Geburtsmantra - Ich öffne mich wie eine Blume

Mein Geburtsmantra aus der Hölle

Als meine Tochter vor knapp 17 Jahren geboren wurde, war ein Geburtsmantra noch nicht wirklich Bestandteil eines Geburtsvorbereitungskurses. Ich war zu der Zeit bereits Hebamme und hatte ein Bild einer sich öffnenden Blüte im Kopf, die den Muttermund symbolisieren und mir als Visualisierung bei der Eröffnung helfen sollte. Aber einen speziellen Satz, also eine Affirmation oder gar ein richtiges Mantra, an dem ich mich festhalten konnte, hatte ich nicht – leider!

mantralos in Beckenendlage

Geplant hatte ich eigentlich eine Hausgeburt, aber mein kleines Dickköpfchen trat in den Sitzstreik und war weder mit Überzeugungskraft, noch mit indischer Brücke, Moxibustion oder einer handfesten Wendung dazu zu bewegen, in die Schädellage zu wechseln. Und noch heute braucht man sehr gute Argumente, um sie von einem Standpunkt abzubringen.
Habe ich das aber vielleicht unbewusst selbst mit verursacht? Denn BEL-Geburten hatten schon immer einen besonderen Reiz für mich. Ich habe jedes Mal gerne bei den Wendungsversuchen mitgeholfen – ein Job, um die sich die meisten Hebammen nicht gerade rissen. Das hat mir später einmal sehr geholfen, als ich… aber das ist eine andere Geschichte und kann hier nachgelesen werden.
Wie auch immer: Eine Beckenendlage als Hausgeburt war mir damals deutlich zu heiß, so dass ich in der 36.+x Schwangerschaftswoche nun doch entschied, zur Geburt in die Klinik zu gehen. Aber in welche? Ich arbeitete ja in der Berliner Frauenklinik am Mariendorfer Weg – damals die größte Geburtshilfe Deutschlands. Wir waren auf Wendungen und Beckenendlagengeburten spezialisiert. Eine Kinderklinik war auch angegliedert. Ich kannte dort einfach alles: die Abläufe, das Personal und doch… in so einer Riesenklinik wollte ich mein Kind eigentlich nicht zur Welt bringen. Andererseits wusste ich natürlich auch um meinen dortigen Heimspielbonus!
Nachdem dann aber sowohl meine Wunschkollegin, als auch meine Lieblingsoberärztin – die mit den „geburtshilflich goldenen Händen“ – zusagten mich zu betreuen, konnte ich mich mit dem Gedanken einigermaßen anfreunden.
So viel zur Vorgeschichte.

Es geht los

Meine kleine Schnecke ging zwei Tage über den Termin, dann war es soweit.
Ich wachte früh morgens von den ersten Wehen auf, die sich dann rasch steigerten. Nach einem Bad und ein paar Stunden Wehenveratmung zu Hause beschlossen wir, dass es nun Zeit wäre in den Kreißsaal umzuziehen.
Die Autofahrt dauerte nur eine Viertelstunde, war aber (bis auf die deutliche Übergangsphase sehr viel später), das Schlimmste an der Geburt. Angeschnallt zu sein, und mich nicht bewegen zu können, war gar nicht gut!

In die „Abstellkammer“

In der Klinik angekommen, lief erst einmal alles perfekt. Ich wurde sofort in meinen Wunschkreißsaal durchgewunken, wo ich mich dann weiter fleißig in den Hüften wiegte und vor mich hin tönte.
Damals war es noch total üblich einen Einlauf zu bekommen und auch wenn die Wehen schon relativ häufig kamen, erklärte ich mich damit einverstanden. Das war einfach so selbstverständlich für mich. Leider hatten die einzelnen Kreißsäle dort aber keine Toiletten.
An diesem Tag war im Kreißsaal ganz schön was los! Die Klinik hatte zwei Aufnahmezimmer, drei Bäder, acht Kreißsäle und eine separate Vorwehenstation. Es war es rappelvoll. Das heißt, dass die regulären Badezimmer bereits besetzt waren. Es gab aber noch ein Bad, das eigentlich nur zum Duschen – für Frauen nach der Geburt – benutzt wurde. Und eine kleine Toilette gab es dort auch. Das war alles Andere als kuschelig, eher so eine Art Abstellkammer…

