen Lebens an. Wahnsinn.
Rike und ich beginnen gemeinsam unser Lieblings-Schlaflied zu singen: „A final dream“ von Nightwish. Und der kleine Otter beruhigt sich dadurch tatsächlich. Ein wundervoll inniger Moment.

Abnabeln

Thomas: Ich mache ein paar Fotos, aber aufgrund ihres Rückens fühlt sich Rike nicht wirklich wohl im Bett und ist froh, als die Hebammen nach der ersten Bonding-Zeit wieder rein kommen. Jetzt wird die Nabelschnur, die sich als unglaublich dick herausstellt, abgeklemmt, da sie auspulsiert ist. Ich darf die sie durchschneiden, was ich zwar für eine ziemliche Klischee-Handlung halte, aber dennoch macht es mich stolz und ist mir dann doch überraschend wichtig es selbst tun zu dürfen.

Ja, es mag ein Klischee sein. Aber letztendlich ist es auch eine rituelle Handlung, die genau soviel Bedeutsamkeit erhält, wie man ihr eben zu gestehen mag. Ich finde schon, dass es ein wichtiger Moment ist: Eine Trennung und ein Beginn zugleich.

Es geht erstaunlich leicht. Die Schere ist sehr scharf. Ich spüre die einzelnen Fasern der Nabelschnur, die ihr eine Konsistenz geben, die mich an Rhabarber erinnert. Von der Festigkeit her gleicht sie allerdings eher einer rohen Möhre, die aber trotzdem so weich ist, wie eine gekochte. Es klappt aber problemfrei.
Barbara beginnt Rike zu versorgen und Britta nimmt sich unseres Sohnes an. Barbaras Aufgabe stellt sich als die deutlich schwerere heraus, da Rike das dreifache der üblichen Dosis an örtlicher Betäubung benötigt, bevor sie Barbara überhaupt in die Nähe lässt, um sie zu untersuchen. Es ist ein Dammriss „anderthalbten Grades“, also fünf Stiche in Haut, zwei durch Muskel. Außerdem ein Schamlippenriss, der zwar schmerzhaft, aber unproblematisch ist und wie sich später zeigt auch am schnellsten wieder heilte.

Rike: Nachdem die Hebammen wieder zu uns kommen und Thomas die Nabelschnur durchschnitten hat, kümmert er sich gemeinsam mit Britta um das Kind.
Währenddessen hat Barbara die undankbare Aufgabe, mich zu untersuchen. Ich bin dabei vermutlich ungefähr so charmant und leicht zu handhaben wie eine Katze beim Tierarzt! Es tut sauweh und jetzt sind keine Hormone mehr da, die das Ganze angenehmer machen.
Als Nächstes gebäre ich die Plazenta – ein seltsames Gefühl, aber deutlich weniger schmerzhaft, als in dem Moment befürchtet. Aber das Untersuchen auf Verletzungen ist ganz gemein. Unter massiver Betäubung geht es dann und irgendwann ist auch die Naht am Damm geschafft.

Thomas: Der Kleine kommt auf den Wickeltisch unter die Wärmelampe, wird gewaschen, untersucht, gewickelt und angezogen. Alles dran, alles funktionstüchtig. 4200 g, 56 cm lang, 36 cm Kopfumfang. Anschließend sammeln wir so langsam unsere Sachen zusammen, essen mal einen Schokoriegel, bekommen die Papiere, und bauen den Otter in die Auto-Schale ein.

Rike: Ich darf unter Aufsicht duschen und nehme das sehr gern an, es ist doch eine archaische Geschichte und ich habe gefühlt überall Schweiß, Fruchtwasser und Blut. Als ich mich aufsetze bekomme ich noch den Rat sehr flach zu atmen, weil die Lunge jetzt wieder Platz hat und beim Aufstehen meinen Bauch festzuhalten, die Organe haben nämlich auch wieder Raum.
Trotz des Versuchs gaaaanz flach zu atmen, setze ich mich ganz schnell wieder hin und habe – hui – Sterne vor Augen. Zu viel Sauerstoff. Beim zweiten Versuch klappt es und trotz des Festhaltens rumpelt es in meinem Bauch, als verschiedene Organe zurück an ihre Plätze wollen.
Die Dusche tut gut!
Danach lege ich den Kleinen das erste Mal an und das klappt super!
Thomas macht noch ein paar wirklich schöne Fotos von uns in diesem Moment und dann sind wir auch schon auf dem Weg nach Hause. Zu dritt! Als Familie.

Als Familie nach Hause

Thomas: So wunderschön klar wie der Tag begonnen hat, so heiß ist er jetzt, und es wird eine Heimfahrt bei gefühlten 30°C ohne Klimaanlage, allerdings wurde uns gesagt, dass das gar nicht schlimm sei, da der Kleine ja bis gerade noch in 37°C gewesen ist. Es geht also nach Hause. Als Familie.

Rike: Es war eine wunderschöne Geburt! Ich habe mir sehr gewünscht, dass ich das Kind so selbstbestimmt und interventionsfrei wie möglich zur Welt bringen darf und hatte das große Glück eine Schwangerschaft zu haben, die das erlaubt hat und trotz der bescheidenen Situation der Hebammen einen Platz im Geburtshaus zu bekommen.
Es war zwar alles viel schneller als gedacht, aber es war genau so, wie es für mich gut war – so viel Unterstützung wie möglich und so wenig Intervention wie möglich.
Vielen Dank an die tollen Hebammen und meinen Liebsten!

Vielen Dank Rike und Thomas für eure Geschichte(n)!