Aufrechte Geburtsposition & Zettelwirtschaft

In diesem „Raum“ bekam ich dann meinen Einlauf. Wer auch schon mal dieses zweifelhafte Vergnügen hatte, der weiß, dass man sich danach besser eine Zeit lang nicht all zu weit von der Toilette wegbewegen sollte. Dennoch hatte ich während der Wehen das Bedürfnis zu stehen und mich vornüber irgendwo drauf zu lehnen. In der Kammer stand eine Waschmaschine, die ich für mich sofort als das Objekt mit perfekter Höhe identifizierte.
Ich beugte mich also Wehe für Wehe über das Gerät und tönte vor mich hin. Dabei entdeckte ich einen Zettel, der oben auf dem Gerät klebte. Da ich in der Klinik ja auch arbeitete, wusste ich, dass in dieser Waschmaschine Stillkissen und andere bunte Wäsche gewaschen wurde, die wir Hebammen zur Verschönerung des Kreißsaals angeschafft hatten und die wir nicht einfach der Großwäscherei anvertrauen wollten. Den Zettel hatte die Oberhebamme mit einem dicken, roten Edding geschrieben. Darauf stand (so in etwa):

Achtung, Achtung! Dieses Waschmittel ist sehr stark!

Bitte entsprechend genau nach Anleitung dosieren – es frisst sonst die Wäsche.
Auf keinen Fall mehr benutzen, weil es ein Teufelszeug ist!!!

In meiner Erinnerung kamen danach noch diverse Verwünschungen hinzu, was alles bei Zuwiderhandlung passieren würde.
So weit, so unspektakulär. Ich verbrachte also einige Wehen über den Text gelehnt und las ihn wohl unbewusst wieder und wieder.

Mein Teufels-Mantra

Irgendwann beschloss ich, dass es jetzt an der Zeit wäre, in meinen Kreißsaal zurück zu kehren. Ich fuhr also mit meiner Wehenarbeit fort, bis ich plötzlich bemerkte, wie sich in meinem Kopf immer wieder Worte zu Satzfragmenten formten: „Achtung, Achtung… weil es ein Teufelszeug ist, weil es ein Teufelszeug ist, ein Teufelszeug…“ Ich bekam es nicht mehr aus meinem Kopf.
Mein Unterbewusstsein hatte sich etwas gesucht, auf das es sich konzentrieren konnte: „Weil es ein Teufelszeug ist…“. Als Gegenmaßnahme versuchte ich mich auf mein Lotusblumenbild zu konzentrieren: „…ein Teufelszeug ist…“

Wie gerne hätte ich doch einen schöneren Satz wiederholt. So etwas wie:

  • Ich bin stark
  • Ich kann das
  • Mein Körper kann das
  • Ich öffne mich wie eine Blume
  • Mein Baby und ich wir sind ein starkes Team – wir arbeiten zusammen

Irgendwas nettes, ein echtes Geburtsmantra – aber stattdessen immer wieder: „Weil es ein Teufelszeug ist – Achtung, Achtung, ein Teufelszeug!“.
So brachte ich meine Tochter auf die Welt.

Geburtsmantra

Abschließend sei noch gesagt, dass es trotz des Teufelsmantras eine sehr schöne Geburt war. Seitdem rate ich jeder Frau, sich (rechtzeitig) ein schönes Geburtsmantra, eine Affirmation oder einen Mut machenden Satz auszudenken. Völlig Esotherik-frei! Einfach nur, um dem Köpfchen etwas zu geben, woran es sich festsaugen kann.

 

 

Wenn mir Frauen heute von ihren Geburten erzählen, spielt so ein schönes Geburtsmantra oft eine wichtige Rolle. Sie berichten mir mit leuchtenden Augen von diesen wunderbaren Festhaltesätzen und ich lächle nur und nicke: Ich weiß genau, was sie meinen…

So, und jetzt bin ich gespannt auf eure Geburtsmantren und hoffe auf ein paar Knaller… Oder bin ich hier die Einzige mit einem „mantra terrible“?