Da die Geburt von Rike so schön verlaufen ist, habe ich sie dann noch nach ihrem persönlichen Tipp an alle Erstlingsmütter gefragt. Sie schrieb mir Folgendes:

„Freut euch und seid mutig! Ihr kennt euch und euren Körper am Besten, besser als jeder Arzt. Lasst euch nicht verunsichern und keine Angst machen, weder in der Schwangerschaft, noch unter der Geburt. Seid aufgeklärt, hinterfragt und vor allem: glaubt an euch! Besteht darauf Herrin der Lage zu sein und zu bleiben.
Niemand darf über euren Kopf hinweg Entscheidungen treffen, auch wenn viele Leute versuchen werden, genau das zu tun. Im Zweifel holt euch eine zweite Meinung ein. Und eine dritte wenn nötig. Eine Geburt kann wunderschön sein. Schafft euch den Rahmen und holt euch genau die Unterstützung, die ihr dafür braucht.“

Dem kann ich mich nur anschließen! Und wie seht ihr das so?

PS: Hat noch jemand einen Geburtsbericht mit Väterperspektive auf Lager? Ich könnte mir vorstellen, das Format öfter mal zu bringen. Wie hat es euch gefallen? Wollt ihr mehr davon?

 

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17 Kommentare
  1. TAC
    TAC sagte:

    Das ist so ein wunderschöner Geburtsbericht. Und den Tipp an die Erstlingsmütter unterschreibe ich sofort.
    Unser erstes Kind kam vor 10 Jahren im KH zur Welt und niemand hatte mir vorher gesagt, dass ich die Bestimmerin bin und sein darf. Unser zweites Kind kam vor 6 Jahren im Geburtshaus zur Welt. Meine Wünsche wurden respektiert die Geburt war gut. Nun bin ich noch einmal schwanger und weiß genau, was ich möchte oder auch nicht will. Hier gibt es in der Nähe nur noch eine einzige Hebamme, die außerklinische Geburt anbietet und sie hat mich genommen. Ich freue mich auf die Geburt im Frühling und hoffe, unser Küken kommt etwas früher, denn am ET hat die Hebamme Urlaub.
    Ich würde sehr gerne weitere Geburtsberichte dieser Art lesen. Vielleicht hat ja der Herr TAC Lust, mit mir einen solchen zu schreiben.
    LG von TAC

    Antworten
  2. Anna
    Anna sagte:

    Sehr schöner Geburtsbericht! Ich finde die Vaterperspektive auch klasse und kann mir das für unsere 2. Geburt (Geburtsbericht) auch gut vorstellen…

    Mein 2. Sohn kam am 28.10. auch im Geburtshaus auf die Welt. Einen Geburtsbericht habe ich bisher noch nicht schreiben können, da wir noch zu sehr mit neu organisieren, kuscheln, stillen etc beschäftigt sind.
    Wenn wir es dann bald mal schaffen uns damit zu befassen, würde ich mich gerne nochmal melden!

    Antworten
  3. Andrea
    Andrea sagte:

    So ein schöner Geburtsbericht! Ich erkenne viele Parallelen zur Geburt meiner Tochter! Und der gleiche Gedanke zur Hausgeburt überkam mich auch vor der Abfahrt ;)

    Antworten
  4. Tiffany
    Tiffany sagte:

    Ich war richtig gefesselt beim lesen und hatte das Gefühl live bei der Geburt dabei zu sein.
    Ich finde das es wirklich eine wunderschöne Geburt war.

    Antworten
  5. Antonia
    Antonia sagte:

    Sehr schöne Geburt, sehr schöner Bericht! Doch warum war das erste Stillen erst nach den Untersuchungen und dem Duschen? Gut, dass es trotzdem gut geklappt hat.

    Antworten
    • Jana Friedrich
      Jana Friedrich sagte:

      Kann ich dir nicht sagen. Vielleicht war der Kleine noch müde, von der Geburt? Vielleicht war es das Bedürfnis der Mutter…?
      Klar, direkt nach der Geburt zu Stillen ist immer optimal. Aber in einer geborgenen Atmosphäre klappt es in der Regel auch, wenn es verzögert stattfindet.

      Antworten
    • Jana Friedrich
      Jana Friedrich sagte:

      Hallo Mona, gerne an: jana@hebammenblog.de

      Schicke mir bitte den Bericht, mit der Veröffentlichungserlaubnis und ein Foto im Querformat.
      Des Weiteren müsste ich wissen, ob das Ganze anonym, oder mit Deinem richtigen Namen erscheinen soll.
      Sobald ich den Artikel vorbereite kontaktiere ich Dich dann nochmal. Manchmal habe ich auch noch mal einige Fragen.
      So weit?
      Lieben Gruß
      J

      Antworten
  6. Claudia
    Claudia sagte:

    Hallo Jana, das ist wirklich ein schöner Bericht. Erst als unserer fertig war, bin ich auf Düsen hier gestoßen und dachte „ach, da hatte noch jemand die Idee“ ;-) Ich mag den Perspektivenwechsel sehr. Ich finde dass das Geburt erleben des Vaters gesellschaftlich viel mehr in den Vordergrund treten sollte.
    Unseren Bericht findest du hier:

    https://herzohr.wordpress.com/2018/01/26/unsere-traumgeburt-im-geburtshaus-duesseldorf/

    Bin gespannt was du dazu sagst.

    Liebe Grüße und weiter so! Ich finde deinen Blog ganz toll!

    Alles Liebe,
    Claudia

    Antworten

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