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12 Kommentare
  1. Sophie (Kinder haben ...und glücklich leben!)
    Sophie (Kinder haben ...und glücklich leben!) sagt:

    Haha, das kenne ich gut! In Stresssituationen habe ich das auch oft, dass mir plötzlich absurde Satzteile im Kopf rumschwirren – und ich oft keine Ahnung mehr habe, wo die eigentlich herkommen.

    Ich bin mit dem Vorsatz in die Geburt gegangen, das ganze “sportlich” zu absolvieren. Ich hatte in der Schwangerschaft viel Yoga gemacht und war oft Schwimmen. Mein Ehrgeiz war also, da körperlich stark und heil rauszukommen. Hat ganz gut geklappt, auch wenn ich im letzten Moment dann doch rumjammerte. Die Hebamme erinnerte mich dann netterweise an meinen sportlichen Ehrgeiz. ;)

    Antworten
  2. A Bullerbü Life
    A Bullerbü Life sagt:

    Hm, trotz zweier recht unkomplizierter außerklinischer Geburten, habe ich bisher irgendwie kein Geburts-Mantra. Vielleicht sollte ich mir eins für die nächsten Geburten überlegen, es scheint ja Wunder zu wirken. ;-)

    Antworten
  3. Katha
    Katha sagt:

    Hallo!

    Ich musste grade wirklich schmunzeln. Danke für den etwas anderen “Geburtsbericht”. ;-)

    Ich hatte in der Austreibungsphase ein Mantra und das hieß “Nicht atmen Krümel, Mama holt dich da raus”. Das Fruchtwasser war nämlich grün und ich hatte Angst, dass Sohnemann etwas davon einatmet und in die Kinderklinik verlegt werden muss. Dann wären wir in unterschiedlichen Krankenhäusern gewesen..

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  4. Jana
    Jana sagt:

    Haha… ich musste gerade herzlich lachen.

    Wenn bei mir Stress herrscht während einer Geburt, da schwirren mir auch manchmal Stimmen im Kopf rum, von denen ich mir eigentlich gar nicht so sicher bin, ob sie letztlich von mir selbst kommen.

    Wahnsinnig bin ich deswegen aber (hoffentlich) nicht.

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  5. Sabine
    Sabine sagt:

    Nach einer schlimmen Geburtserfahrung mit meiner Tochter hatte ich mir für die Geburt meines Sohnes jede Menge Mutmach-Formeln zurechtgelegt, und in einem kleinen Büchlein aufgeschrieben. Da sich Sohnemann 10 Tage Zeit ließ – genau das, wovor ich mich am meisten gefürchtet hatte – waren die Tage vor der Geburt sehr aufreibend und von Angst geprägt. Da half es mir ganz unglaublich, immer und immer wieder Bonhoeffers “Von guten Mächten” vor mich hin zu singen. Alle sechs Strophen, ich kann sie immer noch auswendig. Ohne dieses Lied wäre ich wohl völlig verzweifelt.
    Als es dann endlich losging, waren aber weder Büchlein noch Mantras nötig, im Eifer des Gefechts habe ich das alles auch völlig vergessen. Und diesmal durfte ich eine wunderschöne, normale Geburt erleben. Ein bisschen schade finde ich bloß, dass das Lied jetzt, im Nachhinein, nicht mehr annähernd die Wirkung zeigt wie damals. Aber vielleicht sind auch einfach nicht mehr so viele Ängste da, die es zu bezwingen gibt :-)

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  6. Carina
    Carina sagt:

    Hallo Sabine!
    Würde mich gerne austauschen über eine natürliche Geburt nach schlechter erster Geburtserfahrung. Würde mich freuen, wenn Du mir schreibst.
    Gruß Carina

    Antworten
  7. Alba
    Alba sagt:

    Liebe Jana,
    ich habe gerade Tränen gelacht! Ich stehe kurz vor der Geburt meines ersten Kindes und habe noch kein Mantra, wäre vielleicht eine gute Idee…
    Schöne Grüße
    Alba

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Trackbacks & Pingbacks

  1. […] drauf). Ich wünschte, ich hätte bei meiner ersten Geburt ein richtiges Geburtsmantra gehabt, aber meins kam damals leider aus der Hölle. […]

